„Das Scheitern Wiens war Zions Sieg“

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Shlomo Avineri zeigt in seiner brillanten, nun endlich auch in deutscher Übersetzung vorliegenden Herzl-Biografie, wie historisch verwurzelt und gleichzeitig aktuell der Gründervater des jüdischen Staates ist. Und dass er ohne Wien undenkbar wäre. Mit dem prominentesten Politikwissenschaftler
Israels sprach Anita Pollak.

WINA: Welche Rolle spielt Theodor Herzl heute im politischen und öffentlichen Leben? Ist er nur noch ein Mythos, eine Ikone?

Shlomo Avineri: Herzl war immer eine Ikone. Jedes Schulkind in Israel kennt seinen Namen, aber oft nicht viel mehr. Herzl war der Visionär des jüdischen Staates, das wissen alle. Aber er hat ja nicht nur den jüdischen Staat in Palästina vorausgesehen, sondern auch, dass dieser eine arabische Minderheit haben wird, mit der man sich auseinandersetzen muss. Er hat ein liberales, demokratisches, pluralistisches Israel gesehen, in dem Nicht-Juden, vor allem Araber, gleichberechtigt sein sollen. Er hatte nicht die Vision eines exklusiv jüdischen Staates, sondern die Vision eines jüdischen Nationalstaates mit gleichberechtigten Minderheiten und darüber hinaus die Vision eines sozialen Wohlfahrtstaates. Das sind wichtige Elemente, die in gegenwärtigen Debatten in der israelischen Politik vielleicht sogar präsenter sind als in der Vergangenheit.

„Er beginnt als Privatmann und schafft etwas ganz Neues, das ist das Großartige.“ Shlomo Avineri

Herzls Schrift „Der Judenstaat“ ist vor genau 120 erschienen. Wurde dieses Jubiläum in Israel wahrgenommen?

❙ Ja, das Wichtigste ist aber nicht die Schrift, sondern der erste Zionistenkongress 1897, das wird hier eher gefeiert. Es gab ja auch schon vor Herzl zionistische Bücher und Schriften, aber sie hatten keine politischen oder organisatorischen Konsequenzen. Herzl war eben nicht nur ein Visionär, sondern auch ein Akteur.

Sie sind der bedeutendste Politikwissenschaftler Israels. Wieso haben Sie sich erst relativ spät mit Herzl intensiv beschäftigt?

❙ Vor mehr als zehn Jahren ist eine hebräische Übersetzung der Tagebücher Herzls erschienen, und ich wurde gebeten, die Einleitung dazu zu schreiben. Damals habe ich erstmals diese insgesamt 1.500 Seiten Tagebücher durchgeackert. Sie sind hochinteressant und wurden von vielen Biografen bisher nicht genug beachtet. Herzl hat tagtäglich niedergeschrieben, wen er getroffen hat, was ihm gelungen ist und woran er gescheitert ist. Daran sieht man, wie er sich entwickelt, wie er von seinen Fehlern und Erfahrungen gelernt hat, wie er den Kreis seiner Freunde und Unterstützer erweitert, wie er sich über die Lage der Juden informiert hat. Ich habe es eigentlich als Herzls Bildungsroman gelesen.

Meist wird angenommen, dass die Dreyfus-Affäre, von der er als Journalist aus Paris berichtete, Herzl zum Zionisten gemacht hat. Sie weisen aber nach, dass eher die Erschütterungen der Monarchie und der Antisemitismus in Wien besonders unter Lueger dafür Ausschlag gebend waren.

❙ Wenn man sich das Phänomen Lueger ansieht, liegt darin ein Paradoxon. Nicht nur, dass Lueger mit einem xenophoben Programm demokratisch gewählt wurde, war es überhaupt das erste Mal, dass ein Bürgermeister von Wien frei gewählt wurde. Das Tragische ist, dass gerade die Demokratisierung und Liberalisierung der Monarchie zu dieser populistischen völkischen Entwicklung geführt hat, was Herzl erkannte. Wir wollen glauben, dass mehr Demokratisierung zu mehr Liberalisierung führt, aber aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts lernen wir etwas anderes und sehen leider heute, dass in liberalen Ländern Europas nationale xenophobe Parteien in demokratischen Wahlen große Gewinne erzielen.

Könnte man sagen, ohne Wien kein Zionismus, oder, wie Sie schreiben, „das Scheitern Wiens war Zions Sieg“? Hieße das überspitzt, nicht in Basel, sondern in Wien wurde der Judenstaat gegründet?

❙ Aus negativer Sicht könnte man das sagen. Aber es war nicht nur Herzls Reaktion auf Luegers Wahl, sondern entsprang auch seinem tiefen Verständnis der Krise der habsburgischen Monarchie, der Zuspitzung der nationalistischen Bewegungen im ganzen Raum. Bis in die 1890er-Jahre hat er die Monarchie, die den Juden sowohl individuell als auch als Gemeinde ein humanes Leben im Rahmen dieses Vielvölkerstaat ermöglichte, als ein Bollwerk gegen diese radikalen Tendenzen gesehen.

Hing Herzl damit nicht auch der weit verbreiteten Emanzipationsillusion an?

❙ Genau. Herzl beginnt sein Leben im tiefen Glauben an diese Emanzipation, und dieser Glauben zerbrach in den 90er-Jahren. Für Herzl war die liberale und tolerante Atmosphäre der Mo­narchie ein Grundsatz nicht nur für das jüdische Leben, sondern für den Bestand der Monarchie selbst. Und er sah voraus, dass diese Basis auseinanderkrachen würde.

War Herzl also auch diesbezüglich ein Visionär?

❙ Ja, Herzl hat als liberaler und konservativer Denker die Gefahr der radikalen Nationalismen gesehen, die andere liberale, tolerante Menschen im Europa des Fin de Siècle unterschätzt haben. Da gibt es auch Parallelen zum heutigen Amerika. Bis vor wenigen Monaten haben liberale Demokraten die Entwicklung von Trump auch für unmöglich gehalten.

Spielt Ihre eigene Herkunft aus dem ehemaligen kakanischen Raum und die damit verbundene deutsche Muttersprache, die Sie ja noch immer perfekt beherrschen, bei Ihrem Verständnis für Herzl mit?

❙ In gewisser Hinsicht sicherlich ja. Unsere Familie war sozusagen eine kakanische Familie. Meine Großeltern kamen aus diesem Raum, ich bin in Bielitz in Schlesien geboren, das heißt, das alte österreichische Reich war mir bewusstseinsmäßig nicht ganz fremd, das hat sicher auch mein Interesse daran gefördert.

Ihr Buch ist nicht zuletzt ein breit angelegtes Zeitbild, aus dem man erkennen kann, wie sehr Herzl auch ein Kind seiner Zeit und seines kulturellen Lebensraums war. Herzls Vorliebe für Wagner schildern Sie zum Beispiel ausführlich, während Sie seine Familie ausklammern. Hat sein Privatleben für Herzls Entwicklung gar keine Rolle gespielt?

Shlomo Avineri:  Theodor Herzl und  die Gründung des jüdischen Staates. Aus dem Englischen von Eva-Maria Thimme. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. 363 S., € 27,50
Shlomo Avineri:
Theodor Herzl und
die Gründung des jüdischen Staates.
Aus dem Englischen von Eva-Maria Thimme. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag.
363 S., € 27,50

❙ Das ist eine Frage, die ich nicht adäquat beantworten kann. Ich habe bewusst eine politische und intellektuelle Biografie geschrieben, es gibt ja bereits mehr als eine persönliche Biografie. Herzls Familienleben war sicher kompliziert, aber lassen Sie es mich salopp sagen: Im Wien am Ende des 19. Jahrhunderts hatten unter den zehntausenden Juden viele kein glückliches Familienleben, es gab auch Seitensprünge, aber keiner der Betroffenen hat eine historische Nationalbewegung geschaffen. Herzls Antrieb war nicht seine unglückliche Ehe, sondern wir sehen, wie sich aus einem bejahenden, integrierten, säkularen jüdischen Intellektuellen ein Skeptiker entwickelte, weil er als politischer Journalist und Denker die Gefahren der Zeit erkannt und sie im Gegensatz zu manchen anderen nicht unter den Teppich gekehrt hat. Herzl hat einen politischen Weg gesucht aus seiner Erkenntnis der Problematik der österreichischen Monarchie und der damit verbundenen Gefahr für die Juden.

Immer spürbar ist Ihre Bewunderung für Herzl. Auch für sein großartiges Scheitern, aus dem er lernt und an dem er wächst. Sehen Sie sich als der „gerechtere Geschichtsschreiber“, den er sich gewünscht hat?

❙ Das müssen andere beurteilen. Wichtig ist zu erkennen, welch unglaubliche Figur Herzl ist. Er war kein großer Intellektueller, kein Philosoph und hatte keine Position in der österreichischen oder jüdischen Politik. Er beginnt als Privatmann und schafft etwas ganz Neues, das ist das Großartige.

Shlomo Avineri wurde 1933 in Bielitz, Schlesien, geboren und emigrierte mit seiner Familie 1939 nach Israel. Nach einem Studium der Geschichte und Sozialwissenschaften in Jerusalem und in London wurde er 1973 Professor der Politikwissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem, wo er nach verschiedenen Gastprofessuren in den USA und Europa bis heute lehrt. Unter Jitzchak Rabin war er Generaldirektor des israelischen Außenministeriums. Er verfasste unter anderen Beiträge zu Marx, Hegels, Arlosorof und Moses Hess und wurde mit dem Israel-Preis ausgezeichnet.

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