„Schlaglichter setzen“

Die Wiener Vorlesungen bieten seit 30 Jahren einen niederschwelligen Zugang zur Welt der Wissenschaft. WINA sprach mit dem neuen Leiter des Veranstaltungsformats der Stadt Wien, dem Wissenschaftsreferenten Daniel Löcker, über sein Modernisierungskonzept und das heurige Jahresthema „100 Jahre Republik“.

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Daniel Löcker stellt gesellschaftlich relevante Themen in den Mittelpunkt der Wiener Vorlesungen: Im Februar hielt Henry Levi seine Antisemitismusrede im Rathaus. © Daniel Shaked

WINA: Die Wiener Vorlesungen präsentieren sich nun in überarbeiteter Form: neue Orte, weniger Veranstaltungen, ein Jahresthema. 2018 lautet dieses 1918 – 100 Jahre Republik. Wie kann man 100 Jahre Geschichte modern an das Publikum vermitteln?

Daniel Löcker: Mit dem Mut zur Lücke. Wir versuchen nicht, die Arbeit der Volkshochschulen, der Universitäten oder des ORF zu ersetzen, sondern Schlaglichter auf das 20. Jahrhundert zu setzen, aus unterschiedlicher Perspektive, zu relevanten Themen. Und relevant ist ein Thema dann, wenn es uns heute noch betrifft. Die Themen Menschenrechte, Antisemitismus oder Frauenemanzipation zum Beispiel sind – leider – immer aktuell.

Der Gegenwartsbezug ist also für Sie in der Auswahl von Veranstaltungsthemen ein wichtiger Faktor.
Er ist Voraussetzung. Ich bin zwar Historiker, wenn wir uns aber nur darin verlieren, dass wir die Vergangenheit ausleuchten, dann hätten wir unseren Job falsch verstanden.

Was sind für Sie die demokratiepolitischen Meilensteine seit 1918?
Der Meilenstein schlechthin ist die österreichische Bundesverfassung, die 1918/1919 mit den ersten freien Wahlen gegriffen hat, an denen auch Frauen erstmals wahlberechtigt waren. Weitere Meilensteine in der Ersten Republik sind für mich die politischen Zäsuren 1929, 1933 und 1934, wo eine Entdemokratisierung der Sonderklasse stattgefunden hat, in der die Republik abgeschafft wurde zu Gunsten eines autoritären, diktatorischen Ständestaates vulgo Austrofaschismus, da gehen jetzt die Definitionen der Historiker auseinander. Aber die Aushebelung des Parlamentes und das Verbieten von Grundrechten wie Versammlungs- und Redefreiheit, das zu kappen mit 1933/34 ist schon eine Schubumkehr dieser Demokratisierung im 20. Jahrhundert.

Auf 1938 und 1945 muss ich, glaube ich, an dieser Stelle nicht näher eingehen. Was ich aber neben diesen politischen Zäsuren 38 und 45 schon erwähnen muss, und das betrifft ganz Mitteleuropa, ist, dass Mentalitäten und Vorurteile, Einstellungen oder auch kleine und große Rassismen über diese politischen Zäsuren hinweg Bestand haben. So etwas hört ja nicht einfach auf. Ein Beispiel: In den 1930er-Jahren haben die Nazis von den Sozialdemokraten in ihrer Bildwelt, in ihrer Gestaltung von Plakaten sehr stark in den Malkasten der Sozialdemokratie gegriffen. Und umgekehrt: 1945 konnte die junge Republik nicht anders, als noch in den Vokabeln und in der Bildsprache der 1930er- und 1940er-Jahre daherzukommen. Und in dieser Sprache haben sehr viele Vorurteile, Einstellungen, beispielsweise gegenüber allen Menschen, die aus dem Osten kommen, überlebt. „Der Russe.“ Insofern bin ich mit politischen Zäsuren immer etwas vorsichtig, weil sie mit mentalen Zäsuren nicht parallel beziehungsweise in Einklang gehen.

„Die Themen Menschenrechte, Antisemitismus oder Frauenemanzipation zum Beispiel
sind – leider – immer aktuell.“
Daniel Löcker

Aber wenn ich das nach 1945 fortspinne, würde ich schon das Ende der Wiederaufbauzeit mit dem Jahr 1968, in Österreich in einer etwas abgemilderten Form vielleicht, benennen, wo doch ein Aufbruch in ein neues Zeitalter mit neuen Werten und einem neuen Selbstwertgefühl der Gesellschaft einhergeht, ausgehend aus Frankreich und Deutschland. Und dann ist vielleicht noch das Jahr 1995 zu nennen, aus einem ganz einfachen Grund, weil damals eine Europäisierung stattgefunden hat. Österreich ist der EU beigetreten und wurde Mitglied in einer Gemeinschaft, die sich vor allem einem Friedensprojekt verschrieben hat.

Wie spiegeln sich diese Meilensteine im heurigen Programm der Wiener Vorlesungen wider?
Unter dem demokratiepolitischen Thema 100 Jahre Republik Österreich versammeln wir zum Beispiel einen Schwerpunkt zum Thema Menschenrechte und Menschenwürde. Anfang Mai haben wir hier in Kooperation mit der Woche der Würde, die vom Unternehmer Martin Rohla ausgeht, den Menschenrechtler Manfred Nowak eingeladen. Ein weiterer Schwerpunkt sind Themen, die mit dem jüdischen Leben in Wien vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einhergehen. Im Februar gab es dazu die Antisemitismusrede von Bernard-Henri Lévy. Anfang Mai verleihen wir im Andenken an Ari Rath einen Preis für kritischen Journalismus an die frühere Chefredakteurin des Standard, Alexandra Föderl-Schmid. Und im Herbst laden wir zu einer Veranstaltung über die Geschichte der Wiener Austria in der Nazizeit. Der Klub war ja jüdisch geprägt, sowohl von Spieler- als auch von Funktionärsseite, und mit 1938 hat ein Kahlschlag eingesetzt, der jetzt in einer größeren Forschungsarbeit, die von der Stadt mitfinanziert ist, aufgearbeitet wurde. Daneben haben wir eine Reihe von Veranstaltungen, die auch historisch angelegt sind, mit namhaften Vortragenden wie Timothy Snyder, Helga Nowotny oder Doron Rabinovici. Insgesamt wird es heuer 15 Vorlesungen geben, die nicht nur im Rathaus, sondern auch an anderen Orten wie der Brunnenpassage oder dem RadioKulturhaus stattfinden.

Menschenwürde ist ein sehr aktuelles Thema, Stichwort Umgang mit Geflüchteten. Wie beurteilen Sie hier aktuell die Lage?
Die Menschenwürde – da sprechen wir von Menschenrechten. Und da muss man sich jeden Tag vor Augen halten, was wir heute hier haben, wenn wir durch die Stadt gehen. In Österreich zu leben 2018, angefangen vom Gesundheitssystem bis zur sonstigen Lebensqualität ist ein verdammtes Glück im Vergleich zur restlichen Welt. Wir sind auf die Butterseite der sonstigen zwei Prozent Weltbevölkerung gefallen. Wir haben eine sehr hohe Lebenserwartung, einen sehr hohen Lebensstandard, und wir kämpfen vergleichsweise mit Luxusproblemen. Gleichzeitig haben wir in Österreich heute am Rand der Gesellschaft schwerwiegende Probleme. Ich nenne nur ein Beispiel, das ist Kinderarmut. Es ist beklemmend, dass wir in einem der reichsten Länder der Welt einige zehntausend Kinder haben, die am Rand oder unter der Armutsgrenze leben. Und was heißt Armut? Man kann sich zum Beispiel keine gute Bildung leisten. Und Bildung ist überhaupt der Schlüssel zu allem. Deshalb kann man auch die Wiener Vorlesungen bei freiem Eintritt besuchen kann.

Einer der bisherigen Redner in diesem Jahr war der französische Philosoph Lévy. Er hat in seinem Beitrag ein Denkmal mit den Namen der in der NS-Zeit ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden angeregt. Kurz darauf hat die Regierung genau das angekündigt. Wie steht die Stadt Wien dazu?
Das ist eine politische Frage. Dazu gibt es laufende Gespräche, es ist ja noch zu klären, wie die Finanzierung erfolgen soll. Mehr kann ich zu diesem Zeitpunkt dazu nicht sagen. Im Rahmen der Wiener Vorlesungen kann alles kontroversiell diskutiert werden, das muss aber nicht heißen, dass dabei getätigte Äußerungen die Positionen der Stadt wiedergeben.

Gibt es schon ein Jahresthema für 2019?
Noch nicht. Ich weiß auch nicht, ob wir jedes Jahr ein Jahresthema brauchen. Es wird aber voraussichtlich mehr in die Zukunft gehen. Auf jeden Fall wird das Programm 2019 eine Reihe von Veranstaltungen beinhalten, die Fragen aufwerfen, wie unsere Gesellschaft, unsere Stadt, der Wissenschaftsstandort 2030, 2040, 2050 aussehen wird und aussehen soll.
vorlesungen.wien.gv.at

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