Der Frauenpower von drei Künstlerinnen ist es zu danken, dass ihre wertvollen und berührenden Arbeiten zum Massaker vom 7. Oktober 2023, aber auch ihre unterschiedlichen Perspektiven auf dieses Trauma, jetzt in Wien zu sehen sind. Unter dem Titel Kunst. Tod. Trauer. Leben versuchen Cecilia Gallardo, Dvora Barzilai und Efrat Silberhaft auf sehr persönliche Art das Negative, Traurige, Schwere – also, für all das wo es keine Worte mehr gibt – in Kreativität zu verwandeln.
Doch ohne Heidi Behn, der österreichisch-chilenischen Autorin, die u.a. ein Buch über die Begegnungen mit Shoa-Überlebenden in Wien, Santiago und Haifa geschrieben hat, wäre das nicht gelungen. Sie kannte die chilenische Kunstlehrerin, Cecilia Gallardo, die den Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 in ihrem Kibbutz Nahal Oz überlebte. „Ich kam mit meinem Mann und drei kleinen Kindern 1993 aus Chile direkt in diesen Kibbutz, der zu unser aller Heimat wurde“, erzählt Cecilia in der VHS-Hietzing, wo ihre Bilder und Skulpturen noch bis 30. Oktober zu sehen sind.
1960 in Santiago geboren, absolvierte Cecilia ihre Studien noch in Chile, und komplettierte diese dann vier Jahre lang am Sapir College in Israel. Bis 2023 hatte Cecilia bereits zahlreiche Ausstellung in ganz Israel, Spanien und Italien. Sie nennt es ein Wunder, dass ihr Sohn und die Tochter mit ihren kinderreichen Familien wegen Sukkoth Urlaub machten und daher nicht im Kibbutz waren. „Der Hund meines Sohnes hat mir das Leben gerettet,“ lacht Cecilia mit Tränen in den Augen. Um diesen zu versorgen, war sie in das Nachbarhaus gegangen, und als die Raketen niedergingen, ihre Kinder sie vom Eindringen der Terroristen über WhatsApp informierten, schloß sie sich gleich dort im moderneren Schutzraum ein. „Von 6:30 in der Früh bis drei Uhr nachmittags war ich dort allein, die Hündin verhielt sich ganz still – und die Terroristen scheiterten an meiner Schutztür, gelangten aber ganz ungestört in mein Haus.“

Dass Cecilias Schwester in Chile trotz Zeitunterschied schon früh Bescheid wußte, sie auch kontaktierte, aber die Armee trotzdem stundenlang nicht zu Hilfe kam, beschäftigt sie bis heute. Mit wässrigen Augen erzählt Cecilia von den Leichen ihrer langjährigen Nachbarn, die sie teils ohne Beine und Hände vor ihrer Haustür vorfand, als sie endlich befreit wurde. Dieses Alleinsein wurde zum Hauptmotiv ihrer in Wien ausgestellten Werke, die sie erst vor acht Monaten zu malen begann. „Ich bin seit zwei Jahren ein Flüchtling im eigenen Land, ich habe alles verloren und habe mit 66 Jahren kein Zuhause mehr. Ich wohnte in diversen Unterkünften, bis ich mir eine kleine Studentenwohnung mietet, wo ich arbeiten kann.“ Sie werde nie mehr nach Nahal Oz zurückkehren: „Wollen Sie in einem Haus wohnen, wo es sich die Hamas-Mörder gemütlich gemacht und Kaffee getrunken haben?“ Mit ihren Bildern fährt Cecilia von Wien nach Chile, wo diese auch präsentiert werden.
In Wien wandte sich Heidi Behn an die israelische Künstlerin Dvora Barzilai, deren Werke sie schon in ganz Österreich gesehen hatte. „Wir waren am Shabbat und Simchat-Tora im Wiener Stadttempel, als plötzlich über einen schlimmen Angriff gewispert wurde, aber wir kannten das Ausmaß der Katastrophe noch nicht,“ erinnert sich Dvora, die mit Oberkantor Shmuel Barzilai verheiratet ist. „Meine Tochter Efrat, ihr Mann und ihre Kinder waren aus Israel zu Besuch. Mein Schwiegersohn, der bei den Golani-Brigaden dient, erhielt den Einberufungsbefehl und sie kehrten auf abenteuerlichem Weg nach Israel zurück.“

Ab diesem Moment hatte sie das Gefühl der Unsicherheit und fühlte sich als „wäre der Himmel für sie verschlossen“, denn sie konnte nicht zu ihren drei erwachsenen Kindern nach Israel fliegen. „Das alles erfüllte mich mit Angst, Wut und Schmerz. Ich begann, Bären und Kängurus zu malen – inspiriert von den ermordeten und entführten Kindern – und klebte die Bilder an die Fenster der Synagoge.“ Als die israelische Flagge, die am Eingang zum Gemeindezentrum aus Solidarität angebracht war, zerrissen wurde, beschlossen Dvora und Shmuel Gedenkkerzen zu kaufen und jeden Tag in die Fenster zu stellen. „Ich bat meine Schüler und alle, die vorbeikamen, eine Kerze anzuzünden. Mit der Zeit übernahm die Gemeinde diese Aufgabe“, so die Künstlerin, deren Gedenk-Skulpturen in mehreren Städten in Österreich zu bewundern sind, und deren Malerei bereits weltweit ausgestellt wurden.
„Nach den Berichten über die schrecklichen Vergewaltigungen und unfassbar brutalen Morde, begann ich abstrakte Porträts sowohl von den Getöteten, als auch – auf wundersame Weise – Überlebenden zu malen. Inspiriert von Yuval Raphael, einer der Nova-Überlebenden, die am Eurovisions Contest erfolgreich teilnahm, malte ich das Bild „Viele Wasser“ aus dem Hohelied Salomons (Shira Ha’shirim). Barzilai liebt es besonders starke Frauen aus der Thora auf ihren Bildern zu zitieren, um ihnen so eine Stimme zu geben. Da sie selbst bibelfest ist und das Judentum in einer modern-orthodoxen Form lebt, verbindet sie in ihrer Kunst das Religiöse mit dem Weltlichen.

„Ein weiteres Werk mit dem Titel „Der rote Faden“ (Chut Haschani) entstand in Erinnerung an Shani Gabay, die beim Nova-Festival ermordet wurde: Sie arbeitete als Barkeeperin bei unserem Sohn Yair in Tel Aviv. (Siehe Bild mit Dvora Barzilai).“ Die vielseitige Künstlerin malte laufend unter dem Eindruck der individuell berichteten Gräueltaten, aber auch der berührenden Lebensgeschichten im israelischen Fernsehen. „Einige Jugendliche hatten sich in einen Magen-David-Adom-Rettungswagen geflüchtet – bis sie die Mörder den Wagen mit ihnen in Brand steckten,“so Barzilai.
Die dritte Frau in der Ausstellungsrunde ist hauptberuflich Produktdesignerin in einem großen Cybersecurity Unternehmen: „Ich bin Mutter von drei kleinen Kindern, und mein Mann war bereits fünf Mal als Reservist in diesem Krieg im Einsatz,“ erzählt Efrat Silberhaft, „wir leben diese Realität jeden Tag: Wir funktionieren wie Maschinen, aber wir vergessen nicht.“ Efrat begann mit schwarzer Tinte in minimalistischen Stil zu zeichnen, eine künstlerische Ader hat sie geerbt: Sie ist die Tochter von Dvora und Shmuel Barzilai. Sie zeichnete Szenen des Alltags bestehend aus Liebe, Sorge, Glauben und nationaler Identität. Ihre Figuren sind zart, fragil und zeugen von tiefer Emotion. Was aus einem inneren, persönlichen Bedürfnis entstand, wuchs zu einem Debütbuch voller Motive der Resilienz. Silberhaft wohnt in Ra’anana in Zentral-Israel und schenkt die Einkünfte aus Ihren Zeichnungen und ihren Buchverkäufen der Vereinigung der Witwen und Waisen dieses letzten Krieges.




















