Was ist ein „Enterprise Architect“? Zunächst einmal baut er keine Häuser. Und auch mit dem berühmten Raumschiff gibt es keine Verbindungen. Bei diesem Job geht es darum, sichere Schnittstellen zwischen IT und Business zu entwickeln. Yaron Zehavi, der diese Position in Wien bei der Raiffeisen Bank International besetzt, erklärt das so: „Es geht um das Management von Identitäten und Zugang. Das ist aber viel komplexer als nur die Beziehung zwischen dem einzelnen Kunden und der Bank. Wir behandeln eine Vielzahl von Beziehungen, etwa jene zu Lieferanten, zu Service- Firmen, zu den eigenen Beschäftigten.“ Überall da muss sichergestellt sein, dass die elektronischen Verbindungen das Gegenüber fehlerfrei identifizieren, dass nur jene Zutritt zum jeweiligen Prozess erhalten, die dazu auch berechtigt sind.
Das darf aber auch nicht allzu kompliziert werden, sonst steigen die Kundinnen und Kunden vorzeitig aus dem Identifizierungsprozess aus. Überdies besteht die Gefahr, dass sie dann – unbewusst – Türen für professionelle Betrüger öffnen. Die Vorgangsweise ähnelt dabei der vielfach – auch erfolgreich – ausgeführten analogen Variante: Ältere Menschen werden von angeblichen Polizisten telefonisch gewarnt, jemand plane, ihren Schmuck zu stehlen. Es sei sicherer, ihn der Polizei zu übergeben, die ihn für sie aufbewahre. Dann kommt jemand von der Bande mit gefälschter Polizeimarke vorbei, und weg ist die wertvolle Fracht, ganz ohne Einbruch.
„Bei unserer Arbeit geht es nicht ausschließlich um
Technologie, sondern auch um Menschen.“
Yaron Zehavi
Zehavi erklärt die elektronische Version: „Jemand wird verständigt, dass von seinem Konto angeblich 15.000 Euro illegal abgebucht wurden. Man könne ihm helfen, das Geld wieder zurückzubekommen. Dafür brauche man allerdings die Zugangsdaten zum Internet Banking. Aufgeregte Menschen machen das auch.“
Die Folgen sind allzu klar: Das Konto wird nun erst recht ausgeräumt. Zehavi: „Bei unserer Arbeit geht es nicht ausschließlich um Technologie, sondern auch um Menschen.“
Programmierer bei der Armee. Zehavi wurde 1979 in Israel geboren und ging in Ra’anana nördlich von Tel Aviv zur Schule. Als der Militärdienst bei den IDF (Israeli Defense Forces) heranrückte, bewarb er sich um eine Stelle als Computer-Programmierer im Militär. „Das war sehr kompetitiv. 2.000 haben sich gemeldet, nur 100 wurden genommen.“ Und man musste sich zusätzlich zu den obligatorischen drei Jahren für drei weitere Jahre verpflichten. „Ich verstehe das schon, denn in den ersten Jahren wird man eigentlich nur angelernt und ausgebildet.“
Dennoch lief das Engagement nicht ganz so wie erwartet. Statt in einer klinisch reinen Programmier-Abteilung landete Zehavi auf einem staubigen Stützpunkt, der sich mit Logistik und der Reparatur von Militärgerät befasste, eine massive Enttäuschung, „ein Friedhof für Programmierer“. Doch dann erkannte der junge Ingenieur seine Chance in dieser Situation: „Sie haben ihr Logistikwesen mit IBM-Mainframes – Großrechnern – organisiert. Wir konnten damit Abläufe und Kosten optimieren, Geld sparen und haben dafür sogar Auszeichnungen erhalten.“
Diese Art der IT-Konfiguration ähnelte denen in großen staatlichen Verwaltungseinheiten. Und auch in Banken. Zehavi: „Das hat mich auf den Weg in Richtung Banking gebracht.“ 2004, unmittelbar nach dem Militärdienst, wurde er von der Israel Discount Bank angeworben; und hier ging es genau um diese Etablierung von IBM-Systemen. Bald hatte er sich zum Head of Software Engineering hinaufgearbeitet, leitete eine Abteilung mit 20 Mitarbeitern. Und schon damals ging es genau um jene wichtigen Punkte in der Frühzeit des elektronischen Bankverkehrs: Sicherheit, Identifizierung, Verlässlichkeit, auch um das Umsetzen neuer Regulierungsvorschriften durch die Aufsichtsbehörden. Zehavi erinnert sich etwa an längere Auseinandersetzungen über gemeinsame Konten von mehreren Personen, bei denen die Bank die jeweils schwächere zu schützen habe, wenn sie etwa weniger Internet-affin sei.
Nach Wien und Mitteleuropa. Zehavis Frau stammt aus Deutschland, sie lebte mit ihm sieben Jahre lang in Israel, dort wurde auch ihre gemeinsame Tochter geboren. Doch seine Frau wollte wieder zurück in ein deutschsprachiges Land; in die engere Wahl kamen dabei als Standorte Berlin und Wien. „Wir waren mehrmals in Wien, allerdings nur als Touristen. Als ich eine Ausschreibung der RBI gelesen habe, habe ich mich dennoch gleich beworben, online.“
Bald kam ein Anruf, ob er zu einem Vorstellungsgespräch nach Wien kommen wolle. Das Paar war gerade in Deutschland, also ging es schnell. „Wir waren einander sympathisch“, erinnert sich Zehavi, „und dann habe ich hier meinen besten Chef bekommen, Günther Krähan. Er kann führen, unterstützen, aber auch vertrauen und selbstständig arbeiten lassen.“
Was Zehavi an dem neuen Job in Wien besonders reizte, war die Arbeit für eine ganze Region, Mittelosteuropa, wo die RBI ihr Netzwerk aufgespannt hat. Es wäre nicht sinnvoll, für jeden Markt eine individuelle Lösung zu erarbeiten und diese dann erst mühsam miteinander zu verknüpfen, im Gegenteil: Es gehe darum, eine übergreifende Plattform zu erarbeiten. „Das geschieht gemeinsam, nicht von der Wiener Zentrale angeschafft“, so der Spezialist. „Und das hat mich auch bereichert, ich muss nicht mehr allein Squash gegen die Wand spielen, sondern jetzt ist es Tennis im Team.“
Neue Herausforderungen: Der Aufbau eines funktionierenden, vernetzten elektronischen Bankensystems ist freilich nie abgeschlossen. Aktuell bereitet sich Zehavi mit seinem Team auf die nächste große Herausforderung vor: Künstliche Intelligenz (KI) oder LLMs (Large Language Models). Derzeit stehen zwei Möglichkeiten im Raum. Die Banken implementieren entweder auf ihren jeweiligen Apps und Websites eigene KI-Lösungen. Zehavi vermutet allerdings einen größeren Umbruch: „Die jungen Menschen gehen sehr selbstverständlich damit um. Und sie werden künftig auf ihren Smartphones nicht mehr 50 unterschiedliche Apps laufen haben, sondern diese von einer einzigen KI managen lassen. Das wird auch für die Banken und unser Identifizierungs- und Sicherungssystem neue Fragen aufwerfen.“






















