Stimmung in schwierigen Zeiten

Drei in Israel geborene Vertreter*innen neuer Musik gehören zu den zahlreichen Gästen der diesjährigen Ausgabe von Wien Modern. Sie sind so verschieden wie überzeugend in dem, was sie tun. Und zeugen von der Vielgestaltigkeit ebenso wie der Notwendigkeit internationalen Musikschaffens für unsere Zeit.

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Yaron Deutsch (3. v. li.) und sein Ensemble Nikel (v. li.: Antoine Françoise, Patrick Stadler, Y. D. & Brian Archinal); Rinnat Moriah (Mitte) und Chaya Czernowin (ganz unten): Vertreter*innen hochkarätiger neuer Musik aus Israel zu Gast bei Wien Modern 2020. © Amit Elkayam

Israelische Künstler*innen bei Wien Modern: „Stimmung“
28. Oktober bis 28. November 2020
13.11.2020, 21 Uhr, Porgy & Bess:
Fast Darkness: Das Riot Ensemble (musikalische
Leitung: Aaron Holloway-Nahum) präsentiert neue
Kompositionen von Chaya Czernowin (Fast Darkness I), Ann Cleare (93 million miles away für Klaviertrio) und Clara Iannotta (They left us grief-trees
wailing at the wall).
26.11.2020, 19.30 Uhr, Jesuitenkirche:
Ensemble Nikel und Cantando Admont (Rinnat Moriah, Akiko Ito, Helena Sorokina, Bernd Lambauer, Matias Bocchio) präsentieren neue Kompositionen von Hugues Dufourt und Thomas Kessler
wienmodern.at

Es ist ein mutiges Unterfangen, dem sich die diesjährige Ausgabe von Wien Modern, des 1988 gegründeten Festivals für neue Musik, das seit 2016 vom international erfolgreichen Kurator und Dramaturgen Bernhard Günther geleitet wird, stellt. Nämlich: das Festival in dessen voller Programmatik durchzuziehen.
Freilich wurden auch hier aufgrund der Einreisebestimmungen und -warnungen bereits vor Monaten eine Reihe von Neudisponierungen vorgenommen, musste manches verschoben, von anderem Abschied genommen werden. Doch was bleibt, ist, anders als etwa bei den Salzburger Festspielen oder zuletzt bei den Wiener Festwochen, kein (wie auch immer hochkarätiges) „Rumpffestival“, sondern ein einmonatiges, überdichtes und weit über Wien gelegtes musikalisches Programmnetz, das das so heraufordernde wie ergiebige Genre der neuen Musik mannigfaltig präsentiert – unter anderem dieses Jahr auch mit einem zweitägigen Parcours durch die Ateliers ungewöhnlicher Instrumentenbauer in der Stadt, der von den berühmten Prater-Ateliers bis tief hinein in das Herz von Ottakring führt und einem Eröffnungskonzert im Stephansdom. Ein Programm, das sich auch ohne jeden wohlwollenden Corona-Gedanken an künstlerische Abstriche sehen lassen kann und dem Vergleich mit den letzten Jahren nicht zu scheuen braucht: 32 Spieltage, 44 Produktionen in 85 Aufführungen an 34 Spielstätten in neun Wiener Bezirken, darunter 57 Uraufführungen und 28 österreichische Erstaufführungen umfasst das Festival, dessen hochkarätige Gästeliste 2020 allein unter den Komponist*innen von Peter Ablinger, Friedrich Cerha, Chaya Czernowin, Hugues Dufourt, Christian Fennesz und Karlheinz Essl über Sofia Gubaidulina, Georg Friedrich Haas, Edu Haubensak und Clara Iannotta bis Klaus Lang, Pia Palme, Pauline Oliveros und Mia Zabelka reicht und Orchester und Ensembles wie Wiener Symphoniker, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Arditti Quartett, Klangforum Phace, Mondrian Ensemble, Riot Ensemble und sirene Operntheater verzeichnet.

Vieltönige Stimmung. Zentrales Thema der diesjährigen Ausgabe ist „Stimmung“, deren nähere Untersuchung, so Festivalintendant Günther, „in einer Zeit, in der so vieles nicht zu stimmen scheint, besonders naheliegt“.
Auch wenn die Themenwahl noch vor Pandemie-Folgen wie Lockdown und Social Distancing abgeschlossen war, prägen eine Reihe von Projekten das umfangreiche inhaltliche Spektrum, die besser nicht hätten passen können, so etwa das von Georg Friedrich Haas allein für den Klavierpart 623 Notenseiten umfassende, speziell für Wien Modern entwickelte Werk ceremony II – „Musik für die Corona-Pandemie“, an dem sich 70 Instrumente aus sechs Jahrhunderten durch die Räume des Kunsthistorischen Museums bewegen werden (28.11.).

»[…] das Gefühl des Fallens, wenn du glaubst,
dass noch eine Stufe auf der Treppe kommt,
und dann kommt keine mehr.«
Chaya Czernowin

Starke Stimmen aus Israel. Mit der 1957 in Haifa geborenen Komponistin Chaya Czernowin, dem aus Tel Aviv stammenden Gitarristen und Ensemblegründer Yaron Deutsch und der heute in Berlin lebenden Sopranistin Rinnat Moriah sind dieses Jahr auch drei sehr unterschiedliche Künstler*innen aus Israel zu Gast.
Keine*r der drei ist leicht einzuordnen, vor allem nicht, wenn es um künstlerische Heimaten geht, aber auch um alle anderen Zuschreibungen und Kategorisierungen.
Czernowin, die heute in den USA lebt und mit der Uraufführung ihres neuen Werkes Fast Darkness I im Porgy & Bess zu hören sein wird, ist zeit ihres Lebens eine „geografisch wie musikalisch Reisende“: Sie studierte bei Abel Ehrlich und Yitzhak Sadai in Israel, kam dank eines Stipendiums für Kompositionsstudien bei Dieter Schnebel nach Berlin und zog von hier früh schon weiter nach New York, um am dortigen Bard College bei Roger Reynolds und Brian Ferneyhough zu promovieren. Czernowin zeigt, schreibt die Zeit, in ihren Werken auf beeindruckende Weise, wie „tief hinab in die dunklen Schächte des Unterbewusstseins, jenseits von jeder Realität, jenseits aller Verbalisierung“, neue Musik reichen kann.

Rinnat Moriah © rinnatmoriah.com

Yaron Deutsch, Jahrgang 1978, der heute in Tivo’n lebt und in seiner Geburtsstadt seit 2010 das international beachtete Festival für zeitgenössische Musik Tzlil Meudcan („Der aktuelle Ton“) kuratorisch leitet, begann sein Studium der Gitarre an der Rubin Academy for Music and Dance in Jerusalem. Früh schon in seiner Karriere wurde ihm bewusst, wie wichtig der internationale Austausch mit Künstlerkolleg*innen ist, und so stand bereits 2006 für den damals knapp 28-jährigen Musiker die Gründung seines Ensembles Nikel auf dem Plan. Gemeinsam mit dem in Deutschland lebenden Patrick Stadler (Saxophon), dem amerikanischen Schlagwerker Brian Archinal und dem Schweizer Antoine Françoise, der gleich eine ganze Reihe an Tasteninstrumenten spielt, tourt Deutsch heute weltweit. Das international besetzte Quartett beeindruckt dabei immer wieder mit seinem neuartigen, kammermusikalischen Sound, bei dem elektronische und akustische Klänge zu einem außergewöhnlichen Klangorganismus verschmelzen, der auf einem breitgefächerten, anspruchsvollen musikalischen Vokabular aufbaut. Deutsch, der daneben auch bei so renommierten Orchestern wie dem Israel Philharmonic Orchestra, dem RSO Wien oder dem Los Angeles Philharmonic immer wieder als Gast auftritt und mit Dirigenten wie Zubin Mehta, Sylvain Cambreling, Peter Eötvös oder Ilan Volkov zusammenarbeitet, ist nicht zuletzt auch im Opernbereich überaus erfolgreich. „Einordnen“ lässt der Vielseitige, der einige Zeit auch in Wien lebte, sich nicht gerne, weder aufgrund seiner Herkunft noch seiner musikalischen Interessen. Zu den Lehrenden der im Rahmen von Tzlil Meudcan angebotenen Sommerkurse für zeitgenössische Musik in Israel zählt prägend übrigens Chaya Czernowin.

„Eine Traumstimme und eine sehr schöne Darstellung“, schrieb Peter Jarolin 2018 im Kurier begeistert von Rinnat Moriah, einen „Sopran mit Charme“ nannte sie Marta S. Halpert anlässlich eines ersten Porträts in WINA. Die 1984 in Israel geborene Sängerin hat sich unter vielem anderen vor allem dem Opernfach verschrieben und ist, aktuell mit „Homebase“ Berlin, auf Opernbühnen weltweit zu hören und sehen. Sie ist nicht nur sympathisch, sondern überzeugt auch mit einem künstlerischen Profil von beachtlicher Bandbreite: Von Koloratursopranrollen wie der „Zerbinetta“ (Ariadne auf Naxos), „Adina“ (L’elisir d’amore), „Königin der Nacht“ (Die Zauberflöte) und in der Uraufführung von Dominick Argentos Postcard from Morocco spannt sich ihr Repertoire weit auf von Barock bis in die jüngste Gegenwart. Sie interpretierte neue Kompositionen von Beat Furrer, Sofia Gubaidulina, György Ligeti, Harrison Birtwistle und Luciano Berio; sie sang am Theater an der Wien, war bei den Seefestspielen in Mörbisch zu Gast, wo sie 2018 die „Lisa“ in Emmerich Kálmáns Gräfin Mariza gestaltete, und ist gern gesehener Gast an der Elbphilharmonie Hamburg und an der Philharmonie de Paris.

Chaya Czernowin© Christopher McIntosh

Nun freut sich Rinnat Moriah auf die verschobene Uraufführung von Salvatore Sciarrinos neuer Oper Il canto s’attrista, perché? am Stadttheater Klagenfurt im Februar 2021, in der sie unter Bas Wiegers Dirigat die weibliche Hauptpartie übernehmen wird. Im Rahmen von Wien Modern 2020 ist Moriah, gemeinsam mit Yaron Deutsch und Ensemble Nikel, am 26. November in der Wiener Jesuitenkirche in der österreichischen Erstaufführung von Hugues Dufourts L’Atelier rouge d’après Matisse und in der Uraufführung von Oratorium für Vokalensemble und Ensemble von Thomas Kessler (Musik) und Lukas Bärfuss (Text) zu hören.
Angesichts einer nicht nur durch die aktuelle Pandemie unsicher und fragil gewordenen Welt fragt Czernowin anlässlich der Wiener Uraufführung: „Kennst du den Moment, wenn du in völlige Ungewissheit gerätst?“ Und erinnert an das Gefühl des Fallens, wenn „du glaubst, dass noch eine Stufe auf der Treppe kommt, und dann kommt keine mehr“. Czernowin, Moriah und Deutsch zeugen von der Vielfalt künstlerischer Artikulationsweisen der aus Israel stammenden Vertreter*innen neuer Musik, deren „kontinuierliche Suche nach neuen musikalischen Ideen“ von dem Wunsch getragen ist, „ästhetische Vorurteile und Gegensätze zwischen den bekannten musikalischen Genres zu überwinden“, wie es das international erfolgreiche Ensemble Nikel selbstbewusst formuliert. Die Leidenschaft für und die Hingabe an das Komponieren, Musizieren und Interpretieren neuer „großartiger musikalischer Werke“ verbindet nicht nur diese drei, sondern auch allen anderen Gäste von Wien Modern. Die Hoffnung, dass die „Stimmung“ auch weit über den Eröffnungsabend im Wiener Stephansdom (29.10., 21.45 Uhr) hinaus eine gute sein wird, ist jedenfalls berechtigt.

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