Sich in sich zu Hause fühlen

Ein Jahr mit pandemiebedingten leichten und harten Lockdowns und jeder Menge einschränkenden Vorsichtsmaßnahmen hat gezeigt: Menschen leben in verschiedenen Realitäten. Die Feldenkrais-Practitionerin und Mitbetreiberin des Feldenkrais Instituts in Wien, Joy Ackwonu, beschreibt die Bandbreite so: „Für die einen ist es absoluter Stillstand, andere haben einen totalen Overload.“ Schwer tun sich mit den so stark veränderten Lebensbedingungen inzwischen jedoch fast alle Menschen. Eine Portion Achtsamkeit kann da helfen – WINA sprach mit Ackwonu, wie die Feldenkrais-Methode hier helfen kann.

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Joy Ackwonu. Eine Frau erzählte ihr, „ich habe das Gefühl, von der Mitte heraus gewachsen zu sein.“ ©Daniel Shaked

Wohlbefinden entstehe, „wenn wir uns mehr in uns zu Hause fühlen“, sagt Ackwonu. Im Lauf des vergangenen Jahres hat sie die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen genau das nicht tun. Da sind zum einen die, die sich zwischen Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung inklusive Rund-um-die-Uhr-Catering aufreiben und zunehmend überfordert sind. Da sind aber auch die anderen, Pensionisten etwa oder Alleinstehende, die von zu Hause aus arbeiten können, die ebenfalls an ihre Grenzen kommen. „Nehmen wir eine 60-jährige Dame, die keine Kinder hat und auch keine Enkelkinder, die nun jeden Tag vor dem Fernseher sitzt und kaum das Haus verlässt, aus Angst, sich mit dem Virus zu infizieren. Sie wird körperlich, aber auch geistig abbauen und in ein emotionales Rad kommen, das nicht viel Diversität bietet und sogar in Richtung einer Depression oder Angststörung gehen kann.“

„Oft spüren wir gar nicht, wie es uns geht, wenn wir im Stress sind. Und wenn wir etwas spüren, ist das Problem schon weit fortgeschritten. Dann wird es aber schwierig, sich selbst zu helfen.“
Joy Ackwonu

©Daniel Shaked

Die Feldenkrais-Methode arbeitet mit Bewegung – entweder im Einzelsetting mit einem Practicioner oder in einer Gruppeneinheit. In so genannten Awareness-Through-Movement-Stunden wird dabei nicht wie etwa bei Yoga oder in Fitnesskursen vorgeturnt. Die Bewegung wird vielmehr verbal angeleitet, sodass die Übungen auch individuell anders aussehen. Feldenkrais trainiert daher nicht nur den Körper, sondern funktioniert ein bisschen wie ein Sudoku, sagt Ackwonu. Trainiert werden gleichzeitig Körper und Geist, wobei Bewegung immer auch Gehirntraining ist, wie sie betont. Wenn man nach einem Glas greife, dann ist es das Gehirn, dass Signale gibt und dem Arm und der Hand sagt, wie weit das Glas entfernt oder wie schwer es ist.
„Oft spüren wir gar nicht, wie es uns geht, wenn wir im Stress sind“, sagt die Feldenkrais-Expertin. „Und wenn wir etwas spüren, ist das Problem schon weit fortgeschritten. Dann wird es aber schwierig, sich selbst zu helfen.“ Sie empfiehlt daher, ständig mit sich achtsam umzugehen. Wenn man nämlich eine Veränderung wahrnehme, dann verändere sich auch schon etwas zum Positiven. Die langsamen Bewegungen in einer Awareness-Through-Movement-Stunde schaffe Körperbewusstsein, man spüre den Körper langsam und Stück für Stück. Und könne dann auch besser gegensteuern.
Ein Beispiel: Homeoffice und Homeschooling führten in den vergangenen Monaten dazu, dass noch mehr Zeit als zuvor vor dem Bildschirm verbracht wird. Für das Auge führt das zu Überanstrengung, weil es lange in einer Position verharrt. Würde man dazwischen spazieren gehen, in die Ferne schauen, vor allem aber Dreidimensionales ansehen, würde das dem Auge guttun. Ackwonu verweist auf ein Tablett und eine Tasche. Während es anstrengend und auch mit Schmerzen verbunden sei, ein Tablett über Stunden zu halten, werde die Tasche mühelos durch den Tag getragen, da man leicht immer wieder die Position wechseln könne. Das Auge braucht ähnliche Abwechslung. Übersieht man den aufkommenden Druck, könnten die Beschwerden in eine Migräne, Fehlsichtigkeit oder Ticks wie dem ständigen Blinzeln münden. Bildschirmpausen oder zwischendurch mit einem vierfarbigen Jonglierball zu spielen, könne da entgegenwirken. Feldenkrais hilft, Stellen des Körpers, die bald schmerzen könnten, zu erspüren und damit dem Schmerz vorzubeugen.

Explizite Anleitungen. Vor der Pandemie fanden im Feldenkrais Institut alle Stunden – egal ob im Einzel- oder Gruppensetting – in Präsenz statt. Im Pandemiejahr hat man sich nun neue Formen überlegt: Einerseits gibt es Gruppenstunden als Hörspur (im MP3-Format), andererseits Workshopangebote per Zoom. Dabei ist es wichtig, die Aufnahme mit einer Person, welche die Bewegung nach der gesprochenen Anleitung durchführt, zu machen, sagt Ackwonu. Sonst würde man völlig in eine Blackbox hineinsprechen. Sie habe nun außerdem gelernt, die Anleitung wesentlich expliziter zu gestalten. Für Klienten, die normalerweise zu Einzelstunden kommen, nimmt sie teils auch individuelle Stunden auf. In den Phasen, in denen am Institut gearbeitet werden durfte, waren Masken bei den individuellen Stunden vorgeschrieben. Die Kurse, in denen sich Menschen zum Feldenkrais-Practitioner ausbilden lassen, durften im zweiten Lockdown (und danach) unter Wahrung diverser Hygienevorschriften fortgeführt werden.
Im Sommer und Herbst, jener Zeit also, in der sie persönlich mit Klientinnen und Klienten arbeiten durfte, habe sie viele berührende Szenen erlebt, erzählt Ackwonu. Da habe ihr eine Frau, als sie nach der Stunde aufstand, gesagt, „ich habe das Gefühl, von der Mitte heraus gewachsen zu sein.“ Andere Menschen hätten ein viel größeres Redebedürfnis an den Tag gelegt, manche von einer inneren Unruhe berichtet, andere von Schlafstörungen. Nicht nur einmal habe sie zudem von Menschen, die allein leben, gehört, dass Berührungen fehlen. Und wie gut daher die Stunde tue. Auch deshalb bemüht sie sich nun während Lockdown-Phasen, Stunden in Audioform anzubieten. „Menschen schreiben mir, wie froh sie sind, dass sie wenigstens meine Stimme hören können.“ Sie würden aus dem Grau in Grau herausgerissen, vielleicht dann sogar animiert, hinauszugehen und einen Spaziergang zu machen. Auch das ist Achtsamkeit, die einen durch eine insgesamt schwere Zeit tragen kann.

Das Feldenkrais Institut Wien
Aktuelle Angebote: Beckenboden-Workshopreihe für Frauen mit Joy Ackwonu • Moving out of Pain – Intro-workshop mit Donna Ray • The Synergy of Martial Arts and the Feldenkrais Method
• Dynamic Stability and the Art of Falling mit Moti Nativ.
Start der nächsten internationalen Feldenkrais-Ausbildung ist im September 2021 – bei einer Anmeldung vor dem 1. April gibt es eine „Early-bird-Ermäßigung“.
feldenkraisinstitut.at

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