SEINE WURZELN KENNEN

Vor 20 Jahren starb Amnun Baibachaev, der Großvater von Chanan Babacsayv, in Israel. Der Enkel nahm dies zum Anlass, nicht nur dessen Leben zu dokumentieren, sondern Daten, Geschichten, Dokumente, Fotos aus der ganzen Familie zusammenzutragen. Das Unterfangen war schließlich herausfordernder als zunächst angenommen. Dennoch kann Babacsayv anderen empfehlen, es ihm gleich zu tun. „Wenn eine Familie sich mit ihrer Geschichte befasst, stärkt das auch ihre jüdische Identität“, meint er.

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Familienfoto 1956. Dank der umfangreichen und akribischen Recherchen von Chanan Babacsayv ist nun ein vielschichtiges Familien-Porträt in Buchform entstanden. © privat

„Boy Batsha“ steht in weißer Schrift auf einem modern schlicht gehaltenen dunkelgrünen Buchcover. Untertitel: Sohn eines reichen Mannes. Chanan Babacsayv hat alles, was er seit Herbst 2024 zu seinem Großvater und schlussendlich insgesamt zu seiner Familie recherchieren konnte, in Buchform gegossen. Eine Veröffentlichung des in drei Sprachen – Deutsch, Russisch, Hebräisch – im Selbstverlag erschienenen Bandes ist aber bewusst nicht geplant. „Ich habe 100 Exemplare für Familie und Freunde drucken lassen. Es geht mir hier einfach nur um eine Dokumentation.“

Was der frühere bucharische IKG-Vizepräsident in vielen Gesprächen mit Familienmitgliedern in der ganzen Welt sowie deren Hilfe, was Fotos und Daten anbelangt, zusammengetragen hat, präsentiert sich nun denn auch wie ein umfassend textlich ergänztes Fotoalbum. Da ist der Großvater zum Beispiel in einer bereits leicht verblassten Schwarzweißaufnahme aus den 1950er-Jahren in seinem Schuhreparaturladen in Samarkand zu sehen. Da gibt es aber auch eine Fotografie mit Braunstich von dessen Vater Hanan in der Uniform der Roten Armee Anfang der 1940er-Jahre. Den Ahnenbaum – Babacsayv nutzte hier die Software Ahnenblatt – konnte er bis Josef ben Juschaja (1861–1931) zurückverfolgen. Von ihm findet sich zwar kein Porträtfoto, aber doch eine Aufnahme seines Grabsteins in Samarkand in dem Band.

„Alles, was wir heute sind,
haben
wir eigentlich
unseren Vorfahren zu verdanken.“

Chanan Babacsayv

 Josef ben Juschaja war auch der Begründer des Familiennamens. Er war Tierarzt und nahm von jenen, die sich mit der Bezahlung schwer taten, auch Lebensmittel oder andere Güter an. Das brachte ihm den Spitznamen, „Boy Batsha“, also „Sohn eines reichen Mannes“ ein. Das zeige auch den Respekt, den er genoss, sagt sein Ur- Ur-Enkel. Als die Truppen des Zaren die Region erreichten, wurde das Tragen von Familiennamen per Gesetz eingeführt. Josef sei eigentlich als „Israel“ oder „Israelov“ bekannt gewesen. Die Stimmung gegenüber Juden war allerdings nicht gut. So entschloss sich der Ahnherr, den Spitznamen als Familiennamen zu nutzen – „Baibachaev“.

Chanan Babacsayv mit seinem Großvater bei seiner Bar Mitzwa. © privat


Verstreut und doch eng verbunden.
Den Namen tragen seine Nachkommen bis heute, allerdings auf Grund der Emigrationsgeschichte aus dem heutigen Usbekistan nach Israel, wo bis heute ein großer Teil der Familie lebt – andere zog es von dort weiter nach Österreich – in verschiedenen Transkriptionen oder Übersetzungen. Chanan und seine Familie schreiben sich „Babacsayv“. Seine in Wien lebenden Brüder wiederum hätten als Erwachsene in Österreich ihren Familiennamen ins Deutsche übertragen und nennen sich nun „Reichmann“.

Die Ahnentafel dokumentiert eine reiche Nachkommenschaft des Großvaters, der mit vollem Namen Amnun ha-Kohen ben Zulaicha we Hanan Baibachev hieß: sechs Kinder, 26 Enkeln, 60 Urenkeln. Texte und Fotos beschreiben und illustrieren den starken Familienzusammenhalt, trotz der geografischen Distanz. Ein Momentum, das sich durch die Generationen zieht: Viele Familienmitglieder mussten schon sehr jung viel Verantwortung übernehmen.

Großvater Amnun (1930–2005) etwa wurde im Zug der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs bereits im Alter von elf Jahren zum Quasi-Familienerhalter. Er selbst sei mit seiner Familie als Achtjähriger aus Israel nach Wien gekommen, wo die Eltern vor allem damit beschäftigt waren, für den Unterhalt zu sorgen, erzählt Chanan Babacsayv. So sei auch er schon in einem frühen Alter selbst dafür verantwortlich gewesen, gut in der Schule zurechtzukommen. Bei seinen eigenen Kindern sei es ihm wichtig gewesen, ihnen schon früh Aufgaben zu übertragen.

Amnun Baibachaev im eigenen Schustergeschäft. © privat

Verschiedenste Aufgaben hat Chanan Babacsayv nun auch seiner weit verzweigten Familie übertragen: In Gesprächen ging es ihm zunächst darum, so viel wie möglich über seinen Großvater zu erfahren. Er bat aber auch alle, nach Fotos und Dokumenten zu suchen und ihm auch die Lebensdaten von allen bekannten Verwandten zu übermitteln. So wurde Boy Batsha so etwas wie die Grundlage einer Familienchronik, die, so seine Erwartungshaltung, seine Kinder, aber auch die Kinder seiner Geschwister, seiner Cousins und Cousinnen idealerweise Generation für Generation fortführen. So ist die letzte Seite des Buches auch weitgehend leer. Einziger Satz am Kopf des Blattes: „Ab hier schreibt ihr weiter – Erinnerungen für die Nachwelt.“ Geschichte setzt sich permanent fort.

Was er im Zug der Arbeit an diesen Erinnerungen an den Großvater sowie andere Familienmitglieder für sich mitgenommen hat: „Alles, was wir heute sind, haben wir eigentlich unseren Vorfahren zu verdanken.“ Viel Freude habe es ihm auch gemacht, im Zug dieses Projekts mit Familienmitgliedern hier und in Israel, aber auch in Deutschland und den USA in Kontakt zu treten. „Indirekt hat diese Arbeit dazu beigetragen, dass jeder die Familiengeschichte reflektiert hat und wir alle einander näher gekommen sind.“ Stolz sei er, dass das innerhalb der Familie auch als sehr positiv anerkannt wurde. Auf jeden Fall hat er bei der Jahrzeitfeier für seinen Großvater, zu dem Verwandte aus aller Welt nach Wien angereist sind, mit dem Buch, das jeder der rund 80 Gäste überreicht bekam, für viel Gesprächsstoff gesorgt. Freuen würde er sich, wenn nun andere Familien sagen: Das machen wir auch. Denn davon ist Chanan Babacsayv auch überzeugt: Die Geschichte der Vorfahren zu dokumentieren, stärke auch die Identität, und eine starke jüdische Identität sei wiederum der Schlüssel gegen Assimilierung. „Je mehr eine Familie über sich weiß, desto eher wird sie auch in diesem Rahmen bleiben.“ Tradition bedeute eben mehr als Sprache und Esskultur. „Da braucht es das Gesamtpaket.“

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