SCHIACHE neue Dating-Welt

Ob auf der Suche nach einem passenden Partner oder einer angenehmen WG-Mitbewohnerin: „Keine Zionisten!“, lautet der immer lauter werdende Aufruf in den sozialen Medien.

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Es ist müßig, alles das zu wiederholen, was der 7. Oktober 2023 ausgelöst hat, es ist hinlänglich bekannt. Auch die Folgen für die Jüdinnen und Juden dieser Welt. Und es ist auch hinlänglich bekannt, dass das weltweite Netz eines der heftigsten Schlachtfelder zu all diesen Themen ist. Es wird von links, von rechts, von einer seltsamen Hybridisierung beider Bewegungen gleichermaßen eingesetzt.

Das ist für politisch motivierte Propaganda jeder Art ein beliebter und häufig genutzter Ort. Nach wie vor ist das weltweite Netz auch ein guter Lackmustest, was den globalen Antisemitismus anbelangt; und jedes Mal, wenn ich ihn durchführe, muss ich nicht lange suchen: Unter jeder Schlagzeile, die Israel oder Juden weltweit thematisiert, schäumt er hoch wie ein Tsunami. Nicht nur zu Berichten über Kriegsgeschehen. Sondern auch, wenn von einem Terrorattentat berichtet wird. Oder über Künstler:innen. Am schlimmsten sind die fleißig verteilten Deppen-Smileys. Das war mir bis jetzt nur von Rechtsextremen bekannt. Überraschung, andere ziehen nun fröhlich nach. Da wird entmenschlicht, was das Zeug hält. Täglich. Man kann sich ausrechnen, wohin diese galoppierende Entmenschlichung führen wird, wohin sie immer wieder geführt hat.  Verstärkt ins Tausendfache über das Virtuelle, das nur zu gern auf Klicks und Zugriffszahlen spekuliert, Halbgares raushaut und sich nicht darum schert, Unwahres je zu korrigieren, eine Lüge hat ja die ganze Welt umrundet, bis die Korrektur überhaupt in den Startlöchern steht. Juden morden, haben immer schon gemordet, schreit es vielstimmig aus vielen, viel zu vielen Kehlen. Das Anderl von Rinn bekommt damit quasi Überlichtgeschwindigkeitsantrieb. Oft genug von sehr bekannten Menschen, die ihm unbekümmert auf die Sprünge helfen wollen: Filmschaffende, Bands, Festspiele. Und das auch noch in bester Absicht. So weit, so eben traurig bekannt. Aber wie die Stimmung selbst in den privatesten, intimsten Bereichen kippen kann, das überrascht mich dann doch. Das Private ist politisch, das Politische wird privat: In Dating-Apps kann festgehalten werden, dass „Zionisten“ prinzipiell ein Ausschlussgrund sind. Was „Zionisten“ bedeutet, ist auch nicht klar umrissen, aber „Zionist“ ist heftig dabei, Antisemitismus salonfähiger ausleben zu lassen.

 

Das Private ist politisch, das Politische wird privat:
In Dating-Apps kann festgehalten
werden, dass „Zionisten“
prinzipiell
ein Ausschlussgrund sind.

 

Schlaft nicht mit Juden! Das lässt sich nicht so elegant sagen, da muss schon etwas mehr Codierung her. Aber ganz so intim muss es gar nicht werden! Bei Berliner WG-Plattformen wird laut einem Bericht in der taz auch schon angemerkt, dass man keine Zionisten wünscht. Ehrlich gesagt würde ich mit solchen Inserierenden auch eher nicht Tisch und Wände teilen wollen, insofern ist solches dankenswerterweise auch eine Art Frühwarnsystem.

Man möge sich allerdings vorstellen, was man gesellschaftlich links des Spektrums aufführen würde, wenn in diesen Apps beispielsweise vermerkt werden würde: keine Türken. Genau das ist der Punkt: Ich fände beides gleich verwerflich. Aber offenbar wollen das nicht alle so sehen.

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