
Wie konnte das geschehen?“ So betitelt der deutsche Politologe und Historiker Götz Aly (78) sein neuestes Buch. „Im Januar 1933 ergriff Hitler die Macht und errichtete einen gesellschaftlich gestützten Schurkenstaat“, schreibt er. „Warum wurden Millionen Deutsche zu aktiven und stillen Mitmachern? Warum beteiligten sich Hunderttausende an beispiellosen Massenmorden? Warum terrorisierten 18 Millionen deutsche Soldaten Europa vom Nordkap bis zum Kaukasus […] und das bis zum letzten Tag, wo ein Sieg schon längst unmöglich geworden war?“
Aly bleibt bei seiner umfangreichen Analyse nicht auf der Ebene von Rassenwahn, monströsen Mordmaschinen oder geborenen Sadisten stecken. „Die Menschheitsverbrechen der Hitler- Jahre begingen Deutsche, die in der Regel weder vorher noch nachher kriminell handelten, Menschen auch, die sich intellektuell und moralisch kaum von uns Heutigen unterschieden. Sie stammten aus allen Schichten der Bevölkerung. Gut ausgebildete Musiker und Juristen wurden ebenso zu Massenmördern wie Polizisten, Büroangestellte, Bauern, Fachoder Hilfsarbeiter.“ Wenn sich das absolut Böse letztendlich nicht erklären lässt, versucht Aly doch eine soziologische, politologische und ökonomische Annäherung. Dabei spielten folgende Faktoren seiner Einschätzung nach entscheidend mit:
Geschwindigkeit und Erregung: Laut Aly gelang es den NS-Politikern und Funktionären, im Volk über die gesamte Herrschaftszeit „Siedehitze zu erzeugen“. Das Motto war, „die Verhältnisse durcheinander zu wirbeln“, immer wieder ein Wechselspiel von Spannung, Entspannung und wiederum Spannung zu bieten. Dazu brauchte es ständige Mobilisierung, Gleichschaltung der Medien, Aufmärsche und zahlreiche Organisationen, die die Menschen einbanden und aktivierten. Immer wieder wurden Feste und Veranstaltungen unterschiedlicher Größenordnung angeboten – vom provinziellen Dorfplatz bis zum medial perfekt aufbereiteten Reichsparteitag. Auf der politischen Ebene spielte Hitler die Klaviatur von internationalem Druck und angeblicher Friedensliebe, ob es ums Rheinland, um den „Anschluss“ Österreichs oder die Annexion der Tschechoslowakei ging.
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Bertold Brecht
Reale Sozialpolitik, Arbeit für viele. Die Nazis erkannten sehr wohl konkrete wirtschaftliche Probleme der Weimarer Republik – und kümmerten sich auch in der Anfangsphase ihrer Herrschaft darum. So half etwa der Stopp von Zwangsversteigerungen in Not geratenen Bauern oder Gewerbetreibenden unmittelbar. Es gab rechtliche Verbesserungen für Heimarbeiter, eine Senkung der Bierpreise oder die Einführung des 1. Mai als allgemeiner Feiertag. Das war Teil eines größeren Plans, Sozialdemokraten und Gewerkschaften auf die Nazi-Seite herüber zu ziehen. Arbeitsplätze wurden tatsächlich geschaffen, nicht nur beim propagandistisch ausgewerteten Autobahnbau, sondern ab 1936 vor allem in der massiv einsetzenden Aufrüstung. Und später bot dann der Krieg selbst eine Vielzahl an „Jobs“, Beförderungen und materielle Vorteile für die Verwandten zuhause.

Schulden, Schulden, Schulden. Das alles kostete natürlich viel Geld, die das Reich nicht hatte. Zunächst finanzierte man sich mit Staatsanleihen, aber diese wurden mit der Zeit immer schwächer nachgefragt. Die größeren Sanierungsschritte für das völlig aus dem Ruder gelaufene Budget waren schon mit Gewalt verbunden. So spielte der Zugriff auf das Gold der Österreichischen Nationalbank eine nicht unbeträchtliche Rolle beim „Anschluss“. Die Kriege in West und Ost hatten ganz offensichtliche ökonomische Ziele, von der französischen Industrie bis zum russischen Getreide und Öl. Hitler brauchte den Krieg einerseits politisch, um zu Hause „seine Herrschaft zu sichern“, anderseits war das Reich auf einen endlosen Strom von gestohlenen Waren und Rohstoffen angewiesen. Und das alles musste so schnell wie möglich gehen: „Hitler konnte nur noch wenige Jahre durchhalten.“ Unter dem Strich habe es sich laut Aly um „die mörderischste Konkursverschleppung der Menschheitsgeschichte“ gehandelt.
Gib den Volksgenossen, nimm von den Juden. Den sozialen Hintergrund des Aufstiegs der NS-Eliten bildete eine junge, aufstiegswillige Bevölkerung. Diese wollte Jobs, Karrieren, Wohlstand. Manches konnte der autoritäre Staat bieten, und auch die zahlreichen neuen NS-Organisationen schufen unzählige neue Posten und Chancen. Doch eine in Teilen gut ausgebildete Bevölkerungsgruppe stand hier im Weg: die Juden. Und indem man sie von ihren Positionen in der Gesellschaft, Medizin, Universität ausschloss, gab es auch für weniger talentierte oder studierte Volksgenossen bis dahin ungeahnte Möglichkeiten. Ähnliches galt im gewerblichkommerziellen Bereich: Vom direkten Raub bis zur „verschwundenen“ Konkurrenz reicht die Bandbreite. Schließlich holte sich auch noch der klamme Staat das Seine – in mehreren Tranchen unter unterschiedlichen Bezeichnungen musste die jüdische Bevölkerung mit Zwangsabgaben oder Ausreisesteuern ins Budget einzahlen. Hermann Göring sprach das in einer Rede „zur Judenfrage“ einmal direkt an: Durch die erste Milliarde, die den Juden abgepresst worden war, sei „eine Erleichterung eingetreten“.
Keine unnötigen Esser. Aly sieht im Vorgehen gegen Behinderte im Deutschen Reich und deren Aussonderung und Ermordung einen ersten Probelauf für die Shoah. Schon damals wurden grausame Rechnungen aufgemacht: Was kostet eine Wohnung? Und was eine Irrenanstalt? Wie viele Wohnungen könnte man doch durch deren Einsparung finanzieren? Ähnliches galt dann später für Juden – oder im Krieg gegen Russland für Slawen, seien es kriegsgefangene Soldaten oder die hungernde städtische Bevölkerung. Was immer man diesen wegnehmen konnte, blieb für die eigene Bevölkerung – von Lebensmitteln bis zu Wohnungen. Und die antijüdische Propaganda wurde denn auch gerade dann höher gedreht, als der Krieg gegen die Sowjetunion nicht mehr gut lief. Propagandaminister Josef Goebbels: „Die Juden sind schuld.“ Hitler selbst in einer Sportpalastrede: „Dieser Krieg wird die Juden vernichten.“
Weitermachen bis zum Untergang. Wieso kämpften die deutschen Soldaten weiter, als der Krieg längst verloren war? Wieso blieb die „Heimatfront“ trotz durch britische und amerikanische Bomben verwüstete Städte weitgehend stabil? Einerseits hielt der Spitzel- und Unterdrückungsapparat die mögliche Opposition klein und unbedeutend – es gab zahlreiche Verhaftungen, grausame Folter und 35.000 Hinrichtungen. Doch Aly sieht eine andere, perfide Strategie der NS-Eliten, die anscheinend aufgegangen ist. In einem internen Protokoll einer Sitzung mit Goebbels, in der er sich über die Stimmungslage nach schweren Bombenangriffen auf Hannover, Lübeck und Rostock berichten ließ, ist zu lesen: Das Volk sei „bereit, mit uns durch dick und dünn zu gehen, wenn wir ihm sagen […], welches Unglück uns droht, wenn wir verlieren“. Und in einem seiner Tagebücher schreibt Goebbels, man habe sich „in der Judenfrage festgelegt“, jetzt gebe es „kein Entrinnen“. Aly kommentiert diese Entwicklung als Übergang von einer „Zustimmungsdiktatur“ zur Angst vor einem Schrecken ohne Ende. Und auch Thomas Mann, der via deutschsprachigem Programm der BBC kritische Beiträge nach Deutschland sendete, sagte: „Es ist zu viel geschehen, ihr könnt nicht mehr zurück.“




















