
Nicht alle bekamen eine solche Nachricht auf ihrem Handy, aber viele. „Wir kommen“, stand da auf Hebräisch, „schaut in den Himmel um Mitternacht“. Die Hacker hatten eine englische Nummer. Das war Mitte Januar. Bisher blieben die Nächte aber ruhig. Also keine Raketen aus dem Iran. Das kann so bleiben, muss es aber nicht. Niemand weiß, was Trump vorhat. Ob er jetzt trotz allem doch noch ein Abkommen mit dem Regime in Teheran bevorzugt, oder ob das schwere Militärgeschütz, das er in der Region aufgefahren hat, stattdessen zum Einsatz kommt. Israel ist jedenfalls weiterhin in hohem Alarmzustand. Wieder einmal. Auch wenn sich das im Alltag nicht niederschlägt.
Das Meer ist stürmisch. Aber der Regen hält sich zurück. Die dunklen Wolken ziehen schnell vorbei. An der Strandpromenade ist es am Wochenende voll. Hier haben am Schabbat erneut die Volkstänze begonnen. Mehrere Dutzend Paare drehen auf einem abgesteckten Platz ihre Runden. Viele von ihnen reisen extra an. Die meisten sind ältere Semester, aber es gibt auch ein paar Junge. Sie sind fast alle gut geübt, das sieht man. Sie wissen genau, was sie zu tun haben, kennen Schritte und Text. Die Musik läuft per Lautsprecher, dazwischen meldet sich immer wieder eine Mikrofonstimme zu Wort. Es wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Vielleicht gefällt es deshalb so gut. Ein Ritual, das – nach fast zweieinhalb Jahren Pause – wieder dazugehört.
Spontan sind nur die Zuschauer, die rings herum stehen und zuschauen. Manche sitzen im Café nebenan, es ist neu, heißt „Michaeli“ und ist nach einem gefallenen Soldaten benannt. Davor im Sand gibt es eine neu angepflanzte Palmen-gruppe, eine weitere Erinnerungsstätte im Aufbau. Noch fehlt die Plakette.
Zum Himmel hoch schaut niemand.
Sollte es zu einer amerikanischen Intervention im Iran kommen, werde es Raketen auf das Herz von Tel Aviv hageln, so die Drohung aus Teheran. Formuliert hatte sie der Parlamentssprecher vor den Abgeordneten. Natürlich aber sagte er nicht Israel, das man ja von der Landkarte tilgen will, sondern „besetztes Gebiet“. Das war, als die jüngsten Proteste im Iran am 8. und 9. Januar ihren Höhepunkt erreicht hatten. Die Drohung gehörte zu den spärlichen Nachrichten, die trotz Kommunikationsblackout nach draußen gedrungen waren. Das Staatsfernsehen funktionierte ja weiter, während die Menschen bis jetzt noch weitgehend ohne Internet und internationale Telefonverbindungen geblieben sind. Das sollte es den Demonstranten erschweren, sich zu organisieren. Aber die Proteste gingen trotzdem weiter. Trotz der steigenden Zahl an Toten.
„Wir kommen“, stand da auf Hebräisch,
„schaut in den Himmel um Mitternacht“.
Die Hacker hatten eine englische Nummer.
Inzwischen ist die Rede von mehr als 30.000 in zwei Tagen. Angehörige mussten ihre Lieben in Leichensäcken suchen, die sich in Hallen stapelten wie Müll. Viele andere sind seither schwer verwundet. Einsatzkräfte hatten nach Angaben von Aktivisten absichtlich auf die Augen der Demonstranten gezielt, um Erblindungen auszulösen. Trump rief ihnen ermutigend zu, dass „Hilfe unterwegs“ sei, aber jetzt sind die großen Proteste erst einmal vorbei. In den israelischen Nachrichten wird die letzte Videoaufnahme eines jungen Iraners gezeigt. Er spricht in seine Kamera von der Enttäuschung, dass so viele Menschen auf diese Hilfe gesetzt und ihr Leben riskiert hatten. Danach soll er sich umgebracht haben.
Jetzt scheint alles wieder möglich. Ein Angriff? Erneute Proteste? Ein Abkommen? Netanjahu ist eine Woche früher als geplant nach Washington aufgebrochen, um Trump davon zu überzeugen, dass auch das iranische Raketenarsenal und die Proxys in der Region als Gefahren gebannt werden müssten, nicht nur das Atomprogramm. Doch wird es auf dieser Basis kaum zu einer Einigung kommen.
Mehr als 30.000 in zwei Tagen. Angehörige mussten
ihre Lieben in Leichensäcken
suchen, die sich in Hallen stapelten wie Müll.
Gerade hat Brussels Airlines seine Flüge am 23. Februar nach Tel Aviv storniert. Man fragt sich: Wissen sie etwas, was wir nicht wissen? Und wieder ist jede Reise überschattet von der Frage, ob man tatsächlich wieder planmäßig zurückkommen können wird. Ob der bisherige Bunker genug sein wird, falls Teheran nach einem amerikanischen Angriff aus seiner Drohung ernst macht? Zugleich wünscht man sich, dass es diesmal am Ende tatsächlich zum Sturz des dortigen Regimes käme.
Bisher wollte man allerdings nicht zu offensichtlich die Demonstranten umarmen. Der Wandel müsse von innen kommen, hieß es in den vergangenen Wochen immer wieder. Zugleich hat der Geheimdienst nie einen Hehl daraus gemacht, dass er vor Ort über viele lokale Mitarbeiter verfügt, denen nicht weniger als Israel an einem Ende des Regimes gelegen ist. Einer von ihnen hat kürzlich dem hiesigen Fernsehen ein Interview gegeben, wenn auch getarnt und mit verstellter Stimme.
Als die Proteste auf ihrem Höhepunkt waren, konnte sich allerdings auch das Außenministerium nicht zurückhalten. Es postete die Karikatur einer in Panik geratenen Führungsriege, darunter hieß es auf Farsi: „Der Zerstörungskalender gilt jetzt für sie selber.“ Eine Anspielung auf die sogenannte „Israel-Restzeituhr“, einen digitalen Countdown im Stadtzentrum von Teheran, der die vermutete maximale Restlaufzeit der Existenz Israels im Tagesrhythmus herunterzählt. Wie es nun tatsächlich weitergeht, bleibt offen.























