Training für Start-ups

Benjamin Ruschin will mit Founders in Europe Gründerinnen und Gründern beim Aufbau ihrer neuen Firmen konkrete Hilfen geben. Erfahrung hat er mit seinem eigenen europaweit erfolgreichen Start-up WeAreDevelopers reichlich anzubieten.

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Benjamin Ruschin bietet einen dreimonatigen Start-up-Intensivkurs an. © Reinhard Engel

Im Sommer geht es los. Dann werden die ersten 30 Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer in das virtuelle Boot Camp von Benjamin Ruschin einrücken. Dort soll ihnen geschäftliches Rüstzeug mitgegeben werden, damit sie ihre Start-ups aus den Köpfen gewinnbringend auf die Märkte bringen. Es gibt ähnliche Konstruktionen bereits in den USA, in Österreich einstweilen noch nicht.
„200 strukturierte Interviews haben wir bisher geführt“, erzählt Ruschin, „mit erfolgreichen und gescheiterten Gründerinnen und Gründern, mit solchen, die mitten im Geschehen stehen, und natürlich auch mit Investoren“. Die solide Vorbereitung soll dazu dienen, „das perfekte Curriculum zusammenzustellen, das den Gründern und Gründerinnen die notwendigen Skills vermittelt, um in ihrer ganz frühen Phase erfolgreich zu sein“.
Worum geht es dabei? Ruschin erläutert: „Fast alle Befragten sagen, es hat ihnen an wichtigen Sparring-Partnern gefehlt, die sie, wenn nötig, in die Schranken weisen, ihnen helfen, den richtigen Weg zu finden.“ Und dann fehle es auch oft am vitalen Austausch mit anderen Start-ups: Haben sie ähnliche Probleme? Wie sind sie diese angegangen? Wie findet man aus schwierigen Phasen und tiefen Löchern wieder heraus?
Im Curriculum des dreimonatigen Start-up-Intensivkurses, der europaweit ausgeschrieben wird und auf Englisch abläuft, sind folgende Punkte enthalten: Es geht um People & Leadership, Go-to-Market, Sales, Product & Marketing. Laut Ruschin, der das Unternehmen gemeinsam mit dem Techniker Michael Ionita gegründet hat, sind für Start-ups in kürzester Zeit parallel so viele offene Baustellen zu bearbeiten, dass dabei nur ein strukturiertes und planvolles Vorgehen hilft.
Founders in Europe hat pro Kurs jeweils zwei Phasen vorgesehen, wegen Corona und auch wegen der internationalen Ausrichtung findet alles online statt: Erst einmal gibt es eine E-Learning-Plattform mit kurzen Videos zu Schlüsselthemen. Dabei kommen immer wieder Expert*innen zu Wort. „Man muss etwa den Vertrieb mit einem kompetenten Vertriebsleiter von oben her aufbauen, und der oder die muss auch bereit sein, sich in der Anfangsphase die Hände schmutzig zu machen“, gibt Ruschin ein Beispiel. Es gibt bei Start-ups am Anfang kaum fixen Strukturen, Vertriebler, die in großen, eingespielten Organisationen gute Leistungen bringen, könnten hier völlig fehl am Platz sein. Und auch das Rekrutieren unter Zeitdruck bei Bekannten oder im Familienkreis kann sich rasch als Fehler herausstellen. „Wenn man sechs Monate verloren hat, fehlen einem natürlich auch die da erzielbar gewesenen Umsätze für andere Aufgaben wie Produktentwicklung oder Marketing“, weiß Ruschin.

Fast alle Befragten sagen, es hat ihnen an wichtigen Sparring-Partnern gefehlt, die sie, wenn nötig, in die Schranken weisen, ihnen helfen, den richtigen Weg zu finden.
Benjamin Ruschin

Ein zweites Schlüsselelement sind wöchentliche, moderierte Live-Learning-Sessions online unter den Start-ups. Dabei können die Teilnehmer*innen alle drängenden Fragen stellen und bekommen rasch kompetente Antworten: „Wie finde ich einen Chief Technology Officer? Welche Incentives muss ich ihm oder ihr bieten? Wie teste ich den Product-Market-Fit, hat also meine Produktidee überhaupt realistische Chancen, Umsätze und Erträge zu erwirtschaften? Da sind oft harte Herausforderungen am Anfang besser als spätere teure Misserfolge.
Die teilnehmenden Unternehmen kommen aus ganz Europa und den unterschiedlichsten Branchen. Gemeinsam ist ihren Konzepten, dass diese skalierbar sind, also ihr Produktangebot via Web vervielfältigen können. Einzelgründungen von analogen Unternehmen kommen nicht in Frage. Die Interessierten müssen einen mittleren einstelligen Tausend-Euro-Betrag als Gebühr zahlen. Ruschin: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert.“ Aber abgesehen vom Know-how-Gewinn lockt am Ende auch die Karotte echten Beteiligungskapitals. „Man kann das sehen wie ein Lehrer, der seine Klasse genau beobachtet: Wer sind die Engagiertesten? Wer stellt die spannendsten Fragen? Wer hat den Biss, auch durchzuhalten?“
An den zehn besten teilnehmenden Start-ups will sich Ruschin mit eigenem Geld und mit Geld von weiteren Investor*innen beteiligen, gegen die Abgabe von Anteilen. Dabei geht es um fünf bis 15 Prozent der Firmen für Pre-Seed-Kapital von etwa 100.000 Euro. „Damit kommt man natürlich nicht weit“, weiß Ruschin aus eigener Erfahrung, „aber ein halbes oder dreiviertel Jahr kann man das Produkt entwickeln und sich auf den Marktstart vorbereiten.“ Bei der darauffolgenden Seed-Runde fließen dann schon siebenstellige Beträge.
Für Investor*innen in Start-ups, die ihr Risikokapital auf eine Reihe von Jungunternehmen aufteilen, sieht Ruschin bei seinem Modell einen großen Vorteil. Sie müssen nicht, wie vielfach üblich, aus dem Bauch heraus entscheiden, wenn ihnen ein Gründer oder eine Gründerin in guter Tagesverfassung ein Projekt besonders schmackhaft macht. Er oder sie könnte sich dann als Blender*in herausstellen. Die drei Monate genauer Beobachtung sollten hier ein nützlicher Filter sein. Und auch die spätere begleitende Kontrolle, die notwendigen Gesellschafterversammlungen bei den Start-ups, kann in der Folge sein Fonds übernehmen und dort die Investoren vertreten.
Ruschin hat mit der Firma WeAreDevelopers ein eigenes Start-up vorzuweisen, das 2015 gegründet wurde und inzwischen 50 Mitarbeiter in Wien, Berlin und Sarajevo zählt. Der Kernmarkt ist Deutschland, der Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung von Programmierern, Angestellten wie Freelancern. Dazu wurden auch Entwicklerkongresse mit tausenden Besuchern abgehalten, in Wien wie auch in Berlin.
Die Kongresse sind seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie ins Web abgewandert. Und nach kräftigen Einbrüchen bei den Umsätzen im Vorjahr hat sich die Lage wieder stabilisiert wenn auch je nach Branchen sehr unterschiedlich. Zuletzt konnte WeAreDevelopers etwa einen riesigen Auftrag mit 1.500 Entwicklern für das schwedische Malmö abschließen. Namen darf Ruschin keinen nennen, aber allzu viele international agierende schwedische Konzerne mit derartigem Softwarebedarf gibt es nicht.
Ruschin wurde 1986 in München geboren. Seine Mutter stammt aus Wien, sein Vater kam als Sohn deutscher Emigranten in Chile zur Welt. Er studierte Betriebswirtschaft in England, zuerst in Leeds, dann in Coventry an der University of Warwick. Seine Master-Arbeit befasste sich mit Konzernmanagement und Bereitschaft für technologische Veränderungsprozesse. Darin analysierte er, wie IBM innerhalb der riesigen Organisation ganz gezielt ein Umfeld für neue Ideen und neue Produkte schuf und damit für ein Weltunternehmen relativ flexibel und offen für Veränderung blieb. Es folgte ein Praktikum in der Schweizer Großbank UBS, bei dem es um ähnliche Themen, etwa den Einsatz digitaler Technologien, speziell von Virtual Reality, für Trainings und Schulungen auf mehreren Kontinenten ging. 2008 zog Ruschin nach Wien und begann im Internet-Start-up Yasssu als Assistent der Geschäftsführung zu arbeiten. Die Firma überlebte zwar nicht, aber er sammelte wertvolle Erfahrungen. Es folgten weitere Jobs in IT, Digital-Marketing und Werbung, schließlich der Entschluss, sich gemeinsam mit Kollegen selbstständig zu machen. Vor einigen Monaten konnte Ruschin den langjährigen Österreich-Chef der Jobbörse StepStone aus der Springer-Gruppe, Rudi Bauer, engagieren. Dieser wird ihn als Geschäftsführer ersetzen und damit für die Aufgaben bei Founders in Europe freispielen.
Privat ist Ruschin mit der israelischen Sopranistin Hila Fahima verheiratet, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Der Kindersitz hat also auch im Auto des Start-up-Coaches seinen festen Platz.

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