Situationselastik,europäisch und austriakisch

Wien ist eine Stadt, die alles aushält. Vor allem Widersprüche. Offen sein und wegschauen zum Beispiel. Das geht sich gut aus, seit Jahrzehnten.

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In den letzten Wochen merkt man wieder, wie flexibel diese Stadt ist. Vor den Synagogen mehr Polizei, in den Cafés mehr Meinung. Alle sind Experten. Geopolitik zwischen Melange und Apfelstrudel. Man weiß plötzlich ganz genau, was „man ja wohl noch sagen dürfen wird“. Eh klar. Aber genau genommen ist das eigentlich gar nicht plötzlich. Das war schon immer so. Die einzige Zeit, in der dieser Spruch vermutlich nicht strapaziert worden ist, wird wohl in der Gedankenpolizeizeit Metternichs gewesen sein. Vielleicht. Es ist nur wieder laut. Jüdischem Leben gegenüber wieder sehr laut. Dazwischen war es ja schon deutlich leiser, wie in Watte gewickelt, wie Weihnachtsschmuck, der auf seinen großen Auftritt wartet, aber immer noch da. Aber das ist ja kein rein Wiener Phänomen.

Europa zieht Wien ja fast davon. Jüdisch sein in Europa ist derzeit wieder ein bisschen wie Dauerbesuch. Man ist da, aber nicht ganz zuhause. Man weiß, wo man sitzt, wie laut man redet, welche Kette man heute lieber unter dem Pulli lässt. Welche Lokale man beispielsweise in Berlin besser meidet. Keine große Sache. Nur mitdenken halt. Die Welt liebt Leute, die mitdenken. Vor allem, wenn sie sich selbst dabei zurücknehmen. Zurückgenommene sind leichter zu tolerieren. Europa meint es nicht böse. Sie meint es halt. In Österreich wird das ja noch weniger direkt und brutal ausgedrückt als in einigen anderen Ländern. Dafür versteckt gemeiner. Antisemitismus ist hier selten laut, dafür beharrlich. Er kommt im freundlichen Ton, im „Ich hab ja nix gegen …“, im ehrlichen Erstaunen, dass Juden nicht nur Erinnerungskultur sind, sondern Gegenwart. Lebendig, manchmal sogar unerwartet unbequem.

Man fragt uns oft, wie es uns geht. Das ist nett. Die richtige Antwort wäre: situationselastisch. Aber man sagt lieber: passt schon. Österreichweit. Die deutschen Gesprächspartner rätseln dann recht lange, was „passt schon“ bedeuten könnte. Hier ist „passt schon“ ein Code. Allzweckpflaster. Hält alles. Deckt zu. Auch Dinge, die eigentlich offen liegen. Manchmal eitert es darunter, wenn man nicht aufgepasst hat auf Luftwechsel.

Und nun: Wien. Wien ist solidarisch. Vor den Tempeln stehen Polizisten mit Maschinengewehren. Das nennt man Schutz. Einige nennen es Alltag. Man gewöhnt sich an alles, sagt man hier gern. Stimmt. Gewöhnen heißt aber nicht, dass es gut ist. Nur, dass man weiterfunktioniert.

Österreich mag Juden am liebsten kultiviert, unauffällig und dankbar. Am besten in der Vergangenheit, gern auch mit Führung und Audioguide. In der Gegenwart bitte leise, differenziert, auf jeden Kompromiss heiß und nicht so empfindlich. Aber das ist keine österreichische Spezialität.

Wir sind trotzdem da. Sitzen im Beisl, fahren mit dem Zug, arbeiten, regen uns auf. Ganz normal. Mit einem Extrasensor für Stimmungen. Und der leisen Gewissheit, dass man in Europa auch 2026 vieles sein kann. Nur nie ganz selbstverständlich.

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