Schawuot und die PFLICHT ZUR CREMIGKEIT

Einmal im Jahr ist Cheesecake kein Genuss, sondern Tradition. Zu Schawuot feiern Juden weltweit den Empfang der Tora und tun dies am liebsten mit einem cremigen „Käsekuchen“ auf dem Teller.

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Mürber Boden, cremige Mitte, fruchtiges Topping: Festtagsgericht Topfentorte. © KI-generiertes Bild Gemini/ Ella Croitoru-Weissman

Schawuot hat im Vergleich zu anderen Feiertagen relativ wenige Symbole – es gibt keinen Schofar, keine Laubhütte, keinen Sederabend und keine Chanukkia. Im Laufe der Zeit haben sich jedoch Käsekuchen und Blintzes zu typischen Symbolen von Schawuot entwickelt. Geprägt durch die Regeln der Kaschrut gibt es eine große Auswahl an Backwaren, die entweder „milchig“ oder „parve“, also neutral sind. Die Vielfalt an Rezepten, die Butter, Frischkäse, Topfen oder Rahm enthalten, ist riesig (Rezepte u. a. unter myjewishlearning.com/the-nosher).

Cheesecake in der Antike. Schawuot, das Wochenfest, erinnert an die Übergabe der Tora an Moses auf dem Berg Sinai. Neben dieser religiösen Bedeutung hat sich auch eine kulinarische Tradition etabliert, die den Schwerpunkt auf den Verzehr von Milchprodukten legt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine oft genannte Erklärung hat eine symbolische Bedeutung: Die Tora wird mit „Milch und Honig“ verglichen, die für Reinheit und Süße steht. Eine andere Interpretation besagt, dass die Israeliten nach dem Erhalt der Speisegesetze anfangs keine koscheren Fleischgerichte zubereiten konnten und daher auf Milchprodukte zurückgreifen mussten.

Tatsächlich existieren Rezepte für Käsekuchen bereits seit fast 3.000 Jahren – von Kuchen und Blintzes (Palatschinken) bis hin zu Gebäck, Torten und Mousse. Die Ursprünge lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen, wo Käsekuchen bei den ersten Olympischen Spielen 776 v. Chr. den Athleten zur Stärkung angeboten wurde. Das erklärt vielleicht auch, warum Käsekuchen bei den wohlhabenden Griechen als traditionelle Hochzeitstorte gebacken wurde.

Erst im 18. und 19. Jahrhundert begannen Juden in Mittel- und Osteuropa, Käsekuchen zu backen. Dieses Dessert passte hervorragend zu Schawuot. Die Herstellung von weichem Topfen war ideal, um die Haltbarkeit überschüssiger Milch zu verlängern. Doch erst die jüdischen Einwanderer aus Süd- und Osteuropa, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten kamen, schufen die heutige populäre Kultur um den Cheesecake.

Moderne Tradition. In diesem Zusammenhang hat sich der Cheesecake zu einem der bekanntesten und beliebtesten Desserts zu Schawuot entwickelt. Seine cremige Textur und sein milder Geschmack machen ihn zu einem idealen Nachtisch für das Fest. Käsekuchen ist natürlich nicht gleich Cheesecake. Das traditionelle Schawuot-Gericht gibt es in unzähligen Varianten, darunter mit Vanillecreme, als Mousse, mit Streuseln, verschiedenen Toppings und vielen anderen Möglichkeiten. Die Kuchen werden aus zahlreichen Käsesorten zubereitet, wie Mascarpone, Ricotta, Frischkäse, Topfen, Gvina Levana – es gibt kein Ende der Vielfalt. Der Teigboden kann entweder aus Mürbteig oder zerstoßenen Keksen bestehen. In vielen jüdischen Haushalten werden Familienrezepte mit eigenen Varianten weitergegeben, sei es durch die Zugabe von Rosinen, Streuseln oder einer besonderen Gewürzmischung. Die Vielfalt der Rezepte hat sich je nach geografischem Ort und Zeit weiterentwickelt, wobei neue Zutaten und moderne Technologien die heutige Form des Käsekuchens beeinflusst haben.

Das milchige Fest. Während Fleischgerichte normalerweise für festliche jüdische Anlässe stehen, ist Schawuot das „milchige“ Fest schlechthin. Dass zu Schawuot Käsekuchen, Blintzes und andere Milchspeisen gegessen werden, ist eine der köstlichsten modernen Traditionen im Judentum. Warum Juden zu Schawuot milchig essen, dafür gibt es verschiedene religiöse, historische und mystische Erklärungen.

Die bekannteste Erklärung ist, dass die Israeliten mit der Tora auch die komplexen Speisegesetze der Kaschrut erhielten – dazu gehören beispielsweise das korrekte Schächten von Tieren und die Trennung von Milch und Fleisch. Da die Tora der Überlieferung nach an einem Schabbat übergeben wurde, war es den Israeliten nicht gestattet, Tiere zu schlachten oder ihre Kochutensilien rituell zu reinigen (kaschern). Aus diesem Grund waren Milchprodukte die einzige sofort zugängliche und erlaubte Nahrungsquelle. Eine andere Theorie findet im Hohelied (4, 11) eine Deutung für den Verzehr von Milchprodukten im übersetzten Tora-Vers „Honig und Milch ist unter deiner Zunge“. Käsekuchen und süße Milchgerichte symbolisieren so die Süße und den spirituellen „Nährwert“ der g’ttlichen Lehre. Dies könnte auch mit dem Hinweis auf Israel als das Land, in dem Milch und Honig fließen, verbunden sein.

Eine weitere Erklärung bezieht sich auf die Zahlenmystik Kabbala. Das hebräische Wort für Milch ist Chalaw ( .(חלב Wenn man die Zahlenwerte der Buchstaben addiert, ergibt das die Zahl 40. Dies entspricht genau der überlieferten Anzahl der Tage, die Moses auf dem Berg Sinai verbrachte, um die Tora zu empfangen.

Cheesecake im Wandel. Das Backen selbst ist oft ein gemeinschaftliches Erlebnis. Familien kommen zusammen, um gemeinsam zu backen, Rezepte auszutauschen und die Vorfreude auf das Fest zu genießen.

Jüdisches Backen wurde auch stark durch Migration geprägt, und so haben jüdische Gemeinden in Europa, Nordafrika oder dem Nahen Osten jeweils eigene Backtraditionen entwickelt, die lokale Zutaten und Geschmäcker widerspiegeln.

Aschkenasische Juden feiern Schawuot mit Gerichten wie Käsekuchen, Blintzes und mit Käse gefüllten Kreplach. Sephardische Juden genießen Bourekas, die oft mit Feta gefüllt sind, sowie ein Milchbrot, das „Pan de siete cielos“ (Brot der sieben Himmel) genannt wird. Syrische, irakische, persische und indische Juden essen unter anderem Käsetaschen, die Sambusak genannt werden.

Der israelische Käsekuchen ist dem amerikanischen zwar ähnlich, stellt aber eine ganz eigene Spezialität dar. Der in Israel servierte Käsekuchen hat seine Wurzeln in deutschen Backtraditionen, die von jüdischen Einwanderern mitgebracht wurden. Während in den USA häufig reichhaltiger Frischkäse anstelle von Topfen oder Quark verwendet wird, greift man in Israel auf Gvina Levana zurück. Dieser weiche, cremige Frischkäse ist dem Topfen bzw. Quark sehr ähnlich. Diese kleine Anpassung macht aber einen deutlichen Unterschied – israelischer Käsekuchen ist meist leichter und weniger üppig als sein amerikanisches Pendant.

Abgesehen von der Käsesorte gibt es weitere Unterschiede zwischen den beiden Kuchen. Beide enthalten Eier, Zucker, Sauerrahm und ein Aroma, wie Vanilleextrakt oder Zitronenschale. Amerikanischer Käsekuchen enthält jedoch oft Weizenmehl in der Käsefülle, der diese bindet und andickt. Israelischer Käsekuchen hingegen wird mit Maisstärke oder manchmal sogar mit Puddingpulver zubereitet.

Der Cheesecake zu Schawuot ist viel mehr als nur ein Dessert. Er ist ein Symbol für Tradition, Anpassungsfähigkeit und die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. In jedem Bissen steckt ein Stück Vergangenheit und die Erinnerung, wie wichtig es ist, kulturelle Wurzeln zu bewahren, Generationen zu einer Gemeinschaft zu verbinden und gleichzeitig offen für Neues zu bleiben. Die brennende Frage, welches Rezept das „beste“ ist, muss jeder letztendlich selbst beantworten. Wie ein jiddisches Sprichwort sagt: Zwei Käsekuchen, drei Meinungen.

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