Tel Aviv hinter dem Dom

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Der israelische Fernsehkoch Eyal Shani hat in der City sein Street-Food-Lokal „Miznon“ eröffnet.

Nein, leise war es auch vorher nicht. Orientalische Ohrwürmer hatten im bummvollen Lokal schon den ganzen Abend für gute Stimmung gesorgt. Aber jetzt sind die Spanier dran – live. Und nur kurz spielen die reisenden Barden in historischen Kostümen ihre Standards, bald haben sie auf Hava Nagila umgeschwenkt. Es wirkt ganz natürlich, dass sich hier junge Menschen von beiden Enden des Mittelmeeres zusammenfinden.

Man setzt sich zwanglos zu bis dahin fremden Gästen dazu und kommt ins Gespräch.

miznon2Miznon heißt der neue Innenstadt-Treffpunkt der coolsten Wien-Benutzer, seien sie nun jüdisch oder nicht. Man hört den nasalen Döblinger Ton ebenso wie weltläufiges Zweitsprachen-Englisch, hinter dem unterschiedlichste Akzente durchscheinen. Eröffnet hat das Restaurant mit shabby chic, metallenen Industrielampen und rohen Holztischen Eyal Shani, der „Tomatenkönig“ von Tel Aviv. Er hat diesen Namen nicht von seinen anderen Lokalen – drei davon ebenfalls Miznons –, sondern von populären Auftritten als Juror in der TV-Kochshow, MasterChef Israel, wo er sich eloquent für Gemüse stark macht. Und Gemüse empfängt die Besucher auch im Miznon Vienna: Berge von Paradeisern liegen in den Fenstern, Lauchstängel dekorieren die Küchenfront, über der Bar sind unzählige Karfiolköpfe gestapelt.

Freilich dienen diese nicht bloß der Dekoration. Als Shanis Markenzeichen, sein „signature dish“, gilt der dunkel angebratene Karfiol, die Gäste bekommen das Gemüse auf einem Papier im Ganzen auf den Tisch und zupfen dann die einzelnen Röschen herunter. Ein ähnliches Gericht gibt es noch auf Basis von Brokkoli. Doch das Kerngeschäft Shanis sind unterschiedliche Pitot: Auch die kleinen gefüllten Teigtaschen (das Fladenbrot ist ein Israel-Import), werden in Papier serviert, nachdem man die Bestellung an der Bar abgegeben und seinen Namen hinterlassen hat. Meist braucht es ein paar Ausruf-Versuche der Kellnerinnen, die gegen die Musik ankämpfen, dann bringen sie die Gerichte an die Tische (außer man sitzt ohnehin gleich an der Bar, von der man die flotte Arbeit der Köche beobachten kann). Die Pita-Varianten fallen durchwegs köstlich aus, ob mit Rindersteak-Streifen oder mit faschiertem Lamm, frische Gemüse harmonieren mit orientalischen Gewürzen, aber nichts schmeckt aufdringlich oder extrem scharf.

Das Miznon ist nicht koscher, daher kann es durchaus vorkommen, dass sich unter einer fleischigen Pita hinter dem Gemüse ein Schuss Cream-Cheese verbirgt. Wer das nicht will, sollte vorher fragen, wo welche Ingredienzien enthalten sind. Auf der kleinen Karte finden sich noch einige Tellergerichte, etwa Kohlroulade, Spinat oder eine Shakshuka-Variante, die hier Ratatouille mit Ei genannt wird. Heineken-Bier vom Fass dominiert die Getränkeangebote, Wein wird in einfachen Glasbechern ausgeschenkt.

Das Miznon ist kein Lokal, in dem man einen ruhigen Abend zu zweit verbringen wird, im Gegenteil: Es tut sich etwas, man setzt sich zwanglos zu bisher fremden Gästen dazu und kommt ins Gespräch. Und es ist schon im Winter eine Anlaufstelle für weitere Innenstadt-Runden, man schaut vorbei, wer da ist, und wenn es wegen Überfüllung keine Chance auf einen Tisch gibt, kommt man halt beim nächsten Durchgang wieder vorbei. Mit der beschaulichen Ruhe im Schatten des Doms, wo einst die Fiaker brummig vor ihren Seidln Ottakringer gesessen sind, ist es jedenfalls endgültig vorbei. Von Paprikasch

Miznon Vienna
Schulerstraße 4,
1010 Wien
Täglich 12 bis 23 Uhr
facebook.com/miznonvienna

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