Symbolik mit Gabel

Potus, Protest und Pudding – ein kursorischer Rückblick auf die Gegenwart.

267

Kein anderer Politiker hat wohl das vergangene Jahr dermaßen geprägt wie Donald Trump, der 47. Präsident der Vereinigten Staaten, der jeden Tag mit einer neuen kaum zu fassenden Meldung aufhorchen ließ. Symbolisch gipfelte der irrlichternde Crashkurs des (ehemaligen) Immobilientycoons mit der Abrissbirne in der Teilabtragung des Weißen Hauses. Der gesamte Ostflügel muss einem ornamentalen Ballsaal weichen, vergoldete korinthische Säulen und Marmorböden inklusive. Finanziert wird die neureiche Redoute fürs stilvolle Antichambrieren dem Vernehmen nach von „großzügigen Patrioten“ wie dem Rüstungskonzern Lockheed Martin, Microsoft, Apple, Meta, Google, Palantir und Amazon.

Der amerikanische Journalist Michael Wolff, der Epstein beraten haben soll, wie er den einstigen Präsidentschaftskandidaten Trump am besten manipulieren kann, stellt, nachdem seine E-Mails an den verstorbenen Sexualstraftäter veröffentlicht wurden, fest: „You know, it’s curious that Epstein’s relationship with so many people in public life has damaged them considerably, but the one person who he was closest to has not been held accountable. That’s Donald Trump.“

Im Juni dieses Jahres wurden 2.000 Soldaten der Nationalgarde zur Unterstützung der ICE-Einsatztruppen nach Los Angeles abkommandiert. Von den immer noch nachwirkenden Folgen der verheerenden Brände (Palisades Fire), die im Jänner des Jahres gewütet und Bibliotheken, Schulen, Villen, Privathäuser, Infrastruktur und Kulturerbe vernichtet haben, ist nichts mehr zu hören. Sie sind, wie so viele andere Katastrophen und Kriege, aus den Schlagzeilen verschwunden.

 

„Das Stressniveau, das wir aushalten müssen, ist so groß, dass wir
für Empathie und Interesse keinen Platz mehr haben.“
(Yael Hedaya)

 

Während ehemalige Geiseln der Hamas und tausende Demonstranten die Rückgabe der letzten in Gaza verbliebenen sterblichen Überreste fordern, die Lage in Israel aussichtlos verfahren und der Antisemitismus weltweit besorgniserregend ist, zeigt die Wahl von Zohran Mamdani zum neuen New Yorker Bürgermeister, der sich als „Trumps schlimmster Albtraum“ bezeichnet, dass herkömmliche Gut-Böse- Schemata nicht (mehr) funktionieren. Zu komplex sind die Zusammenhänge, historischen Hintergründe und Wechselwirkungen. Links versus Rechts: Nichts ist mehr, wie es einmal war beziehungsweise zu sein scheint. Die komplexe Realität spaltet linke Politik in Bezug auf Antisemitismus, Israel wie auch den immer noch tobenden Krieg in der Ukraine.

Angesichts des gegenwärtigen Weltgeschehens, das in seiner Intensität und (gefühlten) Beschleunigung tagtäglich auf unser Nervensystem einwirkt, und dem wir kognitiv nicht mehr beikommen können, ist es nur zu verständlich, dass junge Menschen, die sich im Dauerkrisenmodus befinden, im urbanen Raum zusammenkommen, um Pudding mit Gabel zu konsumieren. (Ein Event und Meme, bei dem es sich durchaus auch um gelungenes Guerilla-Marketing von Dr. Oetker, Müller und Co. handeln könnte.) Kollektives, postpandemisch rituelles Feiern der physischen Präsenz; sinnbefreit, kostengünstig – und nur auf den ersten Blick eine apolitische Aktion im konsumfreien Raum.

Schon wird der Countdown eingezählt. Und los geht’s: sinnbildhaft mit kaum geeignetem Besteck zur Bewältigung von Alltag und Gegenwart.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here