Sie schrieben Geschichte

Was mutige Frauen im Iran, iranische Drohnen in der Ukraine und die in Teheran geborene Israelische Sängerin Rita mit dem alten und dem alt-neuen Ministerpräsidenten Israels zu tun haben. Und dann war noch ein Abkommen mit dem Libanon.

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„Sie schreiben Geschichte“, soll Joe Biden nach dem Deal zu Yair Lapid am Telefon gesagt ha-ben.Der scheidende Ministerpräsi-dent unterzeichnete Ende Oktober das historische Grenzabkommen zwischen Israel und Libanon. © Ronen Zvulun / Reuters / picturedesk.com

Der Iran war in letzter Zeit, vielleicht aber ist da ja eh eine Art Konstante hier, in vieler Hinsicht präsent. Gerade erst haben die Drohnen aus Teheran, die Russland gegen die Ukraine einsetzt, Schlagzeilen gemacht. Yair Lapid, als amtierender Ministerpräsident, nannte diese Achse eine Gefahr für die Welt. Nach Berichten der New York Times soll Teheran auch Kurzstrecken-Raketen an seinen neuen Verbündeten Putin liefern. Und inzwischen haben sich offenbar auch die Befürchtungen bestätigt, so berichteten es CNN und seinerseits der ukrainische Präsident, dass der Iran von Moskau Unterstützung für sein Atomprojekt fordert. Man bringt sich also schon einmal in Stellung, für den Fall, dass nun doch kein Abkommen mit dem Westen unterzeichnet wird.

Intern bleibt die Lage im Iran weiter angespannt. Die Proteste dauern an, seit die 22jährigen Mahsa Amini von der dortigen Sittenpolizei aufgegriffen wurde, weil sie ihr Kopftuch nicht richtig aufhatte. Sie starb in Haft. Die Entwicklungen im Iran wurden in Israel selbst vom Wahlkampf nicht vollständig verdrängt. Dass man sie hier vielleicht noch intersiver als anderswo verfolgt, hat viele Gründe. Es hat zu tun mit den Menschen, der gemeinsamen Geschichte bis zur islamischen Revoltion 1979 und dem seit damals herrschenden Regime der Ayatollahs in Teheran, das keine Gelegenheit auslässt, sich die Auslöschung Israels herbei zu wünschen. Natürlich beschuldigte der Oberste Anführer Ali Khamenei das „künstliche zionistische Gebilde“ hinter den Demonstrationen stehen, die sein Land nun schon seit Wochen erschüttern.Es sei klar geworden, sagte Khamenei, wie der Grosse Satan (die Vereinigten Staaten) und die Zionisten (der kleine Satan) die Dinge anführten und Irans Sicherheit bedrohten. Soweit also erst einmal nichts Neues.

Die Entwicklungen im Iran wurden in Israel selbst vom Wahlkampf nicht vollständig verdrängt.
Dass man sie hier vielleicht noch intersiver als anderswo verfolgt, hat viele Gründe.

Für viele Israelis aber ist der Iran auch ehemalige Heimat, mit der sie viel verbindet. Zehntausende kommen aus diesem Land, oder haben Eltern, die dort geboren sind. Der ehemalige Generalstabschef Shaul Mofaz gehört dazu und die bekannte Pop-Sängerin Rita. Geboren in Teheran, ging Rita auf eine muslimische Schule. Neun Jahre bevor der Shah gestürzt und die bis dahin guten bilateralen Beziehungen abgebrochen wurden, istsie im Alter von acht Jahren mit ihrer Familienach Israel gezogen.

Rita redet gern über ihre Wurzeln,spricht von Nostalgie, was Essen, Landschaft und Kindheitsgerüche angeht. In einem 2011 erschienen Album singt sie in ihrer Muttersprache. Seitdem hat sie auch viele Fans im Iran. In einem Interview mit dem persischen Fernsehsender Iran International, mit Hauptquartier in London, aber online von überall zugänglich, hat sie sich jetzt mit den Frauen, „meinen teuren Schwestern“ im Iran solidarisiert. Daraufhin habe sie zum Dank Tausende von Nachrichtenauf farsi über Instagram erhalten. Für die Protestierenden spielt die Herkunft der Unterstützer keine Rolle. Im Gegensatz zum Regime hat die Bevölkerung sehr viel weniger Probleme mit der Existenz Israels.

„Sie schreiben Geschichte“, soll Joe Biden nach dem Deal zu Yair Lapid am Telefon gesagt haben,
bevor er sich mit Michel Aoun, dem Präsidenten des Libanons, verbinden liess.

Auch in Israel aber geht derzeit niemand davon aus, dass die mutigen Demonstraten auf den Strassen die Macht der Ayatollah sernsthaft gefährden. Sicher ist bloss, dass ein solcher Umsturz, herbeigeführt von den eigenen Regimegegnern,Potenzial für Veränderung im Nahen Osten hätte. Dadurch könnte etwa die Machtstellung hoch bewaffneter proiranischer Milizen wie die Hizbollah im Libanon beeinträchtigt werden. Verglichen mit deren beeindruckenden Raketenarsenal direkt an der Grenze zu Israel, erscheinen die Waffen der Hamas im Gazastreifen fast schon als Kinderspielzeug.

Was uns zur Einigung mit dem Libanon bringt, die ja gerade unter amerikanischer Vermittlung unterzeichnet wurde. Obwohl beide Staaten sich nach wie vor offiziell im Kriegszustand befinden, ist es ihnen gelungen, einen langjährigen Streit über die Erschliessung von Erdgasvorkommen im Mittelmeer beizulegen und eine gemeinsame Seegrenze zu bestimmen. Darüber wurde bereits seit 2020 verhandelt. Konkret handelte es sich um ein rund 860 Quadratkilometer großes Gebiet vor der Küste in Höhe des israelischen Grenzortes Rosh HaNikra, der auf der anderen Seite Ras an-Naqura heißt, und die Frage, wer welche Fläche ausschliesslich für sich beanspruchen kann.

Das Abkommen ist zwar weit entfernt von einem Friedensvertrag, schliesslich vermeidet der Libanon beflissen jeden Kontakt mit Israel. Aber es könnte die Gefahr eines weiteren Krieges mit der Hizbollah verkleinern, der seit Jahren als Wolke der Bedrohung über der Region schwebt. In jedem Fall kann nun deren Anführer, Hassan Nasrallah, nicht länger Israels angeblichen „Gasraub“ als billigen Vorwand für militärische Auseinandersetzungen nehmen. Langfristig garantiert eine solches Unterfangen mit Vorteilen für beide Seiten, womöglich auch mehr Stabilität. „Sie schreiben Geschichte“, soll Joe Biden nach dem Deal zu Yair Lapid am Telefon gesagt haben, bevor er sich mit Michel Aoun, dem Präsidenten des Libanons, verbinden liess.

Damit hat die scheidene Regierung jetzt auch ihren Stempel dem Nahen Osten aufgedrückt. Sie dauerte eineinhalb Jahre und wie es aussieht, könnte statt der bisherigen acht-Parteien-Koalition, deren Diversität eine Premiere an sich darstellte, schon bald eine vier-Parteien-Koalition regieren, die dann weitaus homogener wäre. Kommt sie zustande, wofür es jedenfalls eine satte Mehrheit gibt, wird der altneue Ministerpräsident Benjamin Netanyahu im Kreise seiner neuen, ausschliesslich männlichen, Koalitionspartner der einzige Säkulare sein – und der politisch Progressivste. Kein Wunder, dass dieses Bild bei Enttäuschten aus dem Verliererlager in der Tel Aviver Bubble durchaus – wenn auch natürlich bisher noch völlig unbegründet – Assoziationen mit dem oben genannten Land hervorruft.

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