Tausend Getränke

Der ukrainische Geschäftsmann Michael Tkachman hat in Österreich einen Großhandel für Alkoholika und Soft Drinks aufgebaut.

802
Vom Kleinvertrieb zur Großlagerhalle: Michael Tkachman hat heute 1.000 Produkte im Sortiment. Foto: Reinhard Engel

Der Anfang war deutlich zäher als gedacht. „Ich bin am Abend von Bar zu Bar gezogen mit einem Aktenkoffer, mit Verkaufsunterlagen und einigen Flaschen Wodka zur Verkostung. Der Erfolg war allerdings bescheiden.“ Gerade einmal 5.000 Euro Umsatz pro Monat waren zu erzielen. Deutlich zu wenig für einen Getränkehandel, wie ihn sich Mikhailo – Michael – Tkachman vorgestellt hatte.

Er verstand, dass die Restaurantund Klubbesitzer nicht von einem einzelnen – noch dazu neuen – Lieferanten einige Spezialitäten kaufen wollten. „Man braucht ein breiteres Angebot, also habe ich mich als erstes auf der Fachmesse Prowein in Düsseldorf nach weiteren Produkten umgeschaut: Gin, Rum, Whisky.“ Nun kam die Sache langsam in Schwung, Tkachman konnte zunächst einmal 30 Bars in Wien beliefern, dann war kräftiges Wachstum angesagt.

Heute kann sein Unternehmen SpiritsUp 1.000 unterschiedliche Getränke liefern, von Klassikern wie Bombay Saphire Gin, Absolut Wodka oder Ardberg Whisky bis zu Likören, Bieren, Fruchtsäften oder Grünem Veltliner. Die Umsätze, die seine 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erzielen, liegen mittlerweile bei einer Million Euro – pro Monat. Vor einigen Jahren ist auch sein jüngerer Bruder Lev nach Wien gezogen und hat die Verkaufsleitung übernommen, Michael ist CEO.

„Das haben wir nicht über Dumping erreicht“, so Tkachman. „Es gibt Marktpreise, sonst verdient man nichts. Wir sind vor allem durch Service bekannt geworden. Wenn mich ein Barbesitzer noch spät am Abend angerufen hat, dass ihm etwas ausgegangen ist, habe ich mich ins Auto gesetzt und ihm die Flaschen vorbeigebracht.“

„Das Nightlife ist auch heute unsere Basis“, weiß Tkachman, aber seine Firma bewegt sich längst in anderen Dimensionen. SpiritsUp bietet zwar auch die Belieferung von Privatkunden über einen Webshop an, der Schwerpunkt des Geschäfts liegt aber im B2B-Bereich. Und das bedeutet ein komplexes Geflecht von Lieferketten, Konkurrenz und Kooperation, nicht nur in Wien, sondern auch in den Bundesländern.

„Der Trend geht hin zu Besonde­rem, etwa ei­nem ganz alten Single Malt Whisky oder einem seltenem Rum.“
Michael Tkachman

Am Anfang der Kette befinden sich große internationale Konzerne wie Bacardi, Pernot Ricard oder Diageo. Auf der Kundenseite finden sich neben der Gastronomie längst Tankstellenshops von Shell oder Turmöl sowie die Handelsketten Billa oder Nah&Frisch. Der Gastro-Lieferant Kastner mit Standorten quer durch Österreich gehört ebenso zu seinen Geschäftspartnern. Auch koschere Produkte sind im Portfolio, „und die jüdische Gemeinde ist ein guter Kunde.“ Exportiert wird mittlerweile ebenfalls aus den weitläufigen Lagerhallen von SpiritsUp am Wiener Hafen, etwa in die Niederlande, nach Italien, Deutschland oder Lettland.

Tkachman, der aus dem ukrainischen Dnipro stammt, hat das Geschäft bei einem großen ukrainischen Wodkaproduzenten gelernt, Khortysa. Dieser ist international äußerst erfolgreich, vor allem in den USA und in Ländern, die einst zur UdSSR gehörten. Exporte gehen in 87 Länder. Für Khortysa arbeitete Tkachman als Verkaufsmanager in Kiev. Aber er stammt aus einer Unternehmerfamilie – sein Vater besitzt eine Glasfabrik in der Nähe von Dnipro –, also sah er sich nicht langfristig als Angestellter, sondern wollte sein eigenes Business aufbauen. Nach einem Jahr kaufte er seinem Arbeitgeber einen LKW voller Wodka ab, verzollte diesen in Wien und begann sein Türschnallen-Marketing in den Bars der Innenstadt.

Warum Wien? Tkachman, Jahrgang 1992, stand gerade vor der Matura und wollte im Ausland studieren, wusste bloß noch nicht wo. Der Rabbiner der Gemeinde in Dnipro erzählte seinem Vater von der Lauder Business School in Wien, sie reisten hierher, um sich zu informieren, es gefiel ihm und er bewarb sich. Nach dem Abschluss übersiedelte er ins englische Warwick und absolvierte dort zusätzlich ein Master-Studium für Supply Chain and Logistics Management. „In Warwick hat es eine jüdische Gemeinde gegeben, und dort habe ich zum ersten Mal englische Juden kennen gelernt.“

Mit seiner Wien-Erfahrung plante er dann auch hier den Sprung in die Selbstständigkeit, 2015 startete er den Getränkehandel. Sein Englisch war durch die Studien zwar gut, aber Deutsch musste er erst lernen.

Gefragt, was für einer jüdischen Gemeinde der Rabbiner seines Vaters in Dnipro vorstehe, antwortet Tkachman: „Es ist Chabad, aber sehr aufgeschlossen.“ In Wien unterstützt er die Lauder Business School und die russisch-ukrainische Gemeinde in der Tegetthoffgasse regelmäßig, auch wenn er selbst kein aktives Mitglied ist.

Wie sich seine Branche weiter entwickeln wird? Tkachman analysiert das so: „Wenn man heute in eine Bar geht, trinkt man nicht wie früher einen Abend lang ein Glas nach dem anderen. Der Alkoholkonsum geht insgesamt zurück. Der Trend geht hin zu Besonderem, etwa einem ganz alten Single Malt Whisky oder einem seltenem Rum. Oder aber zu ausgefallenen Cocktails, die man dann fotografiert und die Bilder gleich auf Instagram stellt.“

Daneben gibt es immer wieder neue Produkte, und für diese muss ein Großhändler offen sein. Im Fall von SpiritsUp sind das etwa Booz Ballz, Ready-toDrink-Cocktails, fertig gemixte Getränke in bunten runden Kunststoffdosen. Diese importiert man selbst nach Österreich. Und es gilt, einzelne lukrative Nischen zu finden und auszubauen. Das kann mexikanischer Mescal oder Tequila sein, japanischer Gin oder ein momentan angesagter süßer Likör

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here