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In seinem Generationen umspannenden Rückblick Loew zeichnet David Gulda die „Lebenswege einer jüdischen Familie“ und damit die Geschichte seiner mütterlichen Vorfahren nach.

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David Gulda: Loew. Lebenswege einer jüdischen Familie. Böhlau. 35 S.,€36,95.

Aufgetaucht ist sie aus den Tiefen einer Truhe, wo sie jahrzehntelang zwischen alten Fotos vergraben lag. Die speckige, einstmals wohl elegante Aktentasche aus weichem Leder enthält eine seltsame Erbschaft: Ein Holzmedaillon mit dem braun stichigen Miniaturbild eines Mannes in der Kleidung eines Kantors, eine Kippa, eine Bibel „für Israeliten“ und schließlich die Abschrift einer Festrede zu einer Goldenen Hochzeit aus dem Jahr 1883.

Weiter ruhen, auf sich ruhen lassen, wollten die späten Erben diese rätselhaften Fundstücke aus dem Nachlass ihres Großvaters nicht. Für sie eröffneten sie „einen Blick in den familiären Rückspiegel“, wie der Jurist und studierte Philosoph David Gulda in seinem Buch „Loew“ schreibt, in dem er die Geschichte seiner weitverzweigten mütterlichen Familie erforscht, nachzeichnet, manchmal mehr oder minder fantasievoll ergänzt und in die ereignisreichen Zeitläufe über zwei Jahrhunderte hinweg einbettet.

Dass es eine größtenteils jüdische Geschichte ist, beweisen allein schon die Stationen der ledernen Begleiterin ihres Besitzers. Von seinem Vater Ludwig Loew, der als Schiffsarzt des Lloyd Triestino auf offener See verstarb, hatte der 1901 in Zagreb geborene Wilhelm die edle Tasche zur Matura bekommen. Mit ihm reiste sie nach Italien, wo Guglielmo, kurz Elmo, wie er sich dort nannte, studierte, mit seiner katholischen Studienkollegin Lea Maria eine Familie gründete, 1939 in die Emigration nach Paraguay, nach Argentinien und schließlich 1962 wieder zurück nach Bologna. Dort fand sie Tochter Paola nach dem Tod des Vaters 1979 in dessen letzter Wohnung.

„Dass Anpassung nicht vor Verfolgung schützt, kann man
beispielhaft am Schicksal der Loews ablesen“

Längst lebte sie als berühmte Schauspielerin in Wien, wohin sie ihrem späteren Ehemann, dem Pianisten Friedrich Gulda, gefolgt war, den sie in Buenos Aires kennengelernt und mit dem sie zwei Söhne, David und Paul, hatte. Nach ihrer Scheidung weckte ein anderer Friedrich, nämlich Torberg, ihr Interesse für das Judentum ihrer väterlichen Familie, das David nun bis zu den Ahnen in der „Judengass von Boskowitz“ im Mähren des frühen 19. Jahrhunderts in historischen Quellen, spärlichen Dokumenten und Fotos zurückverfolgt.

Assimilation. Ohne den beigefügten Stammbaum wird man sich kaum zurecht finden bei den verschiedenen Namen, die allein schon eine Emanzipationsgeschichte enthüllen. Aus Hersch wird zum Beispiel Hermann und Rejsel aus Agram eine Rosalie in Wien, wo die klassische Erfolgs- und Assimiliationslaufbahn der Familien zu verfolgen ist.

Wie aus mittlerweile zahlreichen derartigen Familienbiographien, lässt sich auch hier das fast immer gleich verlaufende Muster erkennen. Auf die orthodox frommen Vorväter und Mütter aus der Peripherie des Habsburgerreichs, wie sie uns aus den raren Fotos mit langem Bart und Scheitel ernst anblicken, folgen nach dem Umzug in die Hauptstadt oft bereits in der nächsten Generation Industrielle oder Akademiker, deren Kinder wiederum nicht selten ins Christentum einheiraten, sich oder ihre Sprösslinge vielleicht auch taufen lassen.

So geschehen auch bei den Loews und den angeheirateten Familien Weiss, zu denen Oberkantor Jakob Weiss aus Agram zählte, dessen Porträt-Medaillon sich vererbte. Auch Grabsteine mit den immer weniger jüdisch klingenden Namen und Inschriften erzählen ihre „Aufstiegsgeschichte“. Das Kaddisch-Gebet am Elterngrab wird von den Söhnen einst noch auf Hebräisch, von den nachfolgenden auf Deutsch und schließlich überhaupt nicht mehr von ihnen selbst gesprochen. Nur die alte Kippa soll zu solchen Gelegenheiten noch hervorgeholt worden sein, mutmaßt David Gulda.

Dass Anpassung nicht vor Verfolgung schützt, auch diese nicht unbekannte Lehre kann man beispielhaft am Schicksal der Loews ablesen, die sich in der Ära Mussolinis als italienische Patrioten sogar dem Faschismus nahe fühlten. Mit dem Zionismus fremdelten alle, auch als Elmos Schwester samt Familie nach Palästina auswanderte, weil es immerhin besser als das angebotene Kenia war. Vorher ließen sie sich in Wien allerdings noch schnell anglikanisch taufen. Erst Paola fand über Torberg wieder einen auch emotionalen Weg nach Israel.

Einen berührenden Kontrapunkt aus der Vergangenheit in die nähere Gegenwart setzt das Nachwort des jüngeren Sohns, des Pianisten Paul Gulda, der sich an die „Klänge einer Kindheit“ und damit an die allgegenwärtige Musik in der Wiener Stadtwohnung erinnert. Paola war ja selbst eine vielversprechende Pianistin gewesen, bevor sie diese Ambitionen zugunsten der Weltkarriere ihres Mannes aufgab. Und so erscheint diese sehr persönliche familiäre Spurensuche auch wie ein später Kaddisch für die etwas in Vergessenheit geratene Mutter und Künstlerin Paola Loew.

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