Tel Aviv im Ausnahmezustand – wie überall

Das Coronavirus hat Tausende von Israelis angesteckt, erste Todesfälle verursacht und nach mehr als einem Jahr eine neue Regierung produziert.

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Am Strand von Tel Aviv. Das Leben geht weiter. Sich an die Lebensumstände anzupassen, daran ist man in Israel gewöhnt. © flash90

Noch wird jeder einzelne Todesfall, der auf COVID-19 zurückgeht, gezählt und explizit erwähnt. Bei Redaktionsschluss gibt es in Israel, verglichen mit anderen Ländern, bisher tatsächlich nicht viele Corona-Opfer. Insgesamt fünfzehn, hieß es heute früh im Radio. Und mittlerweile gehört auch Benny Gantz’ Blau-Weiß-Bündnis dazu. Es ist zerbrochen, nachdem Gantz sich nach einem Wahlkampf gegen Benjamin Netanjahu entschieden hat, sich einer Einheitsregierung mit Netanjahu anzuschließen. Die Einflusssphäre des Virus hat sich somit auch auf die Politik erstreckt.
Auf Facebook schrieb Gantz: „Wir sind an einer Weggabelung angekommen, an der einige meiner Freunde fanden, dass Wahlen dem Versuch, Kompromisse zu finden, vorzuziehen wären. Ich werde nicht derjenige sein, der nicht versucht hat, die fortgesetzten Angriffe auf die Rechtsstaatlichkeit für wenigstens ein weiteres Jahr zu verhindern, ich werde nicht derjenige sein, der nicht versucht hat, eine vierte Wahl zu verhindern, und ich werde nicht derjenige sein, der sich der Krankenbahre in nationalen Notzeiten verweigert.“ Alle seine Versuche, das Blau-Weiß-Bündnis doch noch zusammenzuhalten, hätten nichts gefruchtet. Die Abtrünnigen in seiner Partei wiederum unterstellen Gantz, dass er von vorneherein auf genau dieses Szenario hingearbeitet habe. Ein ewiger Zweiter sozusagen, bar jener für Spitzenpolitiker so charakteristischen Antriebskraft, es bis nach ganz oben schaffen zu wollen.

Ausnahmesituation und schwere Krisen
sind in Israel nichts Unbekanntes. Bloß ist der Feind diesmal unsichtbar. Und es gibt ihn überall.

Jedenfalls wird es nun endlich wieder eine richtige Regierung geben. Eine Neuwahl im September ist somit erst einmal vom Tisch, wenn das praktisch überhaupt möglich wäre. Keiner weiß, wie sich die Corona-Pandemie weiterentwickeln wird. Auch die Gantz-Wähler sind deshalb in zwei Lager gespalten. Das eine bringt Verständnis dafür auf, dass man in Zeiten wie diesen alles tun muss, um eine funktionsfähige Koalition hinzubekommen, auch wenn dies jetzt eben nur mit Netanjahu an der Spitze geht. Das andere Lager ist entsetzt darüber, was mit ihren Stimmen passiert ist. Sie haben schließlich Gantz gewählt, weil er sich als Alternative zu Netanjahu präsentiert hat.
Aber da war der Corona-Virus noch in seinen Anfangszeiten. Inzwischen ist das öffentliche Leben völlig zum Stillstand gekommen. Auch ist das Gerichtsverfahren gegen Netanjahu, das Ende März hätte beginnen sollen, verschoben worden. In der Fernsehsatire Eretz Nehederet (Ein wunderbares Land) ironisiert die Figur des amtierenden Premiers: „Ihr wolltet alle, dass ich im Gefängnis sitze, jetzt seid Ihr alle eingesperrt, und ich bin der einzige, der frei herumlaufen darf.“
Vereinbart ist eine Rotation an der Spitze der Regierung. Die ersten achtzehn Monate wird Netanjahu Regierungschef bleiben, dann soll Gantz übernehmen. Bis dahin aber kann noch viel passieren. Gantz soll nun erst einmal Verteidigungsminister werden. Vor allem aber geht auch das Justizministerium in die Hände seiner Restverbündeten. Damit will er die Schwächung des Rechtssystems aufhalten, eines der Hauptziele der Regierung in den vergangenen Jahren. Auch soll das Kulturministerium nicht mehr in den Händen von Miri Regev bleiben, deren Vorstellungen sie auf Konfrontationskurs mit der kritischen Kunstszene im Land gebracht hat.

Das Straßenbild im sonst so lebendigen Stadtzentrum von Tel Aviv macht depressiv.

Doch sind dies nicht die wichtigsten Dinge, die die Menschen gerade beschäftigen. Israel hat früher und flexibler auf die Krise reagiert als Europa. Die Grenzen waren bald geschlossen. Man hat sofort mit Fernunterricht in Schulen begonnen und die Dozenten an den Universitäten auf das Online-Teaching vorbereitet, so dass das Semester fast wie geplant beginnen konnte. Aber es gibt hier im Vergleich auch weniger Krankenbetten und Beatmungsmaschinen. In Bnei Brak und in Mea Shearim hielt man sich anfangs zudem nur sehr bedingt an die Anordnungen der „säkularen Regierung“.
Die aktuellen Angaben (Stand: 31. März) beziffern sich auf 4.831 Fälle von Ansteckungen. 80 sind in kritischem Zustand. Auch bittet man im Radio gerade eindringlich, diesmal den Sederabend nur im engsten Familienkreis zu feiern, also n-i-e-m-a-n-d-e-n einzuladen. Mit Großeltern wird schon länger nur mehr aus der Ferne kommuniziert. Das Straßenbild im sonst so lebendigen Stadtzentrum von Tel Aviv macht depressiv. Beim Einkauf dürfen neuerdings nur mehr eine bestimmte Anzahl an Kunden gleichzeitig in den Laden. Man fragt sich auch, wie viele der vielen kleinen Läden auf der Ben Jehuda nach der Krise wohl noch über genug Ressourcen für eine Wiedereröffnung verfügen werden.

Ausnahmesituationen und schwere Krisen sind in Israel nichts Unbekanntes. Bloß ist der Feind diesmal unsichtbar. Und es gibt ihn überall. Das verbindet. Während man sich bei früheren Krisen oft schwer tat, den Menschen anderswo die eigenen Lebensumstände zu vermitteln, fällt das gerade sehr leicht.

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