„Ach, ach, ach war das Einzige, das dem 77-jährigen Rabbi Yusuf Hamra laut seufzend über die Lippen kam, als er nach 33 Jahren vor einigen Monaten die al-Farandsch- Synagoge in der syrischen Hauptstadt wiederbetrat“, berichtet Jane Arraf.* Sie war privilegiert, einer kleinen Delegation von jüdischen Geistlichen und dem ehemaligen USBotschafter Stephen Rapp anzugehören, die auf Einladung der neuen syrischen Regierung nach Damaskus gereist waren. Im einstigen Zentrum der blühenden jüdischen Gemeinde wurde die Farandsch-Synagoge vor über 500 Jahren von Juden erbaut, die sich vor der Spanischen Inquisition hier in Sicherheit gebracht hatten.
Auch der 46-jährige Sohn des Rabbi, Henry Hamra, war auf dieser Reise dabei und kramt in seinen Reminiszenzen: „Ich erinnere mich noch gut an meinen Vater, wie er am letzten Tag vor unserer Abreise zu einem Gebet anhob und es weinend beendete.“ Der Rabbiner ist sich sicher, dass er heute das erste Gebet nach der Schließung der Synagoge in den 1990er-Jahren gesprochen hat. „Der Abschied war sehr hart“, sagt der Rabbi zu Jane Arraf. „Kinder können lernen, überall zu leben. Aber für mich war das 45 Jahre lang mein Zuhause.“
Denn ab 1992 verließ fast die gesamte syrisch-jüdische Bevölkerung von über 30.000 Menschen das Land innerhalb von nur zwei Jahren. Der damalige Präsident Hafez al-Assad erlaubte ihnen – auf starken Druck der USA – die Auswanderung, sofern sie nicht nach Israel gingen. Die Familie Hamra wanderte in die USA aus und ließ sich in Brooklyn nieder, wo rund 75.000 syrischstämmige Juden zuhause sind. Von der einst jahrtausendelang blühenden Gemeinde sollen nur noch sieben Juden dort leben; eine 56-jährige Jüdin spricht sogar von nur fünf Juden. Dennoch hofften die Besucher aus den USA, zehn jüdische Männer zu einem Minjan zu versammeln – die beschlussfähige Anzahl, um in einer Synagoge beten zu können. Fast wäre es ihnen gelungen, da sie außer der Delegation nur noch fünf weitere jüdische Männer benötigten. Doch zwei der überlebenden jüdischen Einwohner hatten Angst, daran teilzunehmen, zwei weitere junge syrische Juden, die nach Damaskus mitgeflogen waren, konnten nicht erreicht werden. Und zwei, deren Mütter Jüdinnen waren, lehnte Rabbi Hamra ab, weil sie den Glauben nicht praktizierten.
„Alle Häuser in diesem Viertel hatten jüdische Bewohner“, sagt Badriyah Mousa Shatah und zeigt auf verfallene Häuser, deren Türen und Fenster ein- oder aufgebrochen sind. Die 56-jährige Shatah, die ihr ganzes Leben hier verbracht hat, spricht auch von Angst, die sie jetzt aber für einige Stunden überwindet.
„Es ist unglaublich, als Jude von der Regierung
eingeladen in Damaskus zu sein.
Ich hoffe, Amerika nutzt diese Gelegenheit.“
Rabbi Asher Lopatin
Erst im August 2025 führte Shatah Theia Chatelle** durch das zerstörte und verwaiste Viertel. Auf dem Spaziergang mit der Amerikanerin durch das jüdische Viertel zeigte die Jüdin, die schwer bereut, ihre Chance zum Weggehen nicht genützt zu haben, auf jene Gebäude, die sie aus ihrer Kindheit kennt. „Hier war einst die jüdische Schule Ibn al-Mamoun, die bis zu 950 Kinder besuchten. Es gab koschere Fleischhauer, Judaica-Geschäfte und viele Synagogen – alles, das man brauchte, um eine florierende jüdische Gemeinde aufrecht zu erhalten. Jetzt sehen Sie angebrachte Schlösser, verbarrikadierte Fenster – eine Hinterlassenschaft jener, die geflohen sind“, schüttelt Badriyah Mousa Shatah ihren Kopf.
Im syrischen Bürgerkrieg 2011 versuchte sie, in die USA zu fliehen, wo ihr Bruder lebt. Auslöser des Bürgerkrieges war die gewaltsame Niederschlagung anfangs friedlicher Proteste gegen das autoritäre Regime Baschar al-Assads im Zuge des Arabischen Frühlings. Als daraufhin die US-Botschaft in Damaskus geschlossen wurde, hatte Shatah keine andere Option als hier zu bleiben. Sie ist studierte Ingenieurin und besaß früher ein Juwelengeschäft im Zentrum der Hauptstadt. Seit Jahrzehnten wohnt sie nicht mehr im jüdischen Viertel, aus dem sie während der Kämpfe floh.

Gemischte Gefühle. Während in der syrischen Diaspora gar nicht wenige optimistisch sind und sogar an eine Rückkehr in die frühere Heimat denken, ist Shatah sehr besorgt: „Vorläufig bleibt dieses Szenario ein ferner Traum“, denn sie befürchtet, dass erneut gewalttätige Kämpfe durch den Sektarismus zwischen religiösen, ethnischen und sozialen Gruppen aufbrechen werden. Deshalb willigte sie nur ein, Theia Chatelle durch das Harat-al-Yahud-Viertel zu führen, wenn sie dabei nicht fotografiert werden würde.Denn die leidgeprüfte Shatah mit reichlich Erfahrung bleibt trotz der bemerkenswerten Änderungen der letzten neun Monate in Syrien skeptisch und vorsichtig: „Natürlich freuen wir uns über das Ende des brutalen Assad- Regimes und eine angehende Normalisierung. Und auch die derzeitigen diplomatischen Bemühungen zwischen den USA und sogar Israel waren noch vor Kurzem undenkbar!“
Organisiert wurde der Besuch aus New York vom syrisch- amerikanischen Aktivisten Mouaz Moustafa, dem Gründer der Syrian Emergency Task Force, einer NGO, die sich seit 2011 für eine Zivilgesellschaft in Syrien stark macht. Ihr Ziel ist es u. a., den syrischen Juden die Rückkehr zu ermöglichen – und die USA zu drängen, die Sanktionen gegen das im Dezember gestürzte Regime von Baschar al-Assad aufzuheben. Moustafa berichtet, dass der Besuch bei einigen US-Beamten und sogar in der syrischen jüdischen Gemeinde umstritten war, weil viele mit Sorge auf die Wurzeln des syrischen Interimsführers blicken.
Präsident Ahmed al-Sharaa ist ehemaliges Mitglied der militanten Al-Kaida-Gruppe, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 verübte. Er hat sich von der Ideologie dieser Gruppe losgesagt und klargestellt, dass Syrer aller Glaubensrichtungen ein integraler Bestandteil des Landes sein sollen. Die USA und europäische Länder haben jedoch die schmerzhaften Handelssanktionen, die über das Assad-Regimes verhängt wurden, nur zögerlich und teilweise aufgehoben – vielleicht zurecht, wie die jüngsten blutigen Auseinandersetzungen zwischen den religiösen und ethnischen Minderheiten zeigen. Auch deshalb befindet sich das syrische Judentum in einem Paradoxon. Die fünf Juden, die noch in Damaskus leben, möchten weg; doch jene in den USA, die vor so langer Zeit zur Flucht gezwungen waren, sind gespannt auf die Aussicht einer Rückkehr, wenn auch nur vorübergehend. Verständlich, wenn man bedenkt, dass rund 100.000 Juden vor der Gründung des Staates Israel 1948 in Syrien lebten (siehe Folgeseite).
Dennoch entsandte der syrische Präsident einen wichtigen Berater, Moussa al-Omar, um die Delegation bei einem Rundgang durch eine zerstörte Synagoge im Damaszener Vorort Jobar zu begleiten. Wie Moscheen und Kirchen war auch diese während des Bürgerkriegs von den syrischen Regimetruppen in Schutt und Asche gelegt worden. Al- Omar versicherte der Delegation, dass die syrischen Behörden allen Bürgern helfen würden, die zurückkehren wollten. „Es geht hier ausschließlich um Syrien“, betonte Moustafa. Die Delegation verzichtete während ihres viertägigen Besuchs in Syrien auf Kommentare zu Israel, und die syrische Regierung verzichtete darauf, sie zu fragen.
Rabbi Asher Lopatin aus Detroit ist nicht syrischer Herkunft, reiste aber aus Solidarität mit Rabbi Hamra mit: „Moustafa hat mir geraten, aus Sicherheitsgründen eine Baseballkappe über der Kippa zu tragen. Es ist unglaublich, als Jude von der Regierung eingeladen in Damaskus zu sein. Ich hoffe, Amerika nutzt diese Gelegenheit.“ Genau das hofft die derzeitige syrische Regierung auch. Die Baseballkappen für die angereisten Rabbiner waren nicht nötig: Die syrische Regierung hat leicht bewaffnete Kämpfer geschickt, um die Delegation zu begleiten, diese haben mit den Rabbinern für Fotos posiert.
In den verwinkelten, engen Gassen des alten jüdischen Viertels der Hauptstadt ist fast jeder offenherzig und gastfreundlich, erzählt die Reporterin Jane Arraf: „Ehemalige Nachbarn von vor drei Jahrzehnten halten Rabbi Hamra an, um ihn nach seinen Familienmitgliedern zu fragen. Viele von ihnen sind Palästinenser, Nachkommen derer, die nach der Gründung Israels 1948 zu Flüchtlingen wurden.“
In Syrien zählt man noch 22 Synagogen, die aber alle offiziell geschlossen sind, die speziellen Gäste aus den USA konnten ein halbes Dutzend davon besichtigen. Im Hof einer der Synagogen atmete Rabbinersohn Henry Hamra den Duft einer frisch vom Baum gepflückten Zitrone ein. Er zeigte auf eine große Zitrusfrucht namens Kabbad, die zur Herstellung von Süßigkeiten verwendet wird, und die er seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen oder probiert hatte. „Der Duft von Damaskus waren Jasmin und Orangenblüten.“
Gleich nach der Landung in Damaskus besuchte die Delegation den jüdischen Friedhof, der teilweise zerstört wurde, nachdem die Regierung in den 1960er-Jahren eine Autobahn durch ihn gebaut hatte. Rabbi Yussuf Hamra sprach Gebete am Grab seines Vaters und ging dann langsam zwischen den Grabsteinen umher, las die hebräischen Inschriften auf der Suche nach dem Grab seines Großvaters. „Ich kann ihn nicht finden“, seufzte er. „Ich habe gesucht und gesucht. Es ist 34 Jahre her – ich brauche Zeit, um mich zu erinnern.“
*Jane Arraf ist eine palästinensisch-kanadische Journalistin, die bis August 2023 Büroleiterin der New York Times in Bagdad war. Davor arbeitete sie u. a. auch für das CNN-Büro in Bagdad. ** Theia Chatelle ist eine erfahrene Korrespondentin in Konfliktregionen, die in Ramallah stationiert ist und gleichzeitig an ihrem Master- Abschluss an der Yale University arbeitet. Sie schreibt für die Jewish Telegraphic Agency und Jewish Currents. Sangar Khaleel steuerte auch zur Berichterstattung aus Damaskus bei.
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SYRIEN: Juden waren vor den Arabern da
Im Gebiet des heutigen Syriens gab es Juden seit der Zeit König Davids rund ein Jahrtausend vor Christi Geburt. In der Römerzeit lebten in Damaskus zur Zeit Jesu etwa 10.000 Juden. Im ersten jüdisch-römischen Krieg töteten heidnische Einwohner eine große Anzahl von Juden in der Stadt. Die islamisch- arabische Herrschaft begann in Syrien erst mit der islamischen Eroberung von Damaskus 636 und jener von Aleppo 639.
Die Juden in Syrien wurden genauso wie die Christen „Dhimmis“, die Bezeichnung für nichtmuslimische „Schutzbefohlene“, die eine bestimmte Steuer entrichten mussten, damit das islamische Recht sie schützte. Nach der Eroberung Jerusalems im Ersten Kreuzzug 1099 flohen etwa 50.000 Juden aus der Stadt vor den Kreuzrittern nach Damaskus. So wuchs damals die jüdische Gemeinde in Damaskus zu einer der größten der Welt. Der jüdische Geograf und Reisende Benjamin of Tudela berichtete 1173 aus der Region, dass allein in Damaskus und Aleppo sechs Tausend Juden lebten, darunter Rabbiner, Ärzte, Händler, Dichter und Intellektuelle. Bereits 1210 schwärmte ein Reisender von der „schönen Synagoge Jobar.“
Die in Palästina und in Syrien lebenden Arabisch sprechenden Juden wurden als Musta’arabim („Arabischsprecher“) oder Moriscos bezeichnet. Ein erheblicher Teil der Juden Syriens waren Sephardim, die infolge der Vertreibung aus Spanien nach 1492 ins Land kamen und ihr Judenspanisch, das Ladino, bewahrten. Als dritte große Gruppe kamen ab dem 17. Jahrhundert die europäischen Juden aus Italien und Frankreich meist als Händler dazu, die als die „Herren Franken“ (Señores Francos) bekannt wurden. Diese behielten großteils ihre Staatsangehörigkeit bei und kamen so nicht als Dhimmis unter islamische Gerichtsbarkeit, sondern waren den europäischen Konsulargerichten des Osmanischen Reiches unterworfen.
Das Verschwinden des Paters Tomaso und seines muslimischen Dieners Ibrahim Amara am 5. Februar 1840 führte zur so genannten Damaskusaffäre, wobei die Juden des Ritualmords beschuldigt und daraufhin gejagt, verletzt und getötet wurden. Mit den militanten Unruhen in Britisch-Palästina im Jahr 1929 gab es erneut Attacken gegen die jüdische Bevölkerung, zusätzlich verstärkten sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Syrien, was zu einem rasanten Anstieg des Antisemitismus führte.

Als Syrien 1946 von Frankreich unabhängig wurde, verschlimmerte sich die Lage der Juden nochmals: Die neue Regierung verbot die Ausreise in das britische Mandatsgebiet Palästina und ermutigte Boykotts gegen jüdische Geschäfte; sie durften keine Immobilien verkaufen, und wenn sie das Land verließen, wurde ihr Eigentum konfisziert. Vor 1947 bestand die rund 30.000 Personen zählende jüdische Bevölkerung aus drei ethnischen Gruppen: den Kurdisch sprechenden Juden von Kamishli im Nordosten des Landes, den ursprünglichen „Ostjuden“ in Damaskus, Must’arabs genannt, und den sephardischen Juden Aleppos. Nur 48 Stunden nach der Annahme des UNOTeilungsplanes am 29. November 1949 brach in Aleppo ein gewalttätiges Pogrom aus: einhundert Menschen wurden getötet, 150 Häuser, 50 Geschäfte, 18 Synagogen, fünf Schulen und vieles mehr komplett zerstört.
Den Höhepunkt der Schikanen, Verfolgung und Vertreibung erlebten die Juden nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948: Fast 900.000 wurden aus zehn muslimischen Ländern zwischen 1947 und 1948 ausgewiesen. Allein aus Syrien waren es 30.000; ein Teil ging in die Türkei und in den Libanon; der Großteil floh nach Israel, nachdem 12 Menschen bei einem Angriff auf die Menarscha- Synagoge im Judenviertel von Damaskus am 8. August 1949 getötet wurden. Zwischen 1958 und 2012 gelang insgesamt 14.000 Juden die Ausreise.























