The future is already here

Über Tramprobefahrten, eine neue Kohorte wahlberechtigter Jugendlicher und die erste herbstliche Morgenluft.

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Rechtsaußen-Politiker Itamar Ben-Gvir (46) von der Otzma Yehudit Partei polarisiert – und besucht u. a. auch Schulen. Das führt immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen, zuletzt etwa am 6. September vor der Bleich High School in Ramat Gan. © Tomer Neuberg/Flash90

Ein paar Mal wurde sie schon gesichtet, die zukünftige Tram mit ihren funkelnden weißen Wägen. Zur Probe glitt sie geschmeidig über die neuen Gleise im Süden der Stadt. Als ich sie vor ein paar Wochen erstmals entdeckte, dachte ich: „Wow, the future is already here.“ Manche hatten ja geglaubt, dass das Riesenprojekt nie fertig werden würde. Jetzt bekommt Tel Aviv tatsächlich ein (hoffentlich bald funktionierendes) öffentliches Transportsystem, das nicht nur aus Autobussen besteht, die oft auch nur mühsam im Verkehrschaos vorankommen. Die U-Bahn verläuft streckenweise oben, andernorts geht es durch Tunnel immer wieder nach unten. Ein ganzes Netz soll sich am Ende über die Stadt spannen.

Der Start der ersten Linie war geplant für November. Er wird sich aber wohl noch ein bisschen verzögern. Inzwischen gibt es eine Debatte darüber, ob der Schienenverkehr auch am Schabbat stattfinden darf und sollte. Die Noch-Verkehrsministerin Merav Michaeli von der Arbeitspartei und Bürgermeister Ron Huldai sehen das jedenfalls so. Beide argumentieren im Namen von sozialer Gerechtigkeit: Wer kein eigenes Auto besitzt, soll am Wochenende nicht benachteiligt sein. Außerdem macht es auch wirtschaftlich angesichts der hohen Investitionen von mehreren zehn Milliarden Schekeln mehr Sinn, die U-Bahn an allen Wochentagen laufen zu lassen. Noch ist unklar, ob Tel Aviv jetzt tatsächlich dem Beispiel Haifa folgen könnte, wo am Schabbat ja auch öffentliche Transportmittel fahren.

Unterschätzt man das Urteilsvermögen der Jungen? Was bedeutet wehrhafte Demokratie? All das kennt man ja genug auch in Europa.

Religiöse Politiker warfen Michaeli vor, mit dem Thema Stimmenfang vor den Wahlen am 1. November zu betreiben. Sie verwiesen auf die Status-quo Vereinbarung, die den öffentlichen Verkehr im Land bis auf wenige Ausnahmen von Freitagnachmittag bis Samstagabend zum Pausieren zwingt. Zugleich aber hat in dieser Hinsicht eine kleine Revolution stattgefunden, ohne dass es viel Aufhebens darum gibt. Seit dem 17. September fahren jetzt nämlich erstmals auch am Freitagabend und in der Nacht Züge vom und zum Flughafen Ben Gurion auf der Strecke Tel Aviv–Jerusalem.

Der aktuelle Wahlkampf zeigt, dass sich die Menschen mit anderen Dingen beschäftigen: Das sind die hohen Preise, die weiter angestiegenen Lebenskosten und die Zukunftschancen der jungen Generation. Letztere ist auch als Wählergruppe zunehmend in den Fokus geraten. Da in den letzten Jahren so oft gewählt wurde, sind 22-jährige jetzt bereits zum fünften Mal berechtigt, ihre Stimme abgeben. Da sie untrennbar mit ihren Handys verbunden sind, haben sich die politischen Botschaften in Stil und Form angepasst.

Hadar Muchtar, 20, aus Kiryat Ono, ist der neueste TikTok-Star. In ihren unzähligen Videoaufnahmen steht sie vor der Kamera, oft mit einem Megafon, und schimpft über die Preise, vergleicht sie mit dem Ausland, wirft Berufspolitikern vor, die Jungen zu vernachlässigen und sich nur für sich selbst zu interessieren. Ihre Partei heißt „Tze’irim Boarim“, stürmische oder flammende Jugend. Selten ist jemand so schnell berühmt geworden. In Windeseile hatte sie 68.000 Follower und hunderttausende Viewers. Dabei ist sie noch zu jung, um in die Knesset gewählt zu werden. Das geht erst ab 21. Für einen Ministerposten aber gibt es keine Altersbeschränkung, wie sie gerne betont.

Alle dachten, was für ein netter Gimmick. Dann aber entschied sich ein Umfrageinstitut, nach der Popularität ihrer Partei zu fragen, und Tze’irim Boarim erhielt so viele Stimmen, dass damit ganze zwei Mandate abgedeckt würden. Nicht ausreichend, um in die Knesset einzuziehen, aber genug, um sich als junge Frau mit Potenzial zu positionieren. Sie will weder links noch rechts sein und sich auch von niemandem vereinnahmen lassen.

Hadar Muchtar, 20, aus Kiryat Ono, ist der neueste TikTok-Star. In ihren unzähligen Videoaufnahmen steht sie vor der Kamera, oft mit einem Megafon, und schimpft über die Preise […].

Ein anderes Phänomen ist Sympathie gerade der Jungen für den Rechtsaußen-Politiker Itamar BenGvir. Er ist – wie andere Politiker auch – inzwischen auch vor Gymnasiasten in Tel Aviv aufgetreten und hat dort versucht, sein neues Image als Geläuterter zu pflegen. In seinem Wohnzimmer hängt also nicht mehr das Bild von Baruch Goldstein, der 1994 in der Moschee in Hebron das Feuer eröffnete und 29 betende Muslime ermordete. Auf TikTok schlägt er heute „nur“ vor, arabische Knesset-Abgeordnete, die nicht loyal sind, ins Flugzeug zu setzen und außer Landes zu verweisen. Schulleiter und Eltern in Tel Aviv sind sich uneinig über die potenzielle Wirkung seiner Auftritte. Radikalisiert er? Stößt er ab? Durchschaut man ihn? Ist es besser, ihn auszuschließen, obwohl er ja offiziell bei den Wahlen antreten darf, oder ihn offen herauszufordern? Unterschätzt man das Urteilsvermögen der Jungen? Was bedeutet wehrhafte Demokratie? All das kennt man ja genug auch in Europa.

Bis zur Wahl aber ist es noch eine Weile hin. Da kann, wie immer, noch viel passieren. So wie der dreitägige Krieg gegen den islamischen Dschihad im August in Gaza, der fast schon wieder in Vergessenheit geraten ist. Aus dem Norden hört man, dass die Hisbollah im Libanon sich auf eine Auseinandersetzung vorbereitet. Ein hebräisches Bonmot besagt, dass es in Israel nur drei Jahreszeiten gibt: Sommer, Krieg und Wahlen. Gefühlt mag das so sein. Aber deshalb bleibt das Leben nicht stehen. Was das Neue Jahr außer der neuen U-Bahn noch bringt, wird man sehen. Immerhin ist es gerade ein bisschen kühler geworden. Und mit etwas gutem Willen lässt sich die Morgenluft in Tel Aviv jetzt sogar als herbstlich bezeichnen.

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