„So bleibt Luc am Leben“

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Dörte Lyssewski gehörte zu den engsten Freunden und war eine Lieblingsschauspielerin von Regielegende Luc Bondy. Sie erzählt vom großartigen Menschen, seiner Lebenslust und seinem tief verwurzelten Jüdischsein.

Interview: Marta S. Halpert

WINA: Sie haben bei der Burgtheater-Gedenkmatinee für den viel zu früh verstorbenen Regiezauberer Luc Bondy die persönlichste und berührendste Rede gehalten. Wo und wann gab es die erste Begegnung?

Dörte Lyssewski: Ich war 1989 frisch an der Schaubühne in Berlin engagiert, und da inszenierte Luc Bondy gerade Die Zeit und das Zimmer von Botho Strauß. Da habe ich bei den Proben zugeschaut und diesen etwas nervösen Mann in den Proben erlebt – und er hat mich auch gleich ins Auge gefasst: „Aha, ein junges Gesicht an der Schaubühne.“ Ich war 22 und habe mit dem damaligen Intendanten Peter Stein Tschechows Kirschgarten geprobt. Es hat relativ schnell zwischen uns gefunkt, und so kam es schon 1990 zu unserer ersten gemeinsamen Arbeit: Shakespeares Wintermärchen in der Übersetzung von Peter Handke. Der Beginn einer Jahrzehnte dauernden wunderbaren, inspirierenden Arbeit.

Die Welt: Spielt Ihr Judentum für Ihre Arbeit eine Rolle?

Luc Bondy: Sicher. Es gibt ein jüdisches Denken. Es ist eben diese jüdische Liebe zum Paradox, dazu, etwas umzudrehen, sich über sich selbst lustig zu machen. Ich kenne keine Kultur, die so viele Witze über sich selber macht. Jedenfalls sind mir Witze aus Syrien oder dem Irak nicht bekannt. Es braucht Mut, im Unklaren zu bleiben, die Frage wieder und wieder zu stellen, und dahinter noch eine und noch eine, und sie nicht zu beantworten. Das ist Talmud-Auslegung.

Haben Sie dann noch an der Schaubühne zusammengearbeitet?

❙ Ja, zwei Jahre später folgte Schlusschor von Botho Strauß und 1994 Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten von Peter Handke. Und ein Jahr später kam Der Illusionist von Sascha Guitry.

Sie haben Luc Bondy viele Jahre immer wieder in Paris – und auch während seiner diversen Spitalsaufenthalte besucht. Wie kam es dazu?

Dörte Lyssewski in Die schönen Tage von Aranjuez bei den Wiener Festwochen 2012 in der Regie von Luc Bondy.
Dörte Lyssewski in Die schönen Tage von Aranjuez bei den Wiener Festwochen 2012 in der Regie von Luc Bondy.

❙ Ja, wie entsteht Freundschaft? Bei Luc geschah das ansatzlos, wenn die Chemie gestimmt hat. Man verbrachte viel Zeit mit ihm, bei der Arbeit, aber auch beim gemeinsamen Essen. Da entstanden wunderbare Gespräche. Und er liebte Frauen, und zwar als Wesen, egal ob sie jung oder alt waren, das blieb sein lebenslanges Thema. Auch wenn wir längere Zeit nicht miteinander gearbeitet haben, brach der Kontakt nie ab. Auch als er von Berlin nach Paris übersiedelte, heiratete, die Zwillinge zur Welt kamen, wurde man ganz selbstverständlich bei ihm aufgenommen, durfte bei ihm wohnen und genoss seine wunderbaren Kinder und seine Ehefrau, die Unglaubliches geleistet hat. Es entstand eine bestimmte Gemeinsamkeit mit den Menschen, die dort hinein- und hinausgespült wurden – sowohl Freunde als auch Fremde.

Sie beschreiben viele Eigenschaften von Luc Bondy, u. a. auch seine Leichtigkeit. War er wegen seiner lebenslangen körperlichen Beschwerden nicht eher ein Schwermütiger, auch ein Grübler?

❙ Natürlich war er ein Schwermütiger, ein Grübler und auch ein Verzweifelter. Aber er hat nicht die Waffen gestreckt, er hat dagegen „angelebt“ und „angearbeitet“. Gerade weil er bedroht war, hatte er diese unbändige Lebenslust, Lebensgier und Arbeitswut. Die Einsicht, wie schwer das Leben und wie nah der Tod ist, hat ihm diese Leichtigkeit verliehen. Wenn das Leben so kostbar wird, kann man mit gewisser Leichtigkeit fast tänzelnd über diesem Abgrund leben, das widerspricht einander nicht, das ergänzt sich eher.

Sie haben sich am Burgtheater postum bei Luc Bondy für acht gemeinsame Produktionen bedankt. Welche war Ihnen die liebste, die bedeutendste?

❙ Das kann ich gar nicht sagen. Aber die größte Herausforderung, sie galt mir als Schauspielerin, war natürlich jene auf Französisch Theater zu spielen. Am Théâtre de l‘Odéon in Paris präsentierte er 2005 Viol (Schändung), eine Titus Andronicus-Bearbeitung von Botho Strauß. Da war ich die Lavinia, eine ganz wunderbare Rolle. Da sprach mich die französische Presse heilig, weil sie überrascht war, eine Deutsche ohne Akzent auf der Bühne zu hören.

Hatte Bondy für die Rolle keine Französin gefunden?

❙ Genau das habe ich ihn als erstes gefragt. Er gestand mir, dass er einen Horror vor den französischen Bühnenschauspielern hätte und viel lieber in Berlin gearbeitet habe. „Ihr seid da weiter, ich habe dich als Zugpferd gebraucht, damit die anderen sehen, wie ihr das angeht.“ Aber es ging bei Luc auch viel mehr um Vertrauen. Er hat mir viele Aufgaben zugetraut, hat sie mir zugemutet. Das Ungewöhnlichste geschah auch in Paris: 2008 begann er mit den Proben an der Opéra Nationale de Paris für Yvonne, Princesse de Bourgogne. Gemeinsam mit seiner Frau, Marie-Louise Bischofberger, hatte er das Libretto zu Philippe Boesmans Oper nach dem Drama von Witold Gombrowicz geschrieben. Die Yvonne war nur eine kleine Rolle, aber Luc musste plötzlich ins Spital und bat mich, die ersten Probenwochen der gesamten Produktion zu übernehmen. Ich bin täglich ins Spital gefahren und habe ihm die Modelle der Bühnenbilder, die Aufzeichnungen der Proben mitgebracht. Nach drei Wochen ließ er sich im Krankenbett in die Oper fahren, nahm ein Mikro in die Hand und sagte: „Jetzt ziehst du dein Kostüm an, wir tauschen die Rollen, du bist jetzt Yvonne.“ Das war Luc.

„Er war ein Schwermütiger, ein Grübler und auch ein Verzweifelter. Aber er hat nicht die Waffen gestreckt, er hat dagegen‚ ‚angelebt‘ und‚
‚angearbeitet‘.“ Dörte Lyssewski

Sie berichten so lebendig, wie sich die Künstler aus aller Welt an seinem Krankenbett versammelten, und erwähnen auch die Bücher, die Sie dort gesehen haben, u. a. jüdische Witze. War das die einzige Ebene, wie er mit seinem Judentum umgegangen ist? Oder gab es da auch noch ernstere Zugänge?

❙ Es gab natürlich ernste Dimensionen, ich fand das nur erstaunlich, dass jemand, der vom Tod bedroht ist, aus diesen Bändchen vorliest. Aber das war nur die eine Seite, Luc hat sich laufend mit der Geschichte seiner Familie auseinandergesetzt. Das Judentum war ein ganz zentrales Thema für ihn: Manchmal hat er sich darüber lustig gemacht, aber hauptsächlich hat er versucht zu verstehen, was ihn fasziniert und auch, was ihn abgestoßen hat. Viele seiner Freunde teilten das gleiche Schicksal, z. B. sein lebenslanger Assistent, Geoffrey Layton, kam auch aus einer jüdischen Familie, deren Mitglieder vor den Nazis fliehen mussten.

Ging es dabei immer nur um die traurige Vergangenheit oder auch um aktuelle politische Ereignisse?

❙ Unter den jüdischen und nicht-jüdischen Intellektuellen in Paris wurde permanent diskutiert, natürlich auch über Israel. Luc ging auch auf Demos in Paris, ist auch bei den Protesten gegen Schwarz-Blau in Wien ganz vorne mit marschiert.

Hat Luc Bondy von sich aus jüdische Themen angesprochen, wenn diese ihn beschäftigt haben?

❙ Ja, sicher, aber er ging nicht in die Synagoge, er war säkular eingestellt, aber er wollte bestimmte Sachen wissen und verstehen. Luc war ein sehr spiritueller Mensch, seine Welt war angefüllt mit Büchern, und er war immer neugierig und wissensdurstig. Als es ihm sehr schlecht ging und er vier Monate im Spital in der Horizontalen gelegen ist, ließ er sich einen Rabbi kommen, mit dem hat er sich zweimal in der Woche unterhalten. Das ging in seiner Wohnung weiter, als er rekonvaleszent war. Später kam der Rabbi dann auch regelmäßig ins Krankenhaus – wir reichten einander nicht die Hand, aber die Türklinke.

Sehr traurig war dann der Abschied von Luc, obwohl das Schönste daran das Kaddisch-Gebet war, das Martin Schlaff für ihn gesagt hat.

Sie scheinen auch eine Affinität zu gewissen Themen zu haben: Sie sind eine der beiden Burgschauspielerinnen, die Erzählerin, in der Produktion Die letzten Zeugen – 75 Jahre nach dem Novemberpogrom 1938. Haben Sie diese Rolle wählen können oder wurden Sie dafür bestimmt?

❙ Wir lesen eigentlich nur die Lebensgeschichten dieser wunderbaren Menschen. Matthias Hartmann hat mich gefragt, und ich habe sofort ja gesagt. Das war überhaupt keine Frage!

Wer hat Sie am meisten berührt?

❙ Alle, jeder auf seine Weise. Nein, es gibt keinen Unterschied, jeder einzelne hatte eine Art von eigenem Humor. Kurz vor der Vorstellung ging es immer sehr lustig zu, weil wir alle wussten, jetzt wird es sehr hart auf der Bühne – und da hat uns der Humor als Ventil sehr geholfen. Es ging ja nicht um uns Schauspieler, sondern um die dramatischen Erlebnisse dieser Menschen, wir waren nur ihr Sprachrohr. Und das hat etwas mit Verantwortung zu tun.

Was wird von Luc Bondy bleiben?

❙ Für mich ist er nicht weg, irgendwie ist er da, noch gegenwärtig. Ich habe ihn nicht nur in meinem Lebensrucksack: Es bleibt alles, was ich von ihm gelernt und mitbekommen habe. Ich versuche das weiterzuleben und in meine Arbeit einfließen zu lassen, meinen Studenten weiterzugeben, weil die ihn und andere Größen des Theaters nicht mehr kennen. Diese Flüchtigkeit kann ich nur aufhalten, indem ich die Erfahrungen weitergebe, so bleibt Luc leben. So umgebe ich mich mit diesen Gespenstern, aber mit diesen sitze ich gerne am Tisch, sehr gerne!

Luc Bondy wurde 1948 in Zürich geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Frankreich. Als Sohn des Literaturkritikers François Bondy und Enkel von Fritz Bondy (N. O. Scarpi), wuchs er in einer bildungsbürgerlichen jüdischen Familie auf. Nach dem Besuch der Patomimenschule von Jacques Lecoq gab er sein Debüt am Théâtre Universitaire International in Paris. Ab 1971 inszenierte er eine Reihe wichtiger Werke. 1973 gelang ihm mit Edward Bonds Die See am Residenztheater München der Durchbruch. Von 1974 bis 1976 arbeitete Bondy an der Städtischen Bühne Frankfurt. In weiterer Folge übernahm er die Regie für zahlreiche Stücke an der von Peter Stein geleiteten Berliner Schaubühne. 1984 folgte seine erste Regie in Frankreich – Schnitzlers Das weite Land mit Michel Piccoli.
Luc Bondys Operninszenierungen waren mehrfach in Salzburg, Hamburg, Brüssel und Edinburgh zu sehen. 1997 wurde er Schauspieldirektor der Wiener Festwochen, von 2002 bis 2013 war er deren künstlerischer Leiter. In dieser Zeit entstanden auch gefeierte Arbeiten am Burg- und Akademietheater. Seine letzte Arbeit in Wien war 2013 Molières Tartuffe mit Gert Voss. Er verfasste Lyrik und schrieb Bücher, u. a. Meine Dibbuks und Verbesserte Träume (Zsolnay 2005). Luc Bondy starb im November in Zürich.

Dörte Lyssewski wurde 1966 in Niedersachsen geboren und absolvierte die Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg. Ab 1989 gehörte sie sechs Jahre dem Ensemble der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin an, wo sie unter Regiegrößen wie Peter Stein, Klaus-Michael Grüner und Luc Bondy reüssierte. Die nächsten Stationen waren das Deutsche Theater Berlin, das Berliner Ensemble und 2000–2005 das Schauspielhaus Bochum. Unter der Intendanz von Gerard Mortier war sie drei Jahre lang die Buhlschaft im Jedermann und spielte in mehreren Produktionen der Salzburger Festspiele. Ihre Auftritte an der Opéra National de Paris, in Montpellier und am Pariser Théâtre National de l’Odéon gehen alle auf ihre intensive Arbeit mit Luc Bondy zurück. Seit 2009/10 gehört Lyssewski dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an. Sie ist Lehrbeauftragte am Max-Reinhardt-Seminar und erhielt 2012 den Nestroy-Preis als „Beste Schauspielerin“. Im März 2015 erschien ihr Buch Der Vulkan oder die heilige Irene bei Matthes & Seitz, Berlin.

Bilder: © Georg Hochmuth / picturedesk.com ; © Nathalie Bauer / picturedesk.com

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