Ein Moment der Unachtsamkeit mit tödlicher Konsequenz. Panik. Fluchtgefühl. Schuld. Wie Menschen in eine solche Kettenreaktion geraten, wie die erste falsche Entscheidung zu immer weiteren führen kann, sich die Schlinge immer enger zieht, genau dieses fatale Muster beschreibt Ayelet Gundar-Goshen in nahezu all ihren Romanen.
War es in Löwen wecken ein Arzt, der Fahrerflucht begeht, nachdem er einen dunkel aussehenden Migranten überfahren hat, so ist es in ihrem jüngsten Buch ein Kleinkind, das einen Hammer vom Balkon stößt, der einen Teenager auf der Straße darunter tötet.
Doch wer ist an und in diesem Fall verantwortlich? Hätte der arabische Handwerker sein Werkzeug sicherer verwahren müssen, während er auf der Toilette war. Hätte Naomi, die Mutter des kleinen Uri, besser auf ihr Kind aufpassen müssen, während sie in der Küche für den Arbeiter, der ihr Unbehagen bereitet, Kaffee machte? Gerichte werden diese Frage noch lange erörtern und letztlich eine zweifelhafte Entscheidung fällen, doch für die Passanten in Tel Aviv, die den vom Hammer erschlagenen jungen Mann in seinem Blut liegen sehen, ist sofort glasklar: Es war ein Terroranschlag des Arabers, der vorgeblich den Balkon der jüdischen Familie gestrichen hat. Naomi, von besinnungsloser Panik ergriffen, tut zunächst und noch allzu lange nichts, um die Wahrheit zu gestehen.
„Früher hatte Schuldgefühl mal
einen Wert gehabt […]. Jetzt war
es nur ein unangenehmes Gefühl,
das es zu überwinden galt.“
Erpressbar. Der Araber wird verhaftet, sein Sohn fast gelyncht, seine Familie verfolgt. Die wiederum verfolgt Naomi, und da trifft es sich gut, dass ihr Mann Yuval in Nigeria einen Job angeboten bekommt und die kleine Familie aus dem Schlamassel dorthin fliehen kann. Doch verschwiegene Schuld macht erpressbar, diese Lektion lernen schmerzhaft alle, an denen Gundar-Goshen mit psychologischer Expertise ihre Exempel statuiert.
Dass sie im Zweifelsfall eine rassistische Seite an sich entdecken, für die sie sich schämen, auch diese Erfahrung teilen viele ihrer Protagonist:innen. Schließlich ist es „nur“ ein illegaler Einwanderer, den der Arzt überfahren hat; schließlich ist es „nur“ ein Araber, der unschuldig in Haft gerät. Moralische Zweifel scheinen auch an Yuvals militärischer Beratertätigkeit in Nigeria angebracht, weiß die Autorin, deren Großvater einst Idi Amin im Rahmen des Mossad beraten haben soll, allerdings bevor dieser sich zum Diktator entwickelte, wie sie in einem Interview kundtat.
Die dunklen, Scham-behafteten Seiten der Menschen, ihre Abgründe, die sich in schicksalhaften Lebenssituationen auftun, Ängste, Aggressionen und Traumata interessieren die studierte Psychologin, die damit in ihrer Heimat ein breites Feld vorfindet. Im Roman wird eine in Lagos praktizierende israelische Therapeutin, die vorwiegend sich langweilende Landsleute zu behandeln sucht, ihr manchmal etwas strapaziertes Sprachrohr.
„Früher hatte Schuldgefühl mal einen Wert gehabt, dachte sie, dieses Empfinden, das Menschen, die etwas Verbotenes getan hatten, ein Zeichen gab. Jetzt war es nur ein unangenehmes Gefühl, das es zu überwinden galt.“
Den Spannungsbogen über mehrere verflochtene Erzählstränge hinweg aufrechtzuhalten, gelingt der mittlerweile durchaus routinierten Autorin zwar wiederum. Vielleicht liegt es aber an der Dramatik der israelischen Gegenwart, dass ihre Fiktionen demgegenüber fast schon harmlos erscheinen.






















