
Geboren wurde die polnisch- jüdische Künstlerin Erna Rosenstein noch im Habsburgerreich, 1913 in Lemberg, damals Galizien. Ihr Vater Maksymilian Rosenstein arbeitete dort erst als Richter, dann betrieb er seine eigene Anwaltskanzlei. Nach dem Ende der Monarchie zog die Familie in das wieder unabhängige Polen, nach Krakau. Dort besuchte Erna ein angesehenes Mädchengymnasium, schloss sich aber heimlich einer jungkommunistischen Zelle an.
Als diese aufflog, überlegten die Eltern, wie sie die Tochter aus „der schlechten Gesellschaft“ wegbringen konnten. Sie schickten sie nach Wien, eigentlich ein traditioneller Sehnsuchtsort für Bürger aus Lemberg. Erna studierte an der Wiener Frauenakademie bei Adalbert Franz Seligmann; später erinnerte sie sich daran als wenig interessant und konservativ. Sie wusste ohnehin, was sie wollte, und suchte wieder politisches Engagement, dieses Mal beim kommunistischen Wiener Jungarbeiterverband. Nach dem Verbot der KPÖ 1933 begann auch für sie die Untergrundarbeit, die Februarkämpfe beendeten das.

Ab 1934 studierte sie in Krakau an der Akademie für bildende Künste. Ein Aufenthalt in Paris und der Besuch der dortigen Exposition internationale du surréalisme Anfang 1938 beeinflussten sie schließlich nachhaltig: Auch manche ihrer Bilder erinnern an Giorgio De Chirico, Max Ernst oder Salvador Dalí. In Berlin besuchte sie anschließend noch die Ausstellung Entartete Kunst.

Während des Kriegs floh sie zuerst in das russisch besetzte Lwów zu ihren Eltern; als 1941 die deutschen Truppen auch dorthin kamen, folgte auf einen Ghetto- Aufenthalt die heimliche Übersiedlung nach Warschau. Von dort wollten Erna, ihre Mutter und ihr Vater mit Hilfe eines Schleppers auf das Land flüchten. Doch dieser ermordete ihre Eltern vor ihren Augen, Erna entkam und überlebte die Kriegszeit im Untergrund.
Die Bilder des Erlebten sollten sie ein Leben lang verfolgen. Immer wieder malte sie die abgetrennten Köpfe ihrer Eltern, schwebend über deren Körpern. Ein weiterer Aufenthalt in Paris festigte Rosensteins Interesse am Surrealismus.
„Sie hatte ein außergewöhnliches
Leben, aber kein gerades,
einfaches, keine glatte Künstlerkarriere.“
Stella Rollig
Dort lernte sie auch ihren späteren Mann, den Journalisten und Kunstkritiker Artur Sandauer, kennen. Trotz der vorgegebenen künstlerischen Parteilinie des sozialistischen Realismus hielt sie daran fest und ließ sich nicht verbiegen; für ihren Mann galt während der gesamten Stalin- Ära ein Publikationsverbot. Politisch entschied sie sich dennoch für den Kommunismus. 1945 wurde sie Parteimitglied und blieb es bis zum Ende des Ostblocks, 1989. Selbst die antijüdischen Auswüchse, die vor allem ab 1968 viele polnische Juden zur Ausreise motivierten, brachten sie nicht von der Parteitreue ab. Arbeiten musste sie allerdings distanziert vom Warschauer Kunstbetrieb. Sie kooperierte als Gründungsmitglied mit einer Krakauer Gruppe und wurde langsam auch bekannter. Erste Ausstellungen ihrer Werke in Warschau gab es ab Ende der 1950er-Jahre. 1960 war sie eine der polnischen Künstlerinnen und Künstler, die in Paris präsentiert wurden, vier Jahre später gewann sie einen Preis in Monte Carlo. Im selben Jahr protestierten 34 Dichter und Künstler in Warschau gegen die Zensur, unter ihnen Artur Sandauer. Die Folge: ein weiteres Publikationsverbot.
1967 realisierte Rosenstein eine große Einzelausstellung in Warschau mit mehr als 100 Werken, eine weitere folgte in Krakau. 1970 gehörte sie zu einer polnischen Malergruppe, die in Dänemark präsentiert wurde. Mittlerweile widmete sie sich auch verstärkt dem Schreiben, in den 1970er- und 1990er-Jahren erschienen mehrere Lyrikbände, Meine Nacht wird hier sein und mein Tag, Gedichte 1937–1994 mit Bildern der Autorin erschien 1996.

Bis 10. Jänner 2027, Unteres Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien
Mo.–So., 10–18 Uhr, belvedere.at
International entdeckt wurden ihre Bilder erst spät und postum, 2017 bei der 14. documenta in Kassel. 2021 folgte eine Präsentation ihrer Werke im Rahmen der Ausstellung Surrealism Beyond Borders im Metropolitan Museum of Art in New York. Die Schau reiste ein Jahr später an die Tate Modern nach London weiter.
Die aktuelle große Personale im Wiener Belvedere wird von einer Kritikerin in The Art Newspaper als „eine Art Heimkehr“ bezeichnet und damit auf ihre altösterreichischen Wurzeln und ihr kurzes Kunststudium in Wien verwiesen.
„Rosenstein starb 2004, sie wurde 91 Jahre alt, hatte ein außergewöhnliches Leben, aber kein gerades, einfaches, keine glatte Künstlerkarriere. Rosensteins Arbeiten widersetzen sich einer Erinnerungskultur, die Geschichte als abgeschlossen und eindeutig erzählt“, erläutert die Direktorin des Belvedere, Stella Rollig. Als Beispiel ihres umfassenden Talents hier eines ihrer Gedichte:
Zwischentraum
Auf dem schmalen Steg zwischen heute und morgen
klopft an deine Bettdecke das Fremde.
Du kannst das Ohr an seinen Traum legen.
Du kannst den Steg um seine Breite erweitern.
Du kannst in der Wärme Platz finden.
Versuche, auf dem so dünnen Seil
zwischen heute und morgen,
dass selbst ein Gedanke es nicht passieren kann,
zu wohnen.
Gleich eng ist jeder Ort auf Erden.
Jeder kann um das Nichtsein erweitert werden.
Schlaf auf dem engsten
Spalt.
Alles ist vorläufig.
Wir alle sind nur beiläufig.
Als Nichtseiende können wir nicht gegeneinander sein.
Die Unendlichkeit ist ein Spalt.






















