Sopran mit Charme

Die junge israelische Sängerin Rinnat Moriah kam von Philadelphia über Berlin und Heidelberg nun nach Mörbisch.

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© Reinhard Engel; rinnatmoriah.com

Die Verabredung hinter den Kulissen der Mörbischer Festspielbühne gilt dem dunkelhaarigen israelischen Sopran Rinnat Moriah. Aber nirgends ist eine Künstlerin mit lockiger Langmähne zu sehen. Hingegen schwebt eine zarte junge Frau mit blonder Kurzhaarperücke, unter der zwei Mikroknöpfe herausragen, aus der Maske. Sie lacht und freut sich diebisch, dass man sie nicht erkennt. „Macht nichts, mein Mann hat mich auch nicht gleich erkannt“, sagt sie im Kostüm der „Lisa“, jener Rolle, die sie den ganzen Sommer lang in der Gräfin Mariza-Produktion am See verkörpert und für die sie großes Kritikerlob einheimste: „Eine wirkliche Entdeckung dieser Ausgabe der Seefestspiele ist Rinnat Moriah, die sich fast als überbesetzte Lisa (eine Traumstimme und eine sehr schöne Darstellung) für höhere Aufgaben anbietet.“

Was der Kritiker des Wiener Kurier nicht zu wissen scheint: Die Israelin wurde bereits international entdeckt, sie kommt von der großen Opern- und Konzertbühne und wurde hier erstmals mit einer Operettenrolle betraut. „Es war purer Zufall, dass ich diese Soubrettenpartie angeboten bekommen habe“, erzählt sie. „Im letzten Herbst war ich kurzfristig für die Tournee der Mörbischer nach Korea engagiert worden. Und zwar für die Rolle der ‚Adele‘ in der Fledermaus. Ich liebe diese Partie, weil man mit ihr allen anderen die Show stiehlt, das hat mir großen Spaß gemacht.“ Peter Edelmann, Intendant der Seefestspiele Mörbisch, hat sie danach für dieses Jahr engagiert.

»Ich genieße jetzt meine künstlerische Freiheit,
denn ich liebe diesen Beruf
für seine Vielfältigkeit und Spontaneität.«
Rinnat Moriah

Gesang statt Armee. „Es ist eine neue Herausforderung, mehr zu tanzen, intensiver zu spielen und ein bisschen Wienerisch zu sprechen“, meint Rinnat, deren breitgefächertes Repertoire sowohl lyrische als auch Koloratursopranrollen umfasst. Sie debütierte bisher am Teatro alla Scala, an der Deutschen Oper Berlin, am Theater an der Wien und zählt die Partien der „Zerbinetta“ (Ariadne auf Naxos), der Königin der Nacht (Zauberflöte) oder der „Violetta Valery“ (La Traviata) zu ihren Lieblingsrollen. „Mit 14 Jahren war mir klar, dass ich Sängerin werden wollte, deshalb ging ich nach der Matura nicht zur Armee, sondern zum Studium nach Philadelphia.“ Musikalisch vorbelastet ist sie nur durch die große Opernliebe ihres Vaters, mit dem sie vierhändig Klavier spielte und der überzeugt ist, dass er heute noch mehr über Opernmusik wüsste als sie. Und das, obwohl Rinnat am Curtis Institute of Music in Philadelphia bereits mit 19 Jahren ihre erste Königin der Nacht sang.

Nicht zu erkennen in ihrem Mörbischer Outfit: Sängerin Rinnat Moriah auf Österreich-Besuch. © Reinhard Engel; rinnatmoriah.com

Dort absolvierte sie sowohl ihr Bachelor- wie auch ihr Masterstudium und kam mit 24 Jahren nach Deutschland. Nachdem sie Daniel Barenboim die „Susanne“ aus Figaros Hochzeit vorgesungen hatte, bekam sie ein zweijähriges Engagement an die Deutsche Oper Berlin. Ihr erstes festes Engagement folgte in Heidelberg, wo sie vier Jahre zum Ensemble gehörte. „Dort konnte ich bereits die ersten großen Partien, wie die ‚Violetta‘ in La Traviata singen. Ich bin für diese anspruchsvolle Herausforderung sehr dankbar, denn so konnte ich meine Stimme gut entwickeln.“ Das sieht der Rezensent der Wiener Presse auch so: „Sie singt mit schlanker, doch tragender Stimme, ganz unangestrengt und ohne jede Schärfe auch in den höchsten Sopranregionen.“

Doch Rinnat Moriah hat sich nicht nur mit dem populären Repertoire der Opernhäuser auseinandergesetzt, sondern zwei besonders fordernde musikalische Sparten erobert. Einerseits beschäftigt sie sich intensiv mit moderner Musik, und andererseits widmet sie ihre vielseitig einsetzbare Stimme der Barockmusik. „Ich würde den Titelpart der La Traviata sofort wieder singen, aber es gibt so viele gute ‚Violettas‘ auf der Welt. Mich fasziniert die moderne Musik und was man mit der menschlichen Stimme alles erreichen kann“, sprudelt es aus Moriah die froh ist, jetzt als ungebundene Sängerin aus verschiedenen Angeboten wählen zu können. Konzerte sang sie u. a. am Concertgebouw Amsterdam, an den Philharmonien in Berlin und Paris, an der Elbphilharmonie Hamburg sowie bei den BBC Proms. Bei Alban Bergs Lulu-Suite arbeitete sie wieder mit Daniel Barenboim zusammen.

Ihrem Entdecker blieb Rinnat Moriah treu: Mit dem israelischen Dirigenten Dan Ettinger, den sie seit 15 Jahren kennt und dem sie ihre Lehrerin verdankt, tourte sie in mehreren israelischen Städten mit dem Israel Philharmonic Orchestra. In Haifa hat sie vor Kurzem einen amerikanischen Sängerkollegen geheiratet. Gibt es Pläne für Auftritte in Israel? „Nein, derzeit nicht, aber ich genieße jetzt meine künstlerische Freiheit, denn ich liebe diesen Beruf für seine Vielfältigkeit und Spontaneität.“ Spontan und flexibel war Moriah auch einige Tage vor der Aufführung in Mörbisch: Vor der Premiere bei den Bregenzer Festspielen drohte die Sängerin der Titelpartie in Berthold Goldschmidts Beatrice Cenci krank zu werden. Moriah wurde in aller Eile angefragt. „Ich lernte diese schwere Partie in zwei Tagen und fuhr nach Bregenz. Aber Gal James, übrigens eine israelische Kibbuznik, schaffte es dann doch und hat es toll gemacht.“

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