Regisseur Josef Köpplinger widmet sich Max Reinhardt am Theater an der Josefstadt.
Wina: Sie haben Ein Sommernachtstraum für das Theater in der Josefstadt inszeniert: Das ist William Shakespeares meistgespieltes und erotischstes Stück. Inhaltlich treffen da viele Emotionen aufeinander: Verzückung und Verzweiflung, Ernst und Komik. Dieses Verwirrspiel zeigt zwar, dass die Liebe wankelmütig ist, aber dennoch äußere Hindernisse überwinden kann. Haben Sie sich das Stück für Ihre erneute Gastregie an der Josefstadt ausgesucht?
Josef Köpplinger: Ich habe mir gewünscht, noch einmal Ein Sommernachtstraum zu machen. Am Landestheater Klagenfurt habe ich es vor etwa 15 Jahren aufgeführt, aber das wird hier kein Klon. Ich nähere mich immer über die Originalsprache eines Stückes meiner Fassung an: Shakespeare hat so eine tolle befreite Sprache, dadurch hat er es geschafft, dass alle Schichten ins Theater gingen und den Schauspielern an den Lippen hingen. Er hat alles sehr vermenschlicht. Ich behaupte ja felsenfest, dass alles von ihm Volkstheater ist, er schrieb für alle im Volk und hat nicht mehr diesen göttlichen Gedanken des Mysterienspiel verwendet. Heute tendiert man zu einfacher Sprache. Für mich ist das grundverkehrt, ich finde die Kunst und die Sprache sollen allen Menschen die Möglichkeit geben, ihren Geistes- und Herzenshorizont zu erweitern. Heutzutage wird alles kleinteiliger, die Schubladisierung wird viel stärker, aber das Theater muss – natürlich immer unter dem Aspekt der Humanität und des gegenseitigen Respekts und der Würde des Menschen – allen alle Freiheiten ermöglichen.
Sehen Sie eine zeitgemäße Botschaft in dieser Komödie – oder befördert sie nur unseren Eskapismus?
I Theater ist in vielen Belangen eine Form des Eskapismus. Bei mir war es totale Verzauberung, als ich mit sechs Jahren im Raimundtheater Michel sucht das Christkind sah. Ich war fasziniert, wollte sofort wissen, wie das alles funktioniert. In der Schule habe ich heimlich Theaterzeichnungen gemacht und mit 18 Jahren eine Theatergruppe gegründet, darin gespielt und gesungen. Mein Vater war musisch sehr begabt, spielte Gitarre und Klarinette, konnte aber nicht studieren, weil kein Geld da war. Meine Großtante Helene war Musikpädagogin und Pianistin – alle haben mich toll unterstützt, indem sie mich einfach gelassen haben! Es ist so schön Theater zu machen, ich kann Ihnen nicht wirklich erklären, warum Ein Sommernachtstraum mein Lieblingsstück ist, vielleicht weil darin eine ganze Welt ist.
Klassiker werden heutzutage gerne „überschrieben“. Was halten Sie davon?
I Äußeres Erscheinungsbild macht Theater für mich nicht modern, nur der zeitlose Inhalt. Wenn ich ein Stück analysiere, überprüfe ich es auf Inhalt und theatrale Wirkung, aber wer bitte ist klüger als Shakespeare oder besser als Mozart? Das bedeutet nicht, dass mein Sommernachtstraum altbacken daher kommt, das garantiere ich Ihnen!
Man hat doch eine Grundverantwortung für Autorinnen und Autoren: Selbstverständlich erlaube ich mir zu sagen, hier ist die Exposition zu lang, oder diese Schlusspointe ist nicht spannend genug, aber da geht es rein um die Interpretation. Ich glaube, dass diese Egomanie meines Berufsstandes auch Grenzen haben muss betreff den Respekt vor AutorInnen. Ich kann meine Schauspielerinnen und Darsteller nur überzeugen, wenn ich das selbst auch bin. Bin ich unsicher, frage ich sie, gebe aber genau vor, was ich haben möchte. Trotzdem bekommen die Künstler genug Freiraum, um gestalten zu können. Ich habe das immer so gemacht, dafür werde ich ja bezahlt, ganz klare funktionierende Konzepte zu liefern. Die Mechanik einer Komödie muss klaglos laufen, das ist Handwerk – und viel Arbeit.
Reinhardt war auch ein Hasardeur,
hat aber immer Lebendigkeit, Tempo, Sinnlichkeit, Direktheit –
und vor allem Geschmack gehabt.
Sie wollen diesen Sommernachtstraum Max Reinhardt, dem großen jüdischen Theatermagier, widmen, der ab der Spielzeit 1923–1924 für „die Josefstadt“ verantwortlich war, warum?
I Weil uns dieser Theatermagier so unglaublich viel gegeben hat und letztendlich durch diesen schrecklichen Krieg verarmt in New York gestorben ist. Das habe ich relativ spät in meinem Leben erfahren. Das tue ich auch, weil Kunst von Können kommt und nicht von Kennen. Reinhardt war auch ein Hasardeur, hat aber immer Lebendigkeit, Tempo, Sinnlichkeit, Direktheit – und vor allem Geschmack gehabt. Just an der Josefstadt ist mir das ein Bedürfnis: Ich wünsche mir, dass ein kleines Quäntchen seines genialen Geistes in unsere Produktion fährt.
Regisseur Josef Köpplinger wurde 1964 in Niederösterreich geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien und absolvierte Seminare in New York und London. Neben der Ausbildung zum Pianisten wurde er 1988 als Spielleiter von Marietheres List an die Städtischen Bühnen Regensburg engagiert. Seine Regiekarriere führte ihn von Wien über Deutschland in die Schweiz, nach Frankreich, Italien, England, Amerika und Japan. Sein Repertoire umfasst alle Sparten von Schauspiel über Oper bis zu Operette und Musical.
2004–2007 war Köpplinger Schauspieldirektor am Theater in St. Gallen, anschließend fünf Jahre Intendant in Klagenfurt. Mit der Spielzeit 2012–2013 übernahm er die Intendanz des Münchner Gärtnerplatztheaters und inszenierte zahlreiche mit Preisen ausgezeichnete Uraufführungen, u. a. Friedrich Cerhas Oper Onkel Präsident, Leonard Bernsteins erstes Musical On the Town, Peter Turrinis Oper Schuberts Reise nach Atzenbrugg sowie die Oper Liliom der Bregenzerin Johanna Doderer, für deren Komposition er zudem als Librettist verantwortlich war
Seine preisgekrönten Inszenierungen waren an den Kammerspielen Berlin, am Volkstheater Wien, an der Opéra national du Rhin Strasbourg, an der Hamburgischen Staatsoper, der Volksoper Wien, am Théâtre du Capitole Toulouse, am Gran Teatre del Liceu Barcelona, an der Wiener Staatsoper, der Oper Bonn, dem Teatro del Maggio Musicale Fiorentino und der Semperoper Dresden zu sehen. Köpplingers mehrfach verlängerter Vertrag in München läuft bis 2030. Daneben verfolgt er eine internationale Gastdozententätigkeit.
Apropos Max Reinhardt und jüdisch: Sie sind 1964 in Hainburg an der Donau geboren, in Bruck an der Leitha aufgewachsen. Waren der Zweite Weltkrieg und die Shoah überhaupt noch Thema bei Ihrer Sozialisierung?
I Ja, in der Familie ganz klar. Mein Vater hat mir Einiges erzählt. Mein Opa war auch mutig in dieser Zeit: Er führte ein kleinstädtisches Kaffeehaus und versteckte gemeinsam mit drei Stadtbauern eine jüdische Familie im Keller. Papa erzählte mir, dass Opa als Warnung das Lied Lili Marleen laut aufgedreht hat, wenn die SS-Offiziere ins Pissoir gingen. Dann wurde das Kleinkind im Keller mit Chloroform betäubt, damit es weder weint noch schreit. Das muss schrecklich gewesen sein. Ich habe mit vierzehn wissen wollen, wie meine Familie damit umgegangen ist, aber sie haben mir keine Antwort gegeben. Nur meine Tante sagte: „Ich war jung und begeistertes BDM-Mädel: Meine Erkenntnisse nach dem Krieg waren so schlimm, dass ich meine ganze Existenz in Frage gestellt habe.“ Ich frage mich: Hat der Mensch keine Alarmgrenze, wo er weiß, was wirklich gut und wirklich böse ist? Hilft uns die innenwohnende Humanität gar nicht mehr in unserer verrückten Welt? Das zeigt Shakespeare so gut in der Gefühlswelt des Sommernachtstraums, und zwar, dass Politik und Emotion nicht trennbar sind.
Sie haben an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien studiert, schlossen hier Ihre Pianistenausbildung ab und sind mit 23 Jahren nach Regensburg engagiert worden. Obwohl Sie auch in Wien zahlreiche Karrierestationen absolvierten, an der Wiener Staatsoper, am Volkstheater, an der Volksoper, der Kammeroper sowie am Theater in der Josefstadt, waren Ihre Intendanzen – bis auf das Landestheater Klagenfurt von 2007 bis 2012 – immer im Ausland. Wollten Sie in Österreich kein Theater oder Oper leiten?
I Thomas Drozda, Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien von 2008-2016, hat mir das Ressort Musical im Theater an der Wien angeboten, da hatte ich aber bereits meinen Vertrag mit dem Gärtnerplatztheater unterschrieben. Ich bin da wahnsinnig glücklich. Wien? Ja, natürlich, da liegt meine Nabelschnur auf den Stehplätzen aller Theater verteilt. Was ich aber nie angewendet habe, ist Ellbogentechnik. Wenn man mich haben will, wird man mich wieder fragen.
Seit der Spielzeit 2012–2013 sind Sie Staatsintendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, derzeit läuft Ihr Vertrag bis 2030. Mit Luigi Pirandellos Zitat „Mit Leidenschaften ist nicht zu spaßen!“ präsentierten Sie Ihr Programm für die Spielzeit 2025–2026. Dabei erklären Sie, dass es die Aufgabe des international offenen, divers bunten Opernhauses sei, für Jung und Alt, vom Barock bis zur Uraufführung, von der klassischen Operette bis zum Musical, vom musikalischen Schauspiel bis zum zeitgenössischen Tanz alles anzubieten. Haben Sie in diesen 13 Jahren auch Stücke mit spezifisch jüdischen Themen angeboten?
IJa natürlich, wir sind europaweit das führende Haus in Uraufführungen. Wir haben u. a. Krásas Brundibár, Udo Zimmermanns Kammeroper Weiße Rose und Thomas Morses amerikanisch tönende Oper Frau Schindler uraufgeführt. Dabei geht es um die Ehefrau von Oskar Schindler, die auch ihre Ambivalenz hatte, aber trotzdem im Hintergrund jüdischen Menschen geholfen hat. Nur an einem Einzelschicksal kann man versuchen, dieses Elend, diese schrecklichen Unfassbarkeiten irgendwie verständlich zu machen.
Ich will das Publikum aber begeistern und überzeugen, jedoch nicht manipulieren.
Sie arbeiten seit 1990 international als freischaffender Regisseur für Oper, Operette, Musical und Schauspiel und feiern Publikumserfolge in all diesen Disziplinen. Üblicherweise werden Regisseure auf ein Fach, also entweder Sprech- oder Musiktheater reduziert. Sagte man nicht zu Ihnen: Entscheide dich?
Doch, das hat man mir oft gesagt, ich habe mich aber immer gewehrt gegen diese Einengung. Dass es anderswo offener zugeht betreff Spartenüberlappung, habe ich in New York und vor allem in London bei Seminaren gelernt. In Wien waren Susi Nicoletti, Lotte Ledl und Elfriede Ott meine Theatermütter, gelernt habe ich auch bei Karl-Heinz Hackl. Zeitweilig hatte ich Verträge als Sänger, Schauspieler oder Inspizient. Unverständlich finde ich allerdings, dass ein Theaterregisseur jederzeit große Oper machen darf, aber der erfahrene Opernregisseur dagegen kein Schauspiel. Seltsam, oder?! Was mich in meinem Werdegang die meiste Kraft gekostet hat, war durchzuhalten, dass man mich nicht schubladisiert. Ich musste lange gegen dieses Vorurteil kämpfen.

Regisseur Josef Köpplinger im Interview mit Marta S. Halpert. (Foto: Reinhard Engel)
Welche Veränderungen haben Sie wegen der jüngsten Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten erlebt? Welche Haltung haben Sie bezüglich des jüngsten Israel-Bashing, insbesondere der Linken, sowie der Boykotte jüdisch-israelischer Künstler in Europa eingenommen?
I Im Februar 2026 spielen wir die Oper Fürst Igor von Alexander Borodin; darin geht es um Minderheiten und Unterdrückung. Das ist leider sehr aktuell, egal in welchem Land das stattfindet. In meinem Haus gab es bezüglich des israelisch-palästinensischen Konfliktes keine Unstimmigkeiten. Wir haben auch ukrainisch- und russisch -jüdisch-stämmige Ensemblemitglieder, und die verstehen sich wunderbar. Das Theater als Mikrokosmos kann ja auch ein Ort sein, an dem das Unverständliche dieser verrückten Welt in eine Normalität zurückgeführt wird, als gutes Miteinander, um dann dem Publikum die Unwägbarkeiten aufzuzeigen. Allein dass wir funktionieren, müsste schon beweisen, wie wichtig Kunst und Kultur gegen diese Barbarei da draußen sind, und dazu hoffe ich etwas beitragen zu können.
Wie machen Sie das?
I Das größte Problem ist, dass Masse manipulierbar ist. Ich will das Publikum aber begeistern und überzeugen, jedoch nicht manipulieren. Ich sehe das Mitläufertum als das größte Übel an, und das passiert jetzt, wenn jemand uninformiert propalästinensisch ist, denn jeder Fanatismus endet in Fatalismus. Mir fehlt bei der ganzen Debatte die Herzensbildung. Ich, als Goj, auch wenn meine Ururgroßmutter jüdisch war, sehe das anders als ein Jude und oder eine Jüdin. Doch was wären Kunst und Kultur ohne das Jüdische, sie würden in ihrer Buntheit so nicht existieren – in keinerlei Hinsicht. Ich bin Künstler und habe politische Verantwortung: mein Bekenntnis zur Humanität.
Sie sind u. a. Gründer der St. Galler Autorentage mit renommierten Jurymitgliedern wie Joshua Sobol, Peter Turrini, Felix Mitterer. Um junge Talente im Alter von 18 bis 28 Jahren in Gesang, Tanz und Schauspiel zu fördern, haben Sie auch das MUT, einen europäisch ausgeschriebenen Wettbewerb für musikalisches Unterhaltungstheater, ausgelobt. Die europäische Vielfalt ist Ihnen wichtig?
I Ja, denn Länder wie Österreich und Deutschland mit ihrer faschistischen Vergangenheit haben eine klare Aufgabe: alles zu unterbinden, das an Antisemitismus oder Fremdenhass hochkommt. Das geht einfach nicht! Die Buntheit der Welt und ihre Farben muss man verstehen, und dass im Sinne von Befriedung und Kommunikation, egal, woher man kommt, egal, woran man glaubt, und egal, wen man liebt. Das ist ein weiter Weg, und der ist jetzt steiniger geworden als noch vor wenigen Jahren, inklusive des Antisemitismus. Daher möchte ich im Sinne Max Reinhardts „das Kind heimlich in die Tasche stecken“ und dem Publikum einen klugen, sinnlichen und poetischen Sommernachtstraum schenken.



















