Tabu, und doch stets präsent

470
Alexander Emanuely Autor, Wissenschafter vor seinem Bücherregal. (c) Daniel Shaked


Fritz Koppe ist vielen bis heute als „Konsumentenschutzpapst“ bekannt. Der Wiener Kulturhistoriker und Schriftsteller Alexander Emanuely fing nun in einer umfangreichen Biografie dessen Wirken ein. WINA sprach mit Emanuely über Koppes Überleben in der NS-Zeit, seinen Umgang mit seiner jüdischen Herkunft und inwiefern dieser symptomatisch für die Zeit beziehungsweise Koppes sozialdemokratisches Umfeld war. Fotos: Daniel Shaked

WINA: Fritz Koppe hat – nach NS-Diktion – als „Mischling ersten Grades“ den Nationalsozialismus in Wien überlebt. Sein Vater stammte aus Deutschland und galt als „Arier“, seine Mutter war Jüdin. Fritz Koppe ist regulär in Wien in die Schule gegangen, durfte aber kein Gymnasium besuchen. Seine Mutter war durch ihre Ehe zwar geschützt, aber dennoch von massiven Einschränkungen betroffen. Wie hat Koppe diese Jugend im Nationalsozialismus geprägt?

Alexander Emanuely: Für den Schüler Fritz Koppe war es sicher prägend und schrecklich mitzuerleben, wie seine Mutter gelitten hat. In seinem umfangreichen Nachlass, der sich im Archiv der Arbeiterkammer befindet, ist ein Schulaufsatz mit dem Titel „Meine liebe Mutter“ erhalten. Darin erzählt er seinen Nazilehrer:innen offen von der Liebe, die er für seine großartige Mutter, die Jüdin, empfindet. Das Furchtbare, das die Familie erleben musste, war die Ermordung der Familie mütterlicherseits. Von den drei Tanten konnte sich nur eine mit ihrer Familie über Finnland nach Schweden retten. Ein Cousin konnte nach Israel beziehungsweise in das Mandatsgebiet flüchten und kämpfte dann in der Jewish Brigade; eine Cousine rettete sich nach Bolivien. Alle anderen Familienmitglieder, die auch für Fritz, ein Einzelkind, wichtig waren, alle Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel wurden ermordet. Als Teenager hat er sehr gut verstehen und mitbekommen können, was hier gerade geschah. Angst, Sorge und Verzweiflung bestimmten den Alltag.

War der Familie schon während der NS-Zeit klar, dass all diese Verwandten ermordet wurden?

I Ja. Eine Tante wurde mit ihrem Sohn in das Ghetto Opole deportiert. Da gab es noch Briefkontakt. Außerdem war Fritz Koppe ja nach der Hauptschule Lehrling beim Drogisten Neuber, wo der Umgang durchaus menschlich war. Dort waren auch zwei jugoslawische Zwangsarbeiter eingesetzt, die ebenfalls kollegial behandelt wurden. Es gab in Wien mehrere hunderttausend Zwangsarbeiter, die auch aus Gebieten kamen, in denen Naziverbrechen stattgefunden haben. Wenn man miteinander ins Gespräch kam, wusste man, was los ist. Die Koppes haben aber auch direkt über Briefe anderer Deportierter an deren Familien, die mit den Koppes bekannt waren, Informationen erhalten, unter anderem, dass es in Opole Massenerschießungen gab. Das Wissen über die Vernichtungslager und wie dort gemordet wurde, kam erst später, aber dass die Nazis morden, wusste man bald nach den ersten Deportationen.


Fritz Koppe (1929–2015). Der österreichische Journalist (Konsument) war Pionier des modernen Konsumentenschutzes und maßgeblich an der Gründung des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) 1960 beteiligt.

Fritz Koppe war als Konsumentenschützer vielen Österreichern und Österreicherinnen über Jahrzehnte sehr bekannt, vor allem von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre. Als enger Mitarbeiter von Handelsminister Josef Staribacher (SPÖ) in der Regierung Kreisky war er auch ein politischer Player, ebenso wie in seiner langjährigen Tätigkeit für die Arbeiterkammer. Seine jüdischen Vorfahren machte er aber nicht zum Thema, und seine Familiengeschichte war daher wenigen Menschen bekannt. Haben Sie im Nachlass Gedanken von ihm dazu gefunden, warum er über seine jüdische Familie nicht öffentlich redete?

I Was mich bei der Lektüre der Interviews, die er in Magazinen und Zeitungen vor allem anlässlich seiner Pensionierung 1995 gegeben hat, verwundert hat, war, dass in all diesen Beiträgen erwähnt wurde, dass er zunächst eine Drogisten-Lehre gemacht und erst nach dem Krieg studiert hat, aber nirgends der Grund stand, wieso. Das kommt nicht vor. Sein Sohn Peter Koppe und dessen Frau Barbara Kintaert haben hingegen mit ihm sehr viel über diese Zeit gesprochen. Beide haben dann in den 1990er-Jahren die Gedenkaktion „Servitengasse 1938“ im 9. Bezirk initiiert. Barbara Kintaert, die Bibliothekarin in der AK war, hat dann auch über Fritz Koppes Mutter, Berta Fleischer, die Bibliothekarin der Kinderfreunde war, und über ihre Familie geschrieben und veröffentlicht, wobei sie vieles von ihrem Schwiegervater erfahren hat.

Die Naziverbrechen waren bei Koppe nie ein Tabu. Koppe hat Anfang der 1960er-Jahre sehr aktiv mitgewirkt, die Auschwitz-Ausstellung, zu der es im Zuge der Auschwitz-Prozesse kam, von Frankfurt nach Wien zu holen. Diese hat damals die Arbeiterkammer mitfinanziert und in ihren Räumlichkeiten ausgestellt. Und Koppe war für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die Ausstellung wurde in den Wochen, in denen sie in Wien zu sehen war, von Interessierten gestürmt. In der Folge beschlossen AK und ÖGB, eine eigene Ausstellung zu den Verbrechen der Nazis zu gestalten. Und die hat Koppe direkt mitorganisiert. Auch hat er den Ausstellungskatalog gestaltet und die Beiträge verfasst. Das war dann eine Wanderausstellung, die an Arbeiterkammer-Standorten in ganz Österreich gezeigt wurde. Die Fotos, die in dieser Ausstellung zu sehen waren, müssen Fritz Koppe zutiefst erschüttert haben, weil er nun zu dem, was seine Verwandten erlitten hatten, Bilder hatte.


Alexander Emanuely beschäftigt sich u. a. mit historischen Avantgarde-Bewegungen, Literatur des Widerstands und des Exils sowie Arbeiterkultur.


„Man könnte also auch sagen: Obwohl er seine jüdische Herkunft nicht öffentlich zum Thema machte, war sie für ihn in seinem Leben doch ständig Thema.“

Der Vater von Fritz Koppe, Max Koppe, ist in der Ersten Republik Obmann der Kinderfreunde in der Leopoldstadt gewesen. Unter denen, die sich dort vor 1934 engagiert hatten, und unter den Kindern und Jugendlichen waren viele ihrem Selbstverständnis nach Sozialisten, Atheisten oder was auch immer – aber für die Nazis waren sie Juden und Jüdinnen. Von ihnen konnten einige flüchten. Einer von ihnen war der später bekannte Historiker Alfred Magaziner. Im Nachlass habe ich eine Namensliste gefunden, die alle ehemaligen Kinderfreunde-Mitglieder im Ausland mit Adressen anführt. Nach dem Krieg wurde weiterhin der Kontakt gepflegt, es gab regelmäßige Wien-Besuche, und auch hier war Fritz Koppe eingebunden.

Fritz Koppe engagierte sich zudem nach der Befreiung in der Sozialistischen Jugend. Da gab es um ihn auch andere „Mischlinge ersten Grades“, die so wie er überlebt hatten, darunter Paul Blau oder Josef Hindels. Gemeinsam war ihnen die Überzeugung, man müsse gegen den Faschismus kämpfen, man müsse Aufklärungsarbeit leisten.

Man könnte also auch sagen: Obwohl er seine jüdische Herkunft nicht öffentlich zum Thema machte, war sie für ihn in seinem Leben doch ständig Thema. Er war ja auch in der Arbeiterkammer von Menschen umgeben, die von den Nazis verfolgt worden waren, die flüchten hatten müssen, die aus dem Exil zurückkamen, wie Theodor Prager und Maria Szécsi, oder die, wie Karl Mantler oder Staribacher, als Widerstandskämpfer in Buchenwald gewesen waren. Für sie alle war die Arbeiter:innenbewegung, die Sozialdemokratie ihre große Familie.

Koppe und andere fanden also in der SPÖ, in der Arbeiterkammer einen sicheren Hafen. Dennoch war ihre jüdische Herkunft offenbar tabu. Spielte da ein latenter Antisemitismus mit hinein – oder woran lag das?

I Fritz Koppe, aber zum Beispiel auch Paul Blau und Josef Hindels hielten im Rahmen der Sozialistischen Jugend in ganz Österreich Seminare, in denen sie über die Naziverbrechen aufklärten. Dabei trafen sie auf junge Menschen, die in der NS-Zeit sozialisiert worden waren und bei denen sie auf wüsten Antisemitismus gestoßen sind. Da kam es dann oft zur Konfrontation, die Jugendlichen waren schockiert, betroffen. „So habe ich das noch nicht gesehen“, war ein Standardsatz. Es kam aber auch vor, dass sich die Eltern bei der Partei über die Seminarleiter aus Wien beschwert haben.

„Ambivalenzen können wie Fehler ja auch die Chance bieten, was zu lernen.“

Das heißt, dass es bei solchen Begegnungen mit Jugendlichen schon zu einer Konfrontation mit Antisemitismus kam und es dann ein Abwägen war, setze ich mich dem aus oder setze ich mich dem nicht aus?

I Durchaus. Und es gab dann stärkere Persönlichkeiten, wie eben Blau oder Hindels, die sofort reagiert haben. Und andere, die versucht haben, irgendwie diplomatisch zu sein. Neben einem durch die Nazis geprägten, aber auch alten, linken „antikapitalistischen“ Antisemitismus, war es auch oft ein Mangel an Aufklärung und an Möglichkeiten für Reflexion, vor allem außerhalb Wiens.

Ist das, was Sie hier beschreiben, symptomatisch für die Kreisky-Zeit?

I Der Bruch mit der ÖVP 1966, der dann dazu führte, mit Friedrich Peter und der FPÖ zusammenzuarbeiten, verlangte auch nach einem Entgegenkommen gegenüber den sogenannten Ehemaligen. Es ging um knappe Mehrheiten und um viele Wähler:innen. Da wurden oft sehr fragwürdige Mittelwege beschritten, das hat aber schon mit dem Kalten Krieg und der Rehabilitierung der sogenannten „Minderbelasteten“ begonnen. Das waren Hunderttausende, die nun wieder wählen durften. Die galt es, bei Wahlen zu gewinnen; und das war aus Parteiperspektive wichtiger. Dankenswerterweise hat Caspar Einem, der übrigens eine Zeit lang unter Fritz Koppe in der AK gearbeitet hat, die Geschichte des Bunds sozialdemokratischer AkademikerInnen (BSA) aufarbeiten lassen.

Der Paradigmenwechsel kam also erst mit den Waldheim-Jahren – das war aber schon gegen Ende von Fritz Koppes beruflicher Laufbahn.

I Das kann man bei Fritz Koppe schwer sagen. Es gab da eben schon Momente wie die Auschwitz-Ausstellung. Und wenn man auf die gesamte Sozialdemokratie schaut: Die Affäre um den Antisemiten Taras Borodajkewycz wurde von den beiden nicht-jüdischen, sozialistischen Studierenden Ferdinand Lacina und Heinz Fischer ins Rollen gebracht. Dann gab es Demonstrationen, die größten bis dahin nach 1945, an denen viele Sozialdemokrat:innen und Organisationen teilnahmen.

Und schon in den 1950er-Jahren gab es, das wissen wir vom Theresienstadt-Überlebenden, Sozialdemokraten und inzwischen verstorbenen Zeitzeugen Rudi Gelbard, Demonstrationen gegen die rechtsextremen Burschenschafter. Und dann gab es das Jahr 1970 und die Affäre Peter. Und als dann jemand kam wie Simon Wiesenthal, der gesagt hat, so geht das nicht, hat er natürlich „gestört“ – und wurde mit verbaler Brutalität bekämpft.

Orten Sie hier ein Versagen der Sozialdemokratie und auch der Gewerkschaftskreise?

I Ich würde hier nicht von Versagen sprechen. Aber mir sind bei der Recherche für das Buch viele Ambivalenzen aufgefallen. Leopold Gratz beispielsweise agierte als Scharfmacher gegen Wiesenthal. Gleichzeitig war er gemeinsam mit Heinz Nittel Förderer und Mitbegründer des Jewish Welcome Service. Gratz war auch ein enger Freund Koppes und bei allen Gelegenheiten, wie dessen Hochzeit, dabei. Die beiden kannten einander noch aus der Sozialistischen Jugend. Genauso wie Heinz Nittel. 

Und dann sollte man daran erinnern, dass Bruno Kreisky für die Wiener SPÖ als Parteivorsitzender nicht die erste Wahl gewesen ist. Es gab auch viele, die lieber mit der ÖVP regieren und die Sozialpartnerschaft ausbauen wollten, als von den „Ehemaligen“ abhängig zu sein. Heute ist es ja nicht unähnlich. Seit dem 7. Oktober 2023 wissen wir, dass die Grenze, wenn es um Antisemitismus geht, sehr dünn ist, sich die SPÖ hier aber mit Blick auf die Sozialdemokratien in Europa noch am besten hält.

Wenn man von der Sozialistischen Jugend heute absieht.

I Ja, aber selbst da wurde die radikalste Gruppe gleich einmal aus der SPÖ ausgeschlossen. Aber ja, es gibt hier bis heute Ambivalenzen, ein Mosaik von Widersprüchen. Wenn man da pauschal von Versagen spricht, würde das aber alles zudecken und dieses Mosaik wäre nicht mehr sichtbar. Dann würden die Fehler, die gemacht wurden und werden und die man sich unbedingt anschauen muss, nicht mehr angeschaut werden können. Ambivalenzen können wie Fehler ja auch die Chance bieten, was zu lernen. 

Wenn wir ins Heute schauen: Da findet sich bei manchen in den Reihen der SPÖ eine Distanz, teils Feindlichkeit Israel gegenüber, die sich meist in Schweigen ausdrückt. Wird dies angesprochen, wird dieser unausgesprochene, aber latent vorhandene Antisemitismus jedoch sofort brüsk zurückgewiesen.

I Das gibt es. Aber eben nicht nur. Als ich im Vorjahr am 1. Mai den #bringthemhome-Pin getragen habe und mitgegangen bin, sind Unbekannte auf mich zugekommen und haben gesagt, ah gut, dass du das trägst – und, dass das wichtig sei. Und dann gibt es die Wortmeldungen prominenter Sozialdemokrat:innen, die man aus den Medien kennt, die dann eher diese Feindseligkeit gegenüber Israel bestätigen.

Man könnte es auch so sehen: Es ist der Versuch einer politischen Bewegung, im Rahmen festgelegter politischer Zielsetzungen für jede und jeden etwas zu bieten. Und neben den Antisemit:innen, die keine Antisemit:innen sein wollen, gab es in der Sozialdemokratie immer auch eine Gruppe, die den Antisemitismus bekämpft und sich auch gegen Kreisky gestellt hat, als dieser mit Peter zusammengehen wollte. 


Und neben den Antisemit:innen, die keine Antisemit:innen sein wollen, gab es in der Sozialdemokratie immer auch eine Gruppe, die den Antisemitismus bekämpft hat und sich auch gegen Kreisky gestellt hat, als dieser mit Peter zusammengehen wollte. 

Bedeutet das aber aus der jüdischen Perspektive, dass man sich hier nicht auf Unterstützung verlassen kann?

I Wir haben schon kurz über Rudi Gelbard gesprochen: Er hat in der Wiener Partei diesbezüglich sicher für viel Bewusstsein gesorgt. Aber auch Leon Zelman hat hier viel bewegt. Heinz Nittel, der schließlich von einem PLO-Kommando ermordet wurde, ebenso. Und noch viele mehr.

Nach dem 7. Oktober habe ich mir angesehen, wer die ersten Sozialdemokraten waren, die sich hier zu Wort gemeldet haben, und da war Andreas Babler, der klar die Verbrechen der Hamas verurteilt hat, ohne zu „kontextualisieren“. Und er hat wohl gewusst, dass er damit nicht wenige seiner politischen Freund:innen, die in ihm lieber einen Jeremy Corbyn gehabt hätten, vergrault.

Fritz Koppe ist am Ende seines Lebens an Demenz erkrankt. Seine Frau und er haben immer im zweiten Bezirk gelebt, zuletzt ist er dann ins Maimonides-Zentrum – und damit doch in ein jüdisches Umfeld – gezogen, zunächst in ein Apartment, zum Schluss wurde er im Pflegeheim betreut. Wie würden Sie diesen letzten Lebensabschnitt unter dem Aspekt seiner jüdischen Identität einordnen?

I Was mir bei Koppe – aber auch bei Gelbard – aufgefallen ist: Beide haben den Großteil ihrer Familie in der Nazizeit verloren. Und beide haben stets versucht, Ersatzfamilien zu finden. Für Koppe waren das die Parteiorganisationen, die Arbeiterkammer, sein wichtiges Projekt, der Verein für Konsumenteninformation, sein internationales Engagement in Fragen des Verbraucher:innenschutzes. Davon profitieren wir alle bis heute, denn jetzt haben die Lebensmittel selbstverständlich ein Ablaufdatum. Das hat es vor Koppe nicht gegeben.

Ich denke, was für Fritz Koppe wichtig war, ist, dass eine Gesellschaft geschaffen wird, in der die Nazis, der Antisemitismus keine Chance haben. Wo das Überleben nichts mit Glück zu tun hat oder mit Zufall, wie dem Zufall der Geburt. Vielleicht ist es eine Illusion, doch dachte er wohl auch, je besser die Lebensbedingungen, desto schlechter steht es um den Menschenhass.

Und Stichwort Zufall: Da gab es noch eine sicherlich prägende Erfahrung Fritz Koppes. Dass er die Nazis überleben konnte, hatte mit einer radikalen Erfahrung von Zufall und Glück zu tun. Die Koppes verstanden sich als Atheisten – der Vater war protestantisch getauft, aber ohne Bekenntnis, die Mutter noch Mitglied der IKG. Als Fritz Koppe im September 1935 in die Schule kam – das war im Ständestaat – wurde das „Ohne Bekenntnis“ nicht mehr akzeptiert. Die Eltern mussten sich für eine Religion fürs Schulkind entscheiden. 

Der Vater plädierte interessanterweise für die IKG, wegen der Mutter und ihrer Familie, die in Wien lebte und im Alltag des Kindes präsent war. Der Vater war an keine Religion gebunden und seine Familie lebte in Luckenwalde, also weit weg. Die Mutter trat angesichts dessen, was man aus Deutschland bereits wusste, für die Taufe ihres Kindes ein. Die Eltern konnten sich nicht einigen – und ließen die Münze entscheiden. So wurde Fritz Koppe im Alter von sechs Jahren getauft. Und mit Stichtag September 1935, was für die antisemitischen Nürnberger Gesetze wichtig war, war Fritz Koppe evangelisch. Das hat sicher ihm und der Mutter das Leben gerettet.

Nach 1945 gab es in Wien keine jüdischen Verwandten mehr. So wurde die Sozialdemokratie zur Familie. Auch Koppes Frau war nicht Jüdin, sie hatten sich während seiner Ausbildung zum Fürsorger kennengelernt, die er zusätzlich zum Studium der Staatswissenschaften absolviert hatte. Er war übrigens die „erste männliche Fürsorgerin“ Wiens.

In seinen letzten Lebensjahren brauchte er selbst viel Fürsorge. Im Maimonides-Zentrum fand er diese schließlich als Demenz-Patient. Ich denke, dass dieses letzte Zuhause Fritz Koppe eine gute Möglichkeit geboten hat, auch dank der Unterstützung von Peter Koppe und Barbara Kintaert, viel von dem Vertrauen wiederzufinden, zu erleben, das mit dem Jahr 1938 aus seinem Leben verschwunden war.


HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here