Soldaten, Motorradfahrer und City-Flaneure

Es ist kaum bekannt, dass die internationale Luxusmarke Belstaff einen jüdischen Gründer hatte.

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Belstaff war weltweit die erste Firma, die ägyptische gewachste Baumwolle zur Herstellung atmungsaktiver und dennoch wasserfester Kleidung verarbeitet. © Isabel Infantes/PA/picturedesk.com

Der Erste Weltkrieg brachte einer Textilfirma in den provinziellen englischen Midlands Aufträge wie nie zuvor. Der Bedarf an wasserfesten Stoffen für die Soldaten in den schlammigen Schützengräben Frankreichs wuchs in ungeahnte Höhen. „Die Fabrik von Eli Belovitch expandiert schlagartig und beliefert das Militär mit Capes, Zelten und Planen“, liest man in einer Firmenchronik.
Doch auch nach dem Ende des Booms hatte Belovitch kommerziell interessante Ideen. Er verfolgte mit Eifer die Rennen der tollkühnen englischen Motorradfahrer, und er wusste um ihre Probleme. Um den Staub auf den damals noch unbefestigten Pisten zu bändigen, spritzte man eine säurehaltige Lösung auf die Rennstrecken, mit äußerst unangenehmen Folgen für die Bekleidung der Teilnehmer.
Belovitch nutzte seine Erfahrung mit Militärbekleidung und entwickelte in den 1920er-Jahren des vorigen Jahrhunderts spezielle Motorradjacken. Gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Harry Grosberg gründet er 1927 die Marke Bellstaff (bis in die 1930er-Jahre mit zwei „l“ geschrieben). Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben von Belovitch und der Region Staffordshire zusammen. Die Firma begann in der Nähe von Stokeon-Trent, funktionelle, wasserfeste Kleidungsstücke mit dem Fokus auf Motorradfahrer zu produzieren, erst für Männer, dann auch für Frauen. Einer der berühmtesten Motorradcracks der Zeit, Malcolm Campbell, wurde zum Vorzeigekunden der wachsbeschichteten Lederjacken. Und auch der Forscher, Spion und Abenteurer Thomas Edward Lawrence zählte bald zu den treuen Abnehmern. Anfang der 1930er-Jahre kleideten sich die Luftfahrtpionierinnen Amelia Earhart und Amy Johnson in Belstaff.

„Die Fabrik von Eli Belovitch expandiert schlagartig und beliefert das Militär mit Capes, Zelten und
Planen.“
A. d. Firmenchronik.

In der Firmenchronik liest man: „Da das Unternehmen seine Führungsrolle in der Spitzentechnologie nicht verlieren soll, begibt sich Grosberg auf ausgedehnte Reisen durch Europa und Asien auf der Suche nach neuen Stoffen und Herstellungsmethoden. Belstaff wird weltweit die erste Firma, die ägyptische gewachste Baumwolle zur Herstellung atmungsaktiver und dennoch wasserfester Kleidung verarbeitet.“
1939 zieht sich Eli Belovitch aus dem Unternehmen zurück, das nun von seinem Schwiegersohn und seiner Tochter Esther geleitet wird. Unter ihrer Führung erfolgt die zweite Kriegsexpansion 1940 bis 1945 mit zusätzlich 600 Arbeitskräften. Nach deren Ende und der Rückkehr zur Motorradbekleidung beginnt eine Entwicklung, wie sie auch viele andere Bekleidungsmarken durchlaufen: Unterschiedlichste Investoren kaufen sich ein und verabschieden sich wieder. Erst ist dies in England James Halstead, dann folgt die Sponsor SA aus Italien, darauf die amerikanische Labelux Gruppe, auf sie die JAB Luxury GmbH der deutschen Unternehmerfamilie Reimann, zu der zeitweise auch Bally und Jimmy Choo gehören.
Man eröffnet Flagship-Stores in zahlreichen Städten zwischen Mailand, New York und Tokio. Berühmte Testimonials sind etwa Steve McQueen, später David Beckham, Kate Moss oder Liv Tyler.
2017 übernimmt schließlich der britische Chemiekonzern Ineos Belstaff. Ineos war über Jahre vom Unternehmer Jim Ratcliffe aus unterschiedlichen petrochemischen Töchtern anderer Konzerne zusammengebaut worden und erzielte 2020 einen Umsatz von 60 Mrd. Dollar.
Ratcliffe erlaubt sich Investitionen in branchenfremde, aber typisch britische Erzeugnisse. Neben Belstaff ist das etwa eine Autofirma, die sich zum Ziel gesetzt hat, jene Lücke zu füllen, die die Einstellung des klassischen Land Rover Defender hinterlässt. Der Ineos Grenadier, ein kantiger allradgetriebener Geländewagen, wird ab kommendem Jahr in einer französischen Fabrik der Smart-DaimlerGruppe produziert. Entwickelt wurde er bei Magna Steyr in Graz, und Autojournalisten aus der ganzen Welt reisten an, um erste Prototypen auf der Teststrecke am Grazer Hausberg Schöckl durch das steile Terrain zu jagen.

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