
Die bitterste Erkenntnis nach der Lektüre von Moussa Al-Hassan Diaws Buch: Der Terroranschlag vom November 2020 rund um die Seitenstettengasse hätte wohl verhindert werden können. Der Attentäter Kujtim F. hatte sich gemeinsam mit einer Gruppe anderer Jugendlicher im 23. Bezirk vom Hype um die Terrororganisation „Islamischer Staat“ mitreißen lassen. Sie kannten einander von ihrer Wohnumgebung, einige trainierten gemeinsam Fußball, andere besuchten die gleiche berufsbildende höhere Schule in Mödling. Und: Sie frequentierten zunächst zwei Moscheen im 12. Bezirk, später einen in der islamistischen Szene bekannten Gebetsraum in der Josefstadt. „Neben den persönlichen Kontakten und Treffen war es der tägliche Austausch über Handy- Chats und Internetplattformen, erst Facebook, dann Instagram, wo die ideologischen Vorstellungen verbreitet wurden.“
Kujtim F. radikalisierte sich in diesem Umfeld so stark, dass er schließlich ausreiste, um nach Syrien zu gelangen. Dort kam er allerdings nie an – sondern landete in einem türkischen Gefängnis, von wo er nach Österreich überstellt wurde und hier in Haft kam. Ein Drittel seiner Strafe konnte er unter der Auflage, mit der Bewährungshilfe und dem Verein für Deradikalisierung und Prävention (DERAD) zusammenzuarbeiten, auf freiem Fuß verbringen. DERAD wurde von Diaw mitbegründet und wird von ihm bis heute geleitet.
DERAD habe diese Veränderungen
auch schriftlich festgehalten
und gemeldet. Doch das sei von den zuständigen Behörden nicht
ernstgenommen […] worden.
Generelle Ablehnung. Nach der Haftentlassung habe sich Kujtim F. verändert, schildert Diaw. „Doch weder während noch nach seinem Gefängnisaufenthalt galt er als deradikalisiert, genauso wenig wie viele seiner Freunde, die wir teilweise erst nach dem Anschlag kennenlernten, als sie in Untersuchungshaft saßen.“ Der spätere Attentäter habe das politische System Österreichs beziehungsweise generell „des Westens“ sowie staatliche Einrichtungen abgelehnt – habe aber wie andere derart gesinnte junge Menschen dennoch die Möglichkeiten des Sozialstaates genutzt. Sofort nach seiner Entlassung habe er wieder Kontakt mit seinen Freunden aus dem 23. Bezirk aufgenommen. Er ließ seinen Bart lang wachsen, trainierte seine Muskeln, um stark zu wirken. Seine Kleidung habe dem in der Szene getragenen Outfit entsprochen.
„Auch geistig veränderte er sich, wie sein ständiger Betreuer bei DERAD feststellte. So äußerte er sich frustriert darüber, dass G’tt seine Gebete nicht erhöre. Damit meinte er konkret, seine Bittgebete (Dua) zu Erfüllung spezieller Wünsche. Daraus zog er den Schluss, dass seine Glaubensüberzeugung (Iman) und seine Glaubenspraxis nicht gut genug seien. Es fehlte etwas, war er über zeugt. Er haderte mit diesen Gedanken und wirkte auf uns wie andere Klienten, die lebensüberdrüssig wurden. Einige von ihnen wollten Hijra (Hidschra) machen und im Ausland für ihre Sache sterben oder bei einem Selbstmordattentat (,Märtyreroperation‘) ihr Leben opfern, um so ihrer ideologischen Überzeugung zu folgen.“ DERAD habe diese Veränderungen auch schriftlich festgehalten und gemeldet. Doch das sei von den zuständigen Behörden nicht ernstgenommen und vor allem in seiner Tragweite nicht verstanden worden.
Medial breit abgehandelt wurde im Nachgang des Anschlags, dass die slowakischen Behörden Kujtim F.s Versuch, in der Slowakei Munition zu kaufen, ihren österreichischen Kollegen gemeldet hatten. Kujtim F. wurde zudem von Personen aus Niederösterreich, Deutschland und der Schweiz observiert. Davon hätten andere Stellen und Personen, die mit dem späteren Attentäter zu tun hatten, jedoch nichts erfahren. Am Ende gelang es ihm, wiewohl seine Gesinnung bekannt war und er als Gefährder galt, Waffen und Munition zu besorgen.
Was Sorge machen sollte: Diaw hält in seinem Buch auch fest, dass verschiedene Stellen in ähnlich gelagerten Fällen immer wieder selbst mehrfach vorgetragene Hinweise und Warnungen von DERAD ignorieren würden. Er schildert anhand von Fallgeschichten, dass Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen die Tragweite der Radikalisierung oft nicht klar sei und als Pubertätsreaktion kleingeredet würde. Aber auch andere Vertreter staatlicher Stellen oder von Organisationen würden immer wieder die ideologischen Überzeugungen herunterspielen „und von hauptsächlich psychosozialen Problemen sprechen oder Islamismus mit einer Drogensucht vergleichen – und daher wäre eine Intervention gegen die extremistische Ideologie nicht notwendig, sondern ausschließlich eine Betreuung, in der die psychosozialen Herausforderungen adressiert werden“.
Zu schnelle Antworten. Zu rasch seien bei jenen, die zu Terroristen wurden, auch Erklärungen zur Hand, sie seien Opfer der Gesellschaft und ihre Radikalisierung eine Reaktion darauf. „Ich leugne keineswegs die Bedeutung von Marginalisierungserfahrungen, die generell eine Radikalisierung unterschiedlichster Art begünstigen und sogar (mit)auslösen können. Problematisch aber ist das Framing, sie als einzige Ursache für eine Radikalisierung zu betrachten, die extremistische Ideologie außer Acht zu lassen und am Ende den Täter zum Opfer hochzustilisieren.“
Deradikalisierungsarbeit ist schwierig und oft langwierig: Es muss ein Zugang zu den Betreuten gefunden werden, der es möglich macht, die tatsächliche Gesinnung zu erfassen. Betroffene würden diese meist verschleiern, ausweichend antworten, das sagen, was man hören wolle. Gleichzeitig sei die Überzeugungsarbeit ein Kampf gegen Windmühlen – das ebenfalls radikalisierte Umfeld wirke immer wieder dagegen. Und dennoch, so Diaws Fazit: Deradikalisierungsarbeit könne wirken, wenn sie ausreichend lang und intensiv eingesetzt wird. Dazu müssten aber alle involvierten Stellen an einem Strang ziehen und die Schwere des Problems anerkennen.























