Steirische Technik gegen Amazon

Israels größter Lebensmittelhändler Shufersal hat sein neues Logistikzentrum für den Webshop bei einem österreichischen Unternehmen in Auftrag gegeben.

0
668
Auslieferung. Von den neuen Logistikzentren, die Shufersal baut, werden Tel Aviv und Umgebung in Zukunft effizient beliefert. © 123RF; Shufersal; Knapp Industry Solutions GmbH

Amazon wird kommen, man weiß nur noch nicht wann. Derzeit erhalten israelische Kunden ihre Waren aus Logistikzentren in anderen Ländern zugestellt. Und momentan unterhält der US-Webshop-Riese in Israel nur mehrere kleine Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen. Aber für die nächsten Jahre rechnen Webexperten fix mit dem Aufbau einer eigenen Logistikstruktur inklusive Versandzentren in Israel. Und auch wenn man bei Amazon zunächst an Bücher, Elektronik und Bekleidung denkt, so gibt es eine andere Branche, die beim Gedanken an diesen Markteintritt mehr als nervös wird.
Israels Lebensmittelhandel weiß genau, dass Amazon durch die Übernahme der größten Biokette der USA, Whole Foods Market in Texas, mit einem einzigen Schritt seine Kompetenz bei Ernährung inklusive Frischwaren auf eine völlig neue Ebene gehoben hat. Weiters stellen die hohen Renditen in Israel in diesem – teils geschützten – Markt eine große Verlockung dar. Man erinnere sich an die wochenlangen Demonstrationen junger Menschen vor einigen Jahren, die eben diese hohen Lebensmittelpreise zum Thema hatten. Teures Joghurt war damals zu einem Symbol dieser Proteste geworden.

© 123RF; Shufersal; Knapp Industry Solutions GmbH

Jetzt rüsten die israelischen Handelsketten für diesen bevorstehenden Wettbewerb, um nicht zu sagen Kampf. Die meisten von ihnen haben zwar bereits Webshops in Betrieb, aber gegen einen perfekt organisierten globalen Riesen wie Amazon muss man mehr als einen Gang höher schalten. Das tut gerade Shufersal (umgangssprachlich auch Super Sal genannt) und investiert in die Logistikinfrastruktur für seinen Onlineshop. Zwei Standorte in Israel werden mit einer modernen Logistiklösung ausgestattet, um Kundenbestellungen künftig wesentlich schneller und teilweise automatisiert abzuwickeln. Diese Warenzentren baut gerade ein österreichisches Unternehmen auf: Knapp aus Hart bei Graz.
Wer sind die beiden Partner bei diesem Projekt? Shufersal ist Israels größter Einzelhändler mit 13.500 Beschäftigten an 270 Standorten im ganzen Land – vom Großmarkt bis zum Mininahverorger. 1958 hatte Shufersal sein erstes Geschäft in Tel Aviv eröffnet – damals als ersten modernen Supermarkt seiner Art in Israel. Heute, 60 Jahre später, umfasst seine Produktpalette nicht nur Lebensmittel, sondern auch verschiedene Non-Food-Artikel wie Reinigungsmittel und Kosmetika, Haushaltswaren, Kleidung und vieles andere.
Den Onlineshop Shufersal Direct gibt es seit 2013. Dieser bietet den Supermarktkunden die Möglichkeit, rund um die Uhr über die Website oder die mobile App einzukaufen und sich die Einkäufe nach Hause liefern zu lassen. Jede Woche kaufen jetzt schon zehntausende Kunden online ein, die Onlineverkaufszahlen steigen von Jahr zu Jahr stark – derzeit erwirtschaftet das Unternehmen bereits über zehn Prozent des Umsatzes mit dem Onlinehandel.

Die hohen Renditen in Israel in diesem –
teils geschützten – Markt (Frischwaren) stellen
eine große Verlockung dar. 

Knapp ist ein steirischer Familienbetrieb, der sich seit seiner Gründung als kleiner Maschinenbauer im Jahr 1952 zu einem hoch spezialisierten Logistikausrüster entwickelt hat. Er befindet sich nach wie vor in Familienbesitz: Eine Zweidrittelmehrheit gehört den Knapps. Seit dem Vorjahr hält die Bartenstein Holding des früheren Wirtschaftsministers Martin Bartenstein etwas mehr als 28 Prozent. Er hatte diesen Anteil von einem japanischen Unternehmen zugekauft, das sich von seiner Beteiligung wieder zurückziehen wollte. Kennen gelernt hatte er Knapp als Kunde, Bartenstein besitzt mehrere Pharmaunternehmen.
Im Geschäftsjahr 2017/18 erzielte die Knapp-Gruppe mit 3.800 Mitarbeitern und Niederlassungen an 35 Standorten auf mehreren Kontinenten einen Umsatz von mehr als 700 Mio. Euro. Laufend wird erheblich in Forschung und Entwicklung investiert, zuletzt etwa 40 Mio. Euro in einem Jahr. Damit zählt Knapp zu den internationalen Markt- und Technologieführern unter den Anbietern von Logistikkomplettlösungen. Dazu gehören etwa automatisierte Lagersysteme inklusive der dahinter laufenden komplexen Software.
Die Kundenliste ist durchaus herzeigbar: Auf ihr finden sich etwa in der Bekleidungsbranche der deutsche Hosenerzeuger Brax, die Modekette Marc Cain, trotz ihres internationalen Auftritts ebenfalls deutsch, oder der schwäbische Hemdenhersteller Olymp. In der Industrie setzen der österreichische Formel-1-Ausrüster Pankl Racing aus der KTM-Gruppe oder der deutsche Montagespezialist Würth auf Lagersysteme von Knapp. Im Bereich Pharma sind dies etwa die amerikanisch-englische Apothekenkette Walgreen Boots Alliance oder die israelische Teva; schließlich im Lebensmittelhandel der österreichische Spar-, der Schweizer Migros- oder der französische Auchan-Konzern.
Am Beispiel des riesigen Logistikzentrums von Auchan nahe Paris erklärt Christina Trummer, die für Knapp Marketingagenden im Lebensmittelhandel betreut, das aktuelle Projekt in Israel. Das Herzstück der Anlage ist ein so genanntes Shuttle, ein System von Schienen, auf denen genormte Kisten automatisiert hin und her geschickt werden, einem modernen Postversandzentrum nicht unähnlich.
„Auf der einen Seite liefern die Molkereien, Mühlen oder Keksfabriken ihre Produkte in großen Gebinden an. Dann wird vereinzelt und die Ware im Lager automatisch untergebracht“, erklärt Trummer. Ganz automatisiert funktioniert der Webshop noch nicht. Bei Kundenbestellungen fahren die gewünschten Waren zunächst in Plastikkisten, zu „Pick it easy“-Arbeitsstationen. Hier werden die Güter, ob Joghurt, Babywindeln oder Süßigkeiten, von Menschen an ergonomisch ausgerichteten Plätzen zu Kundenversandpaketen zusammengefasst. Trummer kennt die Verteillogistik von Shufersal nicht im Detail, „aber bei Auchan sind die Lieferfahrzeuge in zwei Klimazonen unterteilt: Was gekühlt werden muss, kommt in ein Kompartment, Trockenware in ein anderes.“ Damit erhält der Kunde dann eventuell aus einer Bestellung zwei Pakete gleichzeitig.
Von den beiden neuen Logistikzentren, die Knapp gerade baut, wird Shufersal dann Tel Aviv und Umgebung effizienter beliefern können und damit einen erheblichen Teil der israelischen Bevölkerung erreichen. Wozu die Investitionen, über deren Höhe nicht gesprochen wird, unter dem Strich dienen sollen, erklärt ein Shufersal-Sprecher: „Durch die Automatisierung der Distribution kann das Unternehmen sein Artikelsortiment vergrößern sowie seine Kunden noch am selben Tag beliefern.“ Und natürlich soll damit die Eintrittshürde für neue Konkurrenten wie Amazon deutlich erhöht werden.

Innovation. Datenbrille, die eine Reparaturanleitung einspielt. © Reinhard Engel

Knapp in Israel
Die aktuellen Projekte des steirischen Logistikspezialisten Knapp sind nicht die ersten in Israel. Vor einigen Jahren schon modernisierte das Unternehmen ein bestehendes Auslieferungslager des Generikaerzeugers Teva in Shoham unweit des Flughafens Ben Gurion. Auch dort kam eine Shuttlelösung zum Einsatz, also automatisch gesteuerte Kunststoffkisten, die auf Schienen geführt werden.
Knapp liefert aber nicht nur nach Israel, sondern kauft auch dort ein. Für die Wartung der oft riesigen Warenlager hat Knapp eine Datenbrille entwickelt, bei der der Techniker die Reparaturanleitung auf ein Display vor seinen Augen eingespielt bekommt und damit die Hände zum Arbeiten frei hat. Die Knapp-Tochterfirma Intelligent Visual Image Identification (IVII) hat diese Datenbrille inzwischen auch an andere Unternehmen verkauft, etwa an den TÜV in Deutschland. Dort wird die Brille von Industriekletterern zur Inspektion von turmhohen Offshore-Windrädern in der Nordsee verwendet.
Das durchsichtige Glasdisplay kommt dabei von der Firma Lumus aus Israel. Ursprünglich wurde es für Kampfpiloten entwickelt, die unterschiedliche Daten ihres Einsatzes darauf lesen können, ohne den Kopf vom Geschehen abzuwenden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code