Schalom, Frau Investorella

Seit Larissa Kravitz ihre jüdischen Wurzeln entdeckte, hat sich ihr Leben tiefgreifend verändert.

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© Anna Goldenberg

Ich war zum ersten Mal im Leben total frei.“ Das dachte sich Larissa Kravitz vor vier Jahren. Damals ist sie 31 Jahre alt, hat gerade versucht, ein Unternehmen zu gründen. Sie entwickelte eine Anwendung, die den Einfluss von sozialen Medien auf Börsenkurse vorhersagte. „Mein Algorithmus war super, aber mein Geschäftsmodell stimmte nicht.“ Nun ist sie auf einmal ohne Job, in einer Wohnung zur Untermiete, und zum ersten Mal seit Jahren single. Aber was sich wie eine Niederlage anfühlte, war eigentlich ein Geschenk.
Die gebürtige Österreicherin und studierte Finanzmathematikerin, die zuvor als Aktenhändlerin in Wien und als Treasury Managerin bei einem Prager Solarenergieunternehmen gearbeitet hat, beschließt, einen Traum wahr zu machen: ein paar Monate in Israel zu verbringen. Den hegt sie, seit sie herausgefunden hat, dass sie möglicherweise jüdische Wurzeln besitzt: Als in Tschechien eine Statistik aus dem Melderegister veröffentlicht wurde, machten sich ihre damaligen Kollegen einen Spaß daraus, namensgleiche Personen zu suchen. Die Familie von Larissas Mutter stammt aus Tschechien. Larissa gesellte sich zu den Kollegen: Ob man nicht den Namen Schalek heraussuchen wolle? Eine Kollegin sah sie an: „Das ist ein jüdischer Name.“

„Der jüdische Hintergrund würde einiges erklären“, sagt Larissa, die katholisch aufwuchs, heute. Etwa, warum ihre Großmutter, evangelisch getauft, am Freitag Abend immer Kerzen anzündete, „Strizel“ backte und Fernsehen am Samstag verbat. Larissa begann, sich über das Judentum zu informieren. „Ich muss nach Israel“, dachte sie sich damals. Doch es war das Jahr 2009, viele in der Finanzbranche waren arbeitslos und sie traute sich nicht so recht „ein tolles Leben wegzuschmeißen“. Sieben Jahre sollten vergehen, bis sie den Plan wahr machte.

„Der jüdische Hintergrund würde einiges erklären“,
sagt Larissa, die katholisch aufwuchs, heute.

Aber zuvor ein Tinder-Date. Zum Spaß. Mit einem Avi, dunkler Anzug, schwarze Sonnenbrille, in Israel geboren und in Wien aufgewachsen. Sie unterhielten sich stundenlang. Aber kein zweites Treffen, Larissa wollte ja weg. Israel gefiel ihr, nach einem halben Jahr kehrte sie dennoch nach Wien zurück. Und kam über einen gemeinsamen Freund wieder mit Avi in Kontakt. Jetzt hatte sie nur ein Problem: In Israel hatte sie begonnen, die Regeln der Halacha zu befolgen; er war säkular. „Er wird das nicht wollen“, fürchtete sie. Doch Avi wollte. Seit 2016 sind die beiden ein Paar; dieses Jahr heirateten sie, heute trägt Larissa zum ersten Mal ein Schwangerschaftskleid. Selbstverständlich mit langen Ärmeln, denn Larissa ist übergetreten. Die beiden leben religiös.
Als „Investorella“ (www.investorella.com) hat sie sich kürzlich selbstständig gemacht, gibt Investment-Workshops für Frauen, produziert einen Podcast und schreibt ein Buch. Die älteste Investmentstrategie der Welt, erklärt sie, stammt übrigens aus dem Talmud: Ein Drittel des Geldes soll man in der Erde eingraben, ein Drittel an die Hand binden und ein Drittel für Geschäfte verwenden. In moderne Zeiten übersetzt: Immobilien, Anleihen, Aktien. Ihr eigenes Portfolio hat sie natürlich nach diesem Prinzip bestückt.

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