Vor einiger Zeit habe ich ein Stück verfasst, das von einem zu verfassenden Stück handelte. Ich dachte, es sei sehr subversiv. Little did I know, lässt sich im Nachhinein sagen. Das Stück handelt von einem jüdischen Autor, von einem Regisseur, einem Produzenten und einem Dramaturgen und davon, dass das Thema Arisierung im zweiten Bezirk in Wien beleuchtet werden sollte. Wie der Regisseur festhält, möchte er „Finger in die Wunde legen“. Müßig zu sagen, dass es dann etwas anders kommt: Der Autor (arrogant und unausstehlich) wühlt zwar jede Menge Informationen über die „ Arisierung “ der jüdischen Theaterszene des zweiten Bezirks auf, jede Menge Lebensgeschichten von geglückten und gescheiterten Fluchten 1938, skurrile Einzelheiten über Hosenrollen für Frauen im jüdischen Kabarett, über den Dibbuk, der im Theater im Nestroyhof aufgeführt wurde, über frivole und traurige Theatertexte, ja sogar einen ins Jiddische übersetzten Hamlet. Der Regisseur (arrogant und unausstehlich) findet an jedem Vorschlag etwas auszusetzen, der Produzent (arrogant und unausstehlich) mokiert sich über das Jüdische in dem Stück über Juden, der Dramaturg (arrogant und unausstehlich) kürzt und kürzt und kürzt, bis von dem Theaterstück nur noch ein Satz stehenbleibt. Und dieser Satz wird für die Aufführung wieder aus dem Jiddischen zurückübersetzt ins Deutsche. Der Satz stammt von Shakespeare und lautet: „Der Rest ist Schweigen.“ Das, meint der Produzent im letzten Satz des von mir verfassten Stückes, von dem ich dachte, dass es subversiv sei, das könne man so stehen lassen.
Die Entstehung des Stückes hatte natürlich Wurzeln im Tatsächlichen, und einige der ausgesprochenen Sätze fielen nicht nur auf der Bühne, sondern davor in realem Leben. Ja, ich hatte ein Auftragswerk erhalten, das sich mit „ Arisierung“ beschäftigen sollte, und ja, es wurde brutal viel weggekürzt, was tatsächlich mit Arisierung zu tun gehabt hatte. Und ja, das war der Ausgangspunkt für das neue Stück, das daraus entstand, wie das alte Stück quasi zum zweiten Mal „arisiert“ worden war.
Das zweite Stück über das erste Stück wurde bei einem Festival uraufgeführt. Die Belegschaft des ersten Stücks saß schnaubend hinter mir in der zweiten Reihe. Das hob den Stresspegel während der Premiere ein wenig. Und als ich das nun aufgeführte Stück sah, staunte ich nicht schlecht. Sehr liebevoll war so gut wie alles auf die Bühne gebracht worden. Bis auf eine Szene. In dieser treffen der arrogante Autor, der arrogante Regisseur, der arrogante Produzent und der arrogante Dramaturg zu einem Arbeitstreffen zusammen. In einem jüdischen Lokal im zweiten Hieb.
Dort fallen dann Sätze wie: „Jiddisch braucht kein Mensch, weg damit.“ Und, sehr abfällig gesagt, auch: „Das klingt ja wie in einer Synagoge!“ Der jüdische Barmann lässt nach einigen warnenden finsteren Blicken die Fäuste sprechen, und die vier fliehen greinend aus dem Lokal. Diese Szene wurde schamhaft weggelassen. Es war offensichtlich recht unangenehm, wehrhafte Juden zu zeigen, es widersprach dem Opferbild des still leidenden Juden, oder man fürchtete schlicht Kritik dafür. Das Bild des „arisierten“ Juden war ok. Das Bild des schlagkräftigen Juden fragwürdig. Und, wie mir die aktuellste Gegenwart gar nicht schonend beibringen will: Das ist heute offensichtlich noch fragwürdiger als damals. Der Rest sollte nun keinesfalls Schweigen sein.
























