
Margarete Waba ist in ihrem Alltag mit einem weißen Langstock unterwegs, das Smartphone ist ein steter wichtiger Begleiter. Blinden und sehbehinderten Menschen eröffnet das moderne Handy vielfältige Möglichkeiten, das Leben außerhalb der eigenen vier Wände gut zu bewältigen, vor allem aber, an diesem Leben teilzunehmen.
Waba ist Mitglied einer Fokusgruppe, die in enger Abstimmung mit dem Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverband arbeitet und Museen dabei berät, ihre Räume und Ausstellungen auch für Menschen mit schlechtem oder ohne Sehvermögen gut erfahrbar zu machen. Neue Maßstäbe habe hier das Wien Museum gesetzt, erzählte sie am Mittwoch bei einem Pressegespräch im VWI. Auch dort waren sie und ihre Kolleginnen eingebunden.
Sehr freue sie sich, dass sich nun auch ein kleines Museum wie jenes für Simon Wiesenthal bemühe, sein Angebot barrierefrei zu gestalten. Insgesamt habe sie den Eindruck, das Thema Barrierefreiheit sei nun in der Museumswelt breit angekommen. „Hier hat ein Perspektivenwechsel stattgefunden.“ Es sei ein Irrglaube, dass Museen für Menschen mit einer Sehbehinderung kein interessanter Ort seien. „Es macht einen Unterschied, ob man auf der Couch sitzt und etwas auf einer Webpage beschrieben bekommt, oder ob man die Aura der Umgebung wahrnimmt. Vieles bleibt dann anders im Gedächtnis.“

Wie aber kann man für Blinde und sehbehinderte Menschen ein Museum gut zugänglich machen? Da ist zum einen ein Leitsystem am Boden. Da ist das Hinführen zu QR-Codes, die sich mit dem Handy auslesen und die angebotenen Inhalte mit dem jeweils eigenen Screenreader gut vorlesen lassen. Da sind aber auch taktile Elemente.
Im Simon Wiesenthal Museum gibt es beispielsweise die vom historischen Kartografen Werner Hilgemann erstellte Landkarte mit dem Titel „Deutschland unter der Hitler-Diktatur 1933-1945“. Ein daneben platziertes Foto zeigt Wiesenthal, wie er auf genau diese Karte zeigt. Blinden Besuchern und Besucherinnen stehen hier nun auch Ausschnitte dieser Karte in ertastbaren Ausfertigungen zur Verfügung. Sie können einem kleinen, an der Wand angebrachten Korb entnommen werden. Auch hier führt das Bodenleitsystem die Besucher hin.
Wie der Museumsverantwortliche Sandro Fasching sowie Philipp Rohrbach, Koordinator für Public History, Bildung, Vermittlung und Museum am Wiener Wiesenthal Institut, am Mittwoch erzählten, wurden aber auch Barrieren für andere Besucher- und Besucherinnengruppen beseitigt. Videos wurden mit einer Übersetzung in Gebärdensprache ergänzt, darunter auch eine Aufnahme von Wiesenthal als Redner, Ausstellungsinhalte werden nun über den Webguide auch in leichter Sprache angeboten. Damit erreicht man zugewanderte Menschen, deren Deutsch noch nicht auf Erstsprachenniveau ist, ebenso wie Personen mit Lernbehinderungen sowie jüngere Menschen.
Der Webauftritt des Museums wurde rundum neu aufgestellt. Auf museum.vwi.ac.at können Besucher und Besucherinnen nun die Schriftgröße sowie den Kontrast selbst gut ihren Bedürfnissen entsprechend anpassen (vor allem relevant für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen), sich Inhalte aber eben auch mit einem Screenreader vorlesen lassen oder in einfacher Sprache konsumieren. Ein wichtiges Element: es wird auch der Weg zum Museum detailliert beschrieben.

Das zum Beispiel sei eine wichtige Erfahrung in dem Prozess zur mehr Barrierefreiheit im Wiesenthal Museum gewesen, sagte Rohrbach. „Der Besuch des Museums beginnt nicht am Eingang zum Museum.“ So können sich Interessierte nun schon zu Hause darauf einstellen, dass hier etwa eine Sicherheitsschleuse passiert werden muss, sie erfahren aber auch, wie man von den nächst gelegenen U-Bahn- und Straßenbahn-Stationen zum VWI am Rabensteig gelangt. Woran das Museum nun noch arbeitet, sind auch inklusive Workshopformate sowie Materialien dafür, sagte Rohrbach. Ein Museum sei immer auch ein Ort der Begegnung und des Austausches, auch da gehöre Inklusion auf verschiedensten Ebenen mitgedacht.
„Recht, nicht Rache“ lautete das Lebensmotto des Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal, der schließlich 1945 im KZ Mauthausen befreit wurde, davor aber in der NS-Zeit bereits in einigen anderen Ghettos und Konzentrationslagern gelitten hatte. Er widmete sein Leben der Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen und der Verfolgung von NS-Tätern. Triebfeder sei hier ein Schuldkomplex gewesen, so Fasching. Rund um ihn seien in der NS-Zeit Menschen und vor allem Mithäftlinge ermordet worden, doch er habe überlebt. Warum, so die Frage, die er sich sein Leben lang gestellt habe.

Von Wien aus sammelte Wiesenthal schließlich Jahrzehnte lang – er arbeitete unermüdlich bis zu seinem Tod – Informationen über gesuchte NS-Verbrecher und unterstützte Ermittlungsbehörden bei deren Aufspürung. Er setzte sich dafür ein, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus juristisch aufgearbeitet, aber auch, dass sie nicht vergessen werden. Herausragend seien dabei auch seine Kommunikationsfähigkeiten gewesen.
Jüngeren Generationen gilt es hier zum Beispiel zu vermitteln, wie es war, in den 1960er oder 1970er Jahren mit Menschen weltweit überhaupt einmal in Kontakt zu treten, Beweise zu sammeln, Dinge öffentlich zu machen, aber auch die Finanzierung für seine Arbeit aufzustellen, so Fasching. Kommunikation bedeutete im Vorinternetzeitalter etwas gänzlich anderes als heute: Basis waren Briefwechsel, Telefonate, persönliche Gespräche – und damit auch viele Reisen. Im Museum ist dazu etwa das Adressbuch Wiesenthals zu sehen. Mit dem Auffinden Adolf Eichmanns in Argentinien 1960 wurde Wiesenthal international berühmt, es entstand ein Wiesenthal Center in Los Angeles, es wurde 1989 ein Film über ihn mit Ben Kingsley als Simon Wiesenthal gedreht („Murderers Among Us: The Simon Wiesenthal Story“, Regie: Brian Gibson).





















