Schiffbruch mit Online-Zuschauer

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David Shapiro schreibt im Internet über sein Leben. Wird bekannt, erhält $ 40.000 Buchvorschuss. Ein großartiger Roman folgt. Doch mit 25 geht er in Schrifsteller-Pension und wird lieber Anwalt. Wieso? Eine Autofahrt durch Brooklyn. Von Felix Diewald

Es ist noch nicht Mittag an diesem Frühlingsmorgen, und wir schießen in einem 3er-BMW auf der Atlantic Avenue Richtung Rockaway Beach. Die Autogaragen und Tuning-Werkstätten abseits der Straße verlieren sich im brüchigen Schatten der oberirdisch verlaufenden U-Bahn-Gleise. Mechaniker schrauben mit öligen Händen, die man nur wieder mit Waschsand sauber bekommt. Die Autos: meist japanisch – Heckantrieb, gut zum Driften – tragen ampelrote oder grellgelbe Heckspoiler mit Ornamenten in Flammenform. Die Karosserie eines Suzukis glänzt in Straßenschildblau-Metallic. Bestimmt stehen auch irgendwo Lachgasfässer rum. Wie allem in New York wurde auch diesem Ort längst ein Denkmal gefilmt: die Fast and the Furious-Filmreihe hat hier ihren Ursprung.

Rockaway Beach, Queens. Oder wie die Ramones singen: Rock Rock Rockaway Beach. Dort, wo der A-Train aufhört und Hurrikan Sandy 2012 begann, New York zu zerhauen. Die vorgelagerte Halbinsel unweit des John F. Kennedy International Airport am Rande New Yorks streckt sich bis weit hinaus in den Atlantik. Sie wirkt wie eine Sandburg, die Kinder am Strand bauen. Bei der nächsten Flut einfach so weggespült.

Shapiro3Die Geschichte, für die ich hier bin, beginnt auf einer Bürotoilette der Versicherung für Feuerwehrmänner New Yorks mit einem jungen Mann, der wild in sein Blackberry tippt. Es ist schon einige Jahre her, deshalb tippt David Shapiro noch in ein Blackberry und nicht in ein Smartphone. Den langweiligen Job in der Versicherung hat ihm seine Mutter vermittelt. David hat sein Studium beinahe beendet und keine Ahnung, was er eigentlich will. Nicht mal Internetanschluss hat er an seinem Büroschreibtisch.

So sitzt er oft, wenn nichts zu tun ist, auf der Bürotoilette mit seinem Blackberry und schreibt einen Blog. Er ist bisher immer einer von den Uncoolen gewesen. Knapp vorbei an der Großstadtjugend – in New York State aufgewachsen. In der Schule dick und unbeliebt, flüchtet er sich ins Musikhören. Im Studium dann wenigstens schnell. Kurz vor Uni-Abschluss an der New York University kommen dem Wirtschaftsstudenten dann Zweifel ob seiner zukünftigen Karriere. Geplant ist: Law School und sich hocharbeiten in einer der großen Anwaltskanzleien New Yorks. Eine Karriere. Aber eigentlich nur der Wunsch seiner erwartungsvollen Ärzte-Familie aus Israel. Er selbst will lieber über Musik schreiben und damit Geld verdienen.

David beschließt also im Internet zu bloggen

Der New Yorker Student nennt seine Website Pitchfork Reviews Reviews. Vordergründig schreibt er über Artikel in Musikmagazinen. Oder vielmehr: Er zerreißt so gut wie jede Rezension. Lästert, wieso dieser oder jener Gedanke des Autors falsch sei und was er hier und dort besser machen würde. Soweit so uninteressant.

Eigentlich erzählt David aber aus seinem privilegierten, vom Elternhaus finanzierten Studentenleben in New York. Berichtet einerseits von Dingen, die amerikanische Jugendliche in seinem Alter ebenso machen. Nächtliches Cruisen mit Freunden auf dem Fahrrad durch Brooklyn, vollgedröhnt mit verschreibungspflichtigen Medikamenten wie Klonopin. Im Supermarkt Alkohol stehlen. Mit Mädchen knutschen und sich danach doch nicht mehr melden. Andererseits aber schreibt David auch von Dingen, die er nie einer Person aus seiner unmittelbaren Umgebung erzählen würde.

Das hat mit der Blogging-Plattform-Tumblr zu tun, die der Musiknerd David benützt. Bei Tumblr handelt es sich um eine Blogging-Plattform, auf der Nutzer meist fiktive Persona erschaffen und Text, Bilder und Videos veröffentlichen. Von anderen Social Media unterscheidet sich Tumblr deutlich. Auf Tumblr ist es egal, wer du bist, es zählt, was du rebloggst. Auf Facebook und der Fotoapp Instagram dominieren etwa Happyness und positive Inhalte. Für Teenager und Anfangzwanziger ist auf Tumblr hingegen dank der Anonymität als Nutzer Platz für all die Versagensängste, die Traurigkeit, die Scham. Tumblr ist für die Schüchternen.

David Shapiro steht in den Blogeinträgen zu seinen Gefühlen wie Nackenhaare. Er schreibt, wie er beim Sex zu früh kommt. Angst hat, dass seine Haare mal nicht nach Shampoo riechen. Und fragt sich, ob er je eine echte Verbindung zu einem anderen Menschen aufgebaut hat. Diese knallharte Ehrlichkeit macht den Blog in der New Yorker Medienblase sehr schnell sehr erfolgreich. David wird nach kurzer Zeit von der New York Times porträtiert, schreibt für Magazine wie den New Yorker und trifft sogar Präsident Obama für fünf Sekunden.

Und plötzlich ist es vorbei. Seine Freundin zieht weit weg nach Kalifornien. Seine Eltern wollen das Hin-und-her-Fliegen nicht bezahlen. Nicht für ein nicht jüdisches Mädchen.  „Die brauchst du wie ein Loch in Kop, Junge!“, schimpft sein Vater auf Jiddisch. David hat keine Lust mehr, den Blog zu schreiben. Keine Lust mehr, vom Schreiben leben zu müssen. Weiß aber: Bevor er endgültig Anwalt wird, muss er seine absurde Internet-Berühmtheits-Story in einem Buch festhalten. Also stockt David noch einmal den Vorrat an Medikamenten gegen Angstzustände auf und beginnt zu schreiben.

David weiß, es gibt keinen großen Plot in seinem Leben

Deshalb versucht er, was schon bei seinem Blog funktioniert hat: sein Leben so brutal offen und ehrlich wie möglich zu erzählen. Er ist einer, der lieber lange Magazinartikel, so genannte Longreads liest als Bücher. So soll auch das Roman werden. Wenn du schon mal damit begonnen hast, kannst du es auch gleich fertig lesen. Mit dem lockeren Flow eines Schreibenden, der eigentlich nicht schreiben muss, der es nur nebenbei tut. Kurze Frage an den Junganwalt: David, wo lernt man die Kunst des Storytelling, des Erzählens? „In der Country Music. Dort gibt’s das beste Songwriting, klar!“

Shapiro1Bald findet sich ein Verlag – Amazon – und zahlt 40.000 Dollar Vorschuss für den Roman, der You’re not much use to any­one heißt. Was zunächst wie eine verwunderlich hohe Summe erscheinen mag, ist Businessalltag in New York. Einer Stadt, in der Dutzende Literaturagenten versuchen, das nächste große Dinge an die Verlage zu verkaufen.

Während er den Wagen zwischen den Schlaglöchern der Stadtautobahn hindurch lenkt, gibt David freimütig zu, dass dies sein erstes und zugleich letztes Buch ist. Wieso willst du jetzt eigentlich doch Anwalt werden, David? Fühlst du dich deinen Eltern gegenüber dazu verpflichtet?

„Ja, ich denke, ich muss einen ordentlichen Beruf haben. Vielleicht hat das mit der Post-Holocaust-Mentalität meiner Eltern zu tun. Als mein Vater aus Israel in die USA kam, musste er bereits sehr früh wissen, was er wollte. Ich glaube, wenn ich nicht Anwalt werde, würden meine Eltern denken, sie seien gescheitert.“ Und er fügt hinzu, dass sein eigener Karriereweg – erfolgreich in Journalismus und Anwaltskarriere – wohl nicht als Vorbild taugte. Und dass er unfassbares Glück hatte und sehr dankbar dafür sei. Hier werden Parallelen zum großen Schriftsteller und ehemaligem New Yorker Staranwalt Louis Beg­ley offensichtlich. Nur das Begley zuerst Wirtschaftsanwalt und anschließend Schriftsteller wurde. David hat die Reihenfolge einfach umgedreht.

Wie so viele gute Beobachter verfügt David selbst über kein Charisma, keinen signature sound, an dem man ihn festmachen könnte. Man muss sich den echten David Shapiro wohl als schüchternen, zuweilen etwas selbstgefälligen Menschen vorstellen. Aber auch als einen, der trotz Brille mit offenem Visier durch die Welt läuft.

David will nicht arrogant wirken

Er hat sich sehr gut überlegt, was er sagt. Im Gespräch legt er sich jede Antwort zuerst im Kopf zurecht, bevor er sie ausspricht. Weiß selbst als Journalist, welche Aussagen sich gut in einem Interview machen. Nur einmal stolpert er und gibt einen ungedeckten Moment frei: Wie lebt es sich heute, wo die Internet-Berühmtheit vorbei ist? David stammelt, schaut ins Leere – und gibt keine Antwort.

Es wirkt teilweise ganz schön akward. Die sozialen Codes einer Unterhaltung beherrscht er nicht. Kein bejahendes Nicken, kein „Mhm“. David ist einer, der zwischen Gesetzesbüchern bestimmt ganz gut aufgehoben ist.

Zum Abschied bringt er noch eine lässige Pointe. David Shapiro – der dem Internet alles zu verdanken hat – schenkt mir eine frühe Rohfassung des großen Romans dieser New Yorker Internetgeneration: Taipeh des Schriftstellers Tao Lin, mit dem Shapiro befreundet ist. Es ist dann – ganz komisch – auf einmal ein besonderes, echtes Geschenk. Nicht bloß ein Link, es ist ein Print-out, gedrucktes Internet.

Bilder: © Daniel Shaked

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