Tel Aviv – douze points: Euro­vision in Israel

Der Song Contest wird Tel Aviv lahmlegen, befeuert schon im Vorfeld jede Menge Kontroversen, aber trotzdem freut man sich auf ihn.

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Der israelische Sänger und Schauspieler Kobi Marimi vertritt sein Land beim Song Contest 2019 – passend für die Ausstrahlung aus Tel Aviv mit dem Lied Home. © flash 90/ Noam Revkin Fenton

Zwei Wochen lang werden wir uns hier in Tel Aviv kaum fortbewegen können, darauf sollte man sich einstellen, sagt Chen Azrieli. Sie muss es wissen. Seit Monaten steht bei den Stadtratssitzungen der Eurovision Song Contest permanent auf der Tagesordnung. Und Azrieli ist dort gerade (als erste lesbische Frau) zur stellvertretenden Bürgermeisterin aufgestiegen, nachdem ihr Vorgänger Asaf Zamir für Gantz’ Blau-Weiß-Partei in die Knesset einzieht.
Das Finale der Eurovision findet am 18. Mai statt, in einem Neubau der Messehallen im Tel Aviver Norden. Dort hat vor einem Jahr bereits die Judo-Europameisterschaft stattgefunden. Veranstaltungen finden allerdings über die gesamte Stadt verteilt statt. Die Eröffnungszeremonie am 12. Mai samt Presse und Fans ist auf dem Platz vor dem Habima-Theater geplant. Das Eurovision Village mit den Direktübertragungen wird im Charles-Clore-Park an der Meerespromenade errichtet. Der exklusive EuroClub, reserviert für VIPs und geladene Gäste, logiert im Hafengelände. Wer seine gesamte Wohnung da nicht ohnehin bereits untervermietet hat, sollte in dieser Zeit am besten zuhause bleiben, rät Azrieli. Schon jetzt sind die Straßen nicht nur mit Autos, sondern auch mit all den neu zugelassenen Elektrorollern übersät, die man überall einfach nehmen und stehen lassen kann.

Bei der Eurovision handelt es sich um einen Wettbewerb, der wie kaum ein anderer die komplexen Beziehungen des Landes zum alten Kontinent symbolisiert.

Über die Zahl der Besucher ist man sich aber noch ein bisschen unsicher. Israel ist teuer. Die Eintrittspreise sind deutlich höher, als es die internationale Fangemeinde gewöhnt ist. Auch stehen wohl weniger Tickets zur Verfügung, weil viele an VIPs und Ehrengäste bereits vergeben wurden.
Trotz allem überwiegt die Vorfreude. Die Eurovision hat hier mehr Gewicht als woanders. Denn es handelt sich um einen Wettbewerb, der wie kaum ein anderer die komplexen Beziehungen des Landes zum alten Kontinent symbolisiert. Man stimmt ab über Songs, aber dabei geht es immer auch um mehr, obwohl die Politik bei diesem europäischen Nachkriegsprojekt ja eigentlich explizit draußen bleiben sollte. Die Ukraine etwa wird diesmal nicht präsent sein, weil es vor dem Hintergrund der Spannungen mit Russland eine Kontroverse um die Teilnahme gab. Die Türkei war das letzte Mal 2012 dabei und hat sich seither nicht mehr beworben. Einer der Gründe sei der Sieg von Conchita Wurst 2014. In Großbritannien wiederum macht man Witze über das geplante Mitwirken. In der Satiresending der BBC How to win the Eurovision? fragt sich ein Moderator, warum ein Land, das der Welt das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die Beat-les, die Rollings Stones und Elton John gebracht hat, Anerkennung durch die Slowakei und Slowenien brauchen sollte.

Die Eurovision findet in Israel statt, ist voller gays,
und die ganze Welt interessiert sich dafür.

Schließlich Israel. Hier gab es Kontroversen zwischen Regierung und dem Sender KAN über die Frage nach der Höhe des staatlichen Zuschusses für die Mammutveranstaltung und darüber, ob die Delegationen für die „Postcards jenseits der Grünen Linie“ fotografiert werden dürften. Noch besser: KAN hat einer Bitte Frankreichs und der European Broadcasting Union zugestimmt und versprochen, mit der Ausstrahlung des dreiteiligen Comedy-Thrillers Douze Points bis nach dem Contest zu warten. Denn der Plot ging manchen zu weit – oder zu nah. Im Film wird nämlich der französische Teilnehmer bei der Eurovision vom Islamischen Staat rekrutiert, um einen Terroranschlag in Tel Aviv während der Direktübertragung zu verüben. Mossad-Agenten aber schaffen es, das Attentat im letzten Moment zu vereiteln.
Die Drehbuchschreiber Asaf Zelicovitch und Yoav Hebel hatten sich gleich nach Netta Barzilais Sieg ans Werk gemacht. Sie wollten alle Figuren gleichermaßen durch den Kakao ziehen. So müssen sich etwa die Agenten pa­rallel zu ihrer Arbeit auch um das Besorgen von Babywindeln kümmern, damit es zu Hause keinen Krach gibt. Im Umgang mit den Fanatikern vom IS, sagt Zelicovitch, stecke auch die Idee dahinter, dass „die Tatsache, dass wir die Eurovision in Israel beherbergen, diese Leute noch einmal ganz besonders herausfordert. Sie findet in Israel statt, ist voller gays, und die ganze Welt interessiert sich dafür. Aus komischer Perspektive lässt sich da eine Menge machen, denn diese grausamen IS-Leute müssen ja irgendwie versuchen, da hineinzupassen.“
Als die Serie dann gedreht wurde, konnten die beiden allerdings noch nicht wissen, dass Frankreich diesmal von dem 19-jährigen muslimischen Bilal Hassani vertreten werden würde. Bilal, der homosexuell ist, gerne Perücken und Make-up trägt, hat nun im Vorfeld Tel Aviv bereits begeistert besucht und war amüsiert über den Plot. Er hätte nichts gegen die Ausstrahlung im Mai gehabt – das sahen die Franzosen an hoher Stelle etwas anders. Sie wollten nicht riskieren, dass der Film zu Ausschreitungen in Frankreich führt.
Wer es noch nicht wissen sollte: Madonna kommt auch und tritt im Finale auf. Das hat natürlich den BDS-Front-Mann Roger Waters nun ganz besonders geärgert. Der Mitbegründer von Pink Floyd war auch gar nicht amüsiert, um es gelinde auszudrücken, über den Aprilscherz, den ihm das israelische Ministerium für strategische Angelegenheiten per Twitter beschert hatte: Dort war ein Konzert von Roger Waters für den 16. Juli in Tel Aviv angekündigt worden.

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