Symptomatisch für die Gedenkpolitik

0
973
Fastenbauer Interview

Die Israelitische Kultusgemeinde Wien war treibende Kraft hinter der Öffnung der Skulptur des unbekannten Soldaten des Bildhausers Wilhelm Frass. Damit wurden die Gerüchte über die darin verborgene NS-Botschaft bestätigt. Ein Gespräch mit Raimund Fastenbauer, IKG-Generalsekretär für religiöse Angelegenheiten, über sein Engagement gegen Antisemitismus, ein geeignetes Datum für den Nationalfeiertag und H. C. Strache. Interview: Alexia Weiss

wina: Am Nationalfeiertag legt die Regierung traditionell einen Kranz in der Krypta am Heldenplatz nieder, um der in den Weltkriegen gefallenen Soldaten zu gedenken. In der Skulptur des unbekannten Soldaten des Bildhauers Wilhelm Frass wurde nun eine Botschaft gefunden, die das Werk als dem Nationalsozia­lismus gewidmet ausweist. Sie haben zu den treibenden Kräften gehört, die auf eine Öffnung des Denkmals gedrängt haben. Warum hat es so lange gedauert, bis es tatsächlich dazu gekommen ist?

Raimund Fastenbauer: Ja, das ist etwas, was mich persönlich eigentlich sehr bestürzt und frustriert hat. Sie haben Recht, dass die Kultusgemeinde hier eigentlich die treibende Kraft gewesen ist, diese spezielle Geschichte des Denkmals des Bildhauers Frass offenzulegen. Wobei IKG-Präsident Oskar Deutsch das in seiner Rede am Heldenplatz zum 8. Mai dazu benutzte, die Gestaltung des Heldenplatzes generell in Frage zu stellen.Die bisherige Situation war ja symptomatisch für die Gedenkpolitik in Österreich.

wina: Symptomatisch wofür im Besonderen?

RF: Für die Art und Weise, wie nach wie vor mit der Geschichte umgegangen wird. Wir sind ja auf nichts Neues draufgekommen. Auf die Sache mit Frass und dieser Inschrift bin ich sofort nach ein bisschen Surfen im Internet gestoßen. In Historikerkreisen war das bekannt, nur hat es niemanden gestört. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass es auch in neonazistischen Kreisen bekannt gewesen ist und die Herrschaften jedes Jahr eine klammheimliche Freude gehabt haben, wenn sie am 8. Mai dort ihren Kranz niedergelegt haben und wenn sie am Nationalfeiertag und zu Allerseelen und bei Staatsbesuchen Mitglieder der Bundesregierung gesehen haben, die ihre Kränze niederlegten. Ähnlich war es bei Frass in der Ersten Republik, wenn man den Text in der Rolle liest: Er hatte dieses klammheimliche Gefühl der Freude in der Dollfuss- und Schuschnigg-Zeit, als die Größen von damals ihre Kränze vor einem eigentlichen NS-Denkmal niedergelegt haben.

„Grüne und Sozialdemokraten haben sich hier bemüht, aber erst, als die Kultusgemeinde für den 8. Mai eine Kundgebung angemeldet hat.“

wina: Es hat also niemanden gestört, dass die Skulptur möglicherweise mit der Intention geschaffen worden war, dem Nationalsozialismus zu dienen. Was ist das typisch Österreichische daran?

RF: Das typisch Österreichische? Jahre lang hielten rechtsradikale Burschenschafter am 8. Mai, dem Tag der Befreiung Österreichs vom NS-Unrechtsregime durch die Alliierten, ihre Totenfeier am Heldenplatz ab, legten einen Kranz in der Krypta nieder. Antifaschisten wurde es aber untersagt, hier eine Kundgebung abzuhalten. So ist auch das Netzwerk Jetzt Zeichen setzen! entstanden. Es ist ja schon schlimm genug, dass man die Neonazis auf den Heldenplatz mit dessen historischer Bedeutung lässt. Umso schlimmer ist es aber, dass es Jahre lang nicht möglich war, dort eine Gegenkundgebung abzuhalten.

Grüne und Sozialdemokraten haben sich hier bemüht, aber erst in dem Moment, als auch die Kultusgemeinde für den 8. Mai eine Kundgebung angemeldet hat, hat man gespürt, dass sich auf politischer Ebene der Wind dreht, weil es doch schwierig gewesen wäre, die Nazis hinzulassen und es den Juden zu verbieten. In dem Moment, wo wir dabei waren, war sichergestellt, dass zumindest zwei Kundgebungen stattfinden, die evangelische Kirche und die katholische Aktion sowie andere Gruppen der Zivilgesellschaft kamen dazu. Es ist positiv, wenn man sieht, dass man nicht alleine steht, das sollte kein ausschließlich jüdisches Thema sein. Wir hätten uns auch über eine Beteiligung der ÖVP sowie des MKV/CV gefreut, aber diese haben unberechtigterweise eine zu linke Schlagseite gesehen, wobei sie das Anliegen grundsätzlich unterstützen. Die IKG ist auch mit ihnen weiter im Gespräch. Im Übrigen war klar, dass dem Netzwerk keine linksradikalen Splittergruppen angehören können, die unter dem Denkmal des Antizionismus selbst antisemitische Losungen vertreten.

wina: Die Krypta wird nun umgestaltet. Was soll Ihrer Meinung nach mit der Skulptur geschehen? 

RF: Ich denke, dass die Skulptur weg gehört. Man kann sie in der Gruselkammer eines Museums ausstellen, aber auf den Heldenplatz gehört sie nicht. Klar ist aber auch, dass dies schwierig sein wird.

wina: Wird sich mit der Umgestaltung dieses Gedenkorts auch an der Form des Gedenkens etwas ändern?

RF: Es ist klar, dass das Totengedenken, wie es bis jetzt in der Krypta stattgefunden hat, so nicht mehr möglich ist. Wie sich das genau gestalten wird, ist noch nicht klar, aber wir werden da sicher nicht locker lassen, politisch aktiv zu sein und von der Republik einzufordern, dass klar Stellung bezogen wird, wo man steht und worauf man aufbaut. Baut man auf den Traditionen Österreichs auf, des österreichischen Widerstandes und der Partisanen, der Deserteure und der Wehrdienstverweigerer, oder gedenkt man der gefallenen Soldaten. Beides zusammen geht nicht.

„Die Skulptur gehört weg. Man kann sie in der Gruselkammer eines Museums ausstellen, aber auf den Heldenplatz gehört sie nicht.“

Es ist ein gewisser Fortschritt, dass man nicht nur der Gefallenen, sondern auch der Opfer gedenkt, aber das ist ein Gedenk-Mischmasch. Auf der Seite Österreichs kann nur einer gewesen sein – entweder die Soldaten oder der Widerstand. Ich möchte aber auch betonen: Ich bin der Letzte, der sagt, man soll nicht der Soldaten gedenken. Im Judentum kennt man keine Kollektivschuld. Aber das sollen die Familien machen. Auf der Seite des demokratischen Österreichs haben die Alliierten gekämpft. Sie haben das Morden auch vieler einfacher Wehrmachtsangehöriger beendet.

wina: Ist der 26. Oktober dann überhaupt der richtige Tag, um den Nationalfeiertag zu begehen?

RF: Der Nationalfeiertag sollte eigentlich am 8. Mai sein. Historisch nicht ganz richtig, hat man den 26. Oktober immer als den Tag dargestellt, an dem der letzte alliierte Soldat Österreich verlassen hat. Historisch ist es der Tag der Unterzeichnung der immerwährenden Neutralität. Für Österreich symptomatisch ist es aber schon, dass wir nicht feiern, dass die Befreier gekommen sind, sondern dass der letzte Befreier gegangen ist. Was wir auf politischer Ebene gespürt haben, scheint es aber nicht realistisch, dass das Datum des Nationalfeiertags verändert wird. Wir als jüdische Gemeinde feiern am 8. Mai ein Fest der Befreiung. Wir werden künftig immer an diesem Datum am Heldenplatz sein.

Strache setzt immer wieder Zeichen in die antisemitische, neonazistische Richtung. Das ist knall-harte Kalkulation.

wina: Auch abseits historischer Daten sieht sich die IKG immer wieder mit einem offenbar nicht vorhandenen Geschichtsbewusstsein konfrontiert. Diesen Sommer erklärte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im ORF-Fernsehen, er könne auf einer von ihm auf facebook geposteten Karrikatur, die einen Banker mit auffällig großer Nase und Manschettenknöpfen in Form von Davidsternen zeigt, nichts Antisemitisches erkennen. Ist dieses Leugnen nicht unerträglich?

RF: Es geht nicht so sehr um das Leugnen. Das ist knallharte Kalkulation. Strache setzt immer wieder Zeichen in die antisemitische, neonazistische Richtung. Er braucht dieses Wählerpotenzial, um zu reüssieren. Der Kern der Neonazis macht etwa zehn Prozent des Wählerpotenzials aus. Das ist eine Minderheit – im Führungskorps der FPÖ sind Burschenschafter aber die Mehrheit. Strache spielt also ein Doppelspiel. Er distanziert sich gelegentlich vom Nationalsozialismus, hat angeblich israelische Freunde, aber in Yad Vashem setzt er sich statt einer Kippa eine Biertonne auf. Diese Karrikatur ist genau so ein Zeichen.

Wenn wieder einmal gesagt wird, die FPÖ sei eine gemäßigte Partei, dann schaue ich mir die Buchbeilage der Aula, der Zeitung der freiheitlichen Akademiker, an – eine große Bühne für den Geschichtsrevisionismus. Dort finden Sie dann eben neu erschienene Buchtitel wie Hitlers letzter Triumph, Freiheit für die deutsche Wehrmacht, Der deutsche Aderlass, Die Heuchelei der Angloamerikaner oder Die Nürnberger Geschichtsentstellung. Das bedarf keiner weiteren Erklärung.

Zur Person

Raimund Fastenbauer, geb. 1950 in Wien, Betriebswirtschaftsstudium an der Wirtschaftsuniversität (WU) sowie der Judaistik und Politikwissenschaften. Viele Jahrzehnte im Bankwesen tätig sowie Mandatar im Kultusvorstand. Seit 2006 Generalsekretär des Bundesverbandes der Kultusgemeinden. Vorstandsmitglied des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) sowie Mitglied des Mauthausenkomitees.

[box_info]Die Nazi-Botschaft

Nach jahrzentelangen Gerüchten um eine NS-Botschaft in der Skulptur des gefallenen Soldaten in der Krypta am Heldenplatz ließ Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) das Denkmal diesen Sommer öffnen. Tatsächlich hat Bildhauer Wilhelm Frass, bereits vor 1938 illegaler Nationalsozialist, in dem 1935 geschaffenen Werk in einer Kapsel eine einschlägige Botschaft versteckt. Darin heißt es: „Möge der Herrgott, nach all dem Furchtbaren, nach aller Demütigung, den unsagbar traurigen Bruderzwist beenden und unser herrliches Volk einig, im Zeichen des Sonnenrades, dem Höchsten zuführen!“ Das ist als Plädoyer für den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland zu lesen. Das Sonnenrad war ein NS-Symbol.

jetztzeichensetzen.at

[/box_info]

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code