Sich der Tätergeschichte stellen

Dort, wo seit 1960 in einem Neubau die Arbeiterkammer Wien beheimatet ist, stand früher das Palais Rothschild. Von 1938 bis 1943 war in dem Neorenaissance-Bau aus dem 19. Jahrhundert die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ untergebracht. Die AK Wien macht nun in einer Dauerausstellung im Foyer auf die Täter und Täterinnen aufmerksam, die an diesem Ort arbeiteten. Umgesetzt wurde dabei ein Konzept der Kunst- und Zeithistorikerin Sophie Lillie und des Medienkünstlers Arye Wachsmuth, die aus einem Wettbewerb für diesen neuen Gedenk- und Lernort als Sieger hervorgingen.

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Wer waren die Menschen, welche die Enteignung, Entrechtung, Deportation von anderen Menschen in den Tod, administrativ vorbereiteten und administrierten? Darauf gibt die neue Dauerausstellung im Foyer der AK Wien Auskunft. In der NS-Zeit stand an ihrer Stelle des Palais Rothschild, wo die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" untergebracht war. Sie war von 1938 bis 1943 in Betrieb. Foto: Alexia Weiss

Sich mit Tätern und Täterinnen auseinanderzusetzen, das tue gesellschaftlich weh, betonte der Historiker Florian Wenninger. Er leitet das Institut für historische Sozialforschung (IHSF), eine Forschungseinrichtung von AK und ÖGB. Daher sei in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auch die Geschichte der Opfer im Fokus gestanden. Täter seien erst mit der Freilassung des früheren SS-Sturmbannführers Walter Reders 1985 aus einem Gefängnis in Italien (er war dort 1951 wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt worden), durch die Debatte um Kurt Waldheim und seine NS-Vergangenheit sowie die „Wehrmachtsausstellung“ zum Thema geworden. Bis heute sei – anders als in Deutschland – die Auseinandersetzung mit den NS-Tätern an den Täterorten selbst zögerlich. Hier leiste die AK mit der neuen Dauerausstellung nun Pionierarbeit.

Im Foyer der AK erinnerten bereits bisher zwei historische Aufnahmen an das, was hier einst passierte: ein Foto zeigte das Palais Rothschild von außen, ein weiteres eine Szene, „wo ein Mensch an einem Tisch sitzt und gegenüber Bürokraten seine Papiere hergibt“, beschrieb die Direktorin der AK Wien, Silvia Hruska-Frank bei einem Pressegespräch aus Anlass der Ausstellungseröffnung am Montag Vormittag die aus ihrer Sicht ungeeigneten Bilder, um darauf aufmerksam zu machen, was an diesem Ort einst passierte, nämlich „die Entrechtung von Menschen“. Hier liege nun eine historische Aufarbeitung der Standortgeschichte vor, so Hruska-Frank.

 

Die Kunst- und Zeithistorikerin Sophie Lillie und der Medienkünstler Arye Wachsmuth im Foyer der Arbeiterkammer Wien, wo ab sofort die neue Dauerausstellung „Schaltstelle des Terrors“ zu sehen ist, die von den beiden konzipiert wurde. Foto: Alexia Weiss

 

Das Palais Rothschild wurde noch im Frühjahr 1938 von den NS-Behörden beschlagnahmt und darin die vom hochrangigen SS-Offizier Adolf Eichmann gegründete und geführte „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ untergebracht. Sie koordinierte zunächst die möglichst rasche Vertreibung der in Österreich lebenden Juden und Jüdinnen, gleichzeitig wurden sie ihres Vermögens beraubt. Ab 1941 wurde von der Zentralstelle dann gezielt die Ermordung aller Menschen, die nach den „Nürnberger Gesetzen“ als jüdisch galten, geplant und organisiert.

Sophie Lillie konnte in ihren historischen Recherchen (sie forschte dabei in mehr als 30 Archiven und Einrichtungen nach, darunter das Archiv der IKG Wien, das Staatsarchiv, das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien, die Yad Vashem Archives und das Deutsche Bundesarchiv) an die 60 Personen nachweisen, die für die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ tätig waren. Darunter fanden sich hochrangige NS-Funktionäre wie eben Eichmann ebenso wie Berufseinsteigerinnen, die als Sekretärinnen eingesetzt wurde.

Die Lebensgeschichten von 30 von ihnen werden nun im Rahmen der neuen Dauerausstellung erzählt. Wie Arye Wachsmuth betonte, habe man sich dafür entschieden, diese Biografien auf kleinen Tafeln, die wie in einem Ziehharmonikaband angeordnet wurden, zu präsentierten. So gebe man ihnen Raum, ohne sie auf ein Podest zu heben. Liest man sich durch diese Lebensgeschichten wird nicht nur das Wirken in der NS-Zeit selbst geschildert, wichtig war Lillie und Wachsmuth auch, zu zeigen, wie das Gros dieser Täter und Täterinnen nach dem Ende des NS-Terrorstaates wieder „in den Alltag zurückgekehrt ist“. Sie hätten wieder in ihren Herkunftsberufen von Fleischhauer über Elektriker bis zu Buchhalter gearbeitet, was auch verdeutliche, „wie innigst verwoben mit dieser Stadtgeschichte und wie verankert sie waren“, so Lillie.

 

Wie präsentiert man Täter und Täterinnen, ohne sie auf ein Podest zu heben? Lillie und Wachsmuth entschieden sich für ein Ziehharmonikaband, auf dem in eher kleinem Format Biografien von 30 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ nachzulesen sind. Wichtig war Lillie dabei, dass auch Frauen zu sehen sind. Foto: Alexia Weiss

 

Die Ausstellung arbeitet sowohl mit Information als auch mit künstlerischen Elementen und sie wirkt über die Einbeziehung der Fenster zur Außenfassade des Gebäudes auch ins Außen. Über einen in großer Schrift an der Wand angebrachten Text ist dabei die Kernbotschaft weithin sichtbar: „An dieser Stelle befand sich von 1938 bis 1943 die Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Sie war Schaltstelle der systematischen Beraubung sowie der Vertreibung und Ermordung österreichischer Jüdinnen und Juden. Von hier aus organisierte die Zentralstelle die Deportation von über 49.000 Männern, Frauen und Kindern aus Wien, 45.500 von ihnen allein in den Jahren 1941/42.“ Ein abstraktes Kunstwerk Wachsmuths ermöglicht eigene Assoziationen und Reflexionen, ein Handapparat erklärt auf kleinen Tafeln wichtige Begriffe und Elemente der NS-Vernichtungsmaschinerie.

Das Foyer der AK Wien werde jedes Jahr von tausenden Menschen frequentiert, unterstrich Hruska-Frank. Man wolle sie mit der neuen Dauerausstellung einladen, sich mit diesem Teil der Geschichte zu befassen. Geplant sind zudem auch Workshops sowohl für Schulklassen als auch für Lehrlinge, so Wenninger.

Begleitend veröffentlicht wurden zudem zwei Publikationen: eine dünne Borschüre vermittelt in leicht verständlicher Sprache die wichtigsten Fakten zum Palais Rothschild, jüdischem Leben in Österreich, Antisemitismus, dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland 1938, zur „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, zu den Tätern und Täterinnen der „Zentralstelle“ sowie der strafrechtlichen Aufarbeitung ihrer Taten nach 1945. Im Böhlau Verlag ist zudem unter dem Titel „Schaltstelle des Terrors. Geschichte und Personal der Zentralstelle für jüdische Auswanderung Wien 1938-1943“ ein mehr als 400 Seiten dickes Werk, herausgegeben von Florian Wenninger und Marie-Sophie Egyed erschienen. Hier können sich historisch Interessierte weiter in das Thema vertiefen. Auf schaltstelle- des-terrors.at soll die neue Dauerausstellung künftig auch im Netz präsent sein.

 

In einem robust gestalteten Handapparat gibt es Hintergrundinformation zu Schlüsselbegriffen des NS-Entrechtungsvokabulars. Sammelwohnungen waren für viele Juden und Jüdinnen der letzte Wohnort in Wien, bevor sie in ein Konzentrationslager deportiert wurden. Foto: Alexia Weiss

 

Was die Forschungsarbeit für dieses Ausstellungsprojekt jedenfalls zu Tage förderte: Der Holocaust war kein Ergebnis anonymen Handelns, wie Lillie und Wachsmuth betonten. „Er wurde ausgeführt von bereitwilligen Unterstützern und Unterstützerinnen des Nationalsozialismus, von Männern und Frauen, die sich ohne Skrupel über die Regeln des persönlichen Anstands und der Rechtsstaatlichkeit setzten.“ Ohne konkrete Täter und Täterinnen würden sich die Verbrechen relativieren. Ein Täterort fordere aber die Auseinandersetzung in der Jetzt-Zeit mit den Rahmenbedingungen von NS-Terror und Gewaltherrschaft, „die letztlich zum Genozid führten“. Die „Zentralstelle“ sei ein Ort im Zentrum der Stadt gewesen, an dem Frauen und Männer sich in den Dienst eines Terrorregimes stellten und die Entrechtung, Enteignung, Erniedrigung, Vertreibung und letztlich Ermordung ihrer Nachbarn und Nachbarinnen besorgten. Das wird in der neuen Ausstellung gut sichtbar.

1 KOMMENTAR

  1. Herrlich, die AK Wien macht Pionierarbeit! Endlich mal eine Ausstellung, die sich mit den schrecklichen Akteuren der NS-Zeit auseinandersetzt – und das sogar in Österreich! Man muss sich schon freuen, dass sich die Ausstellungsmacher mit den Lebensgeschichten der Täterinnen und Täter auseinandersetzen, auch nach 1945. Wer dachte, diese Type würde einfach verschwinden? Toll, dass auch Frauen dabei sind und man ihre kleinen Tafeln wie eine Ziehharmonika durchlesen kann. So kann man die Verstrickung dieser Stadtgeschichte am besten verstehen: Jeder war mal Fleischhauer oder Elektriker, bevor er zur „Schaltstelle des Terrors stieß. Ein kleiner Funke Hoffnung in dieser grauen Wiener Realität!đếm ngược thời gian

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