Treffen in Sunday School

Für manche Eltern kommen die jüdischen Schulen aus religiösen oder aus halachischen Gründen nicht in Frage. Dennoch wollen sie ihren Kindern ein bisschen Jüdischkeit, vor allem aber Iwrit vermitteln. Am JIFE am Praterstern wurde nun ein passendes Angebot geschaffen: eine Sunday School, in der Iwrit gesprochen und israelische Kultur vermittelt wird.

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© Daniel Shaked

In der „Gan”-Gruppe singen die Kleinsten ein Lied. Sie haben es schon öfter gesungen, das hört man, sie kennen den Text und sind mit Begeisterung dabei, manche lautstark, manche leise, so wie es eben ist, wenn Mädchen und Buben in Krippen- und Kindergartenalter miteinander musizieren. Gesprochen wird hier vorrangig Iwrit, doch die Pädagogin übersetzt alles auch ins Deutsche, sodass auch die Kinder, die noch nicht so gut Hebräisch sprechen, alles verstehen.

Sie macht das beiläufig, wiederholt es einfach einmal in der einen, einmal in der anderen Sprache, so ist es spielerisch – und gelebte Zweisprachigkeit, wie sie das Gros der Kinder, die hier sonntags zusammenkommen, auch von zu Hause kennt. Später wird gebastelt, an diesem Sonntag im Dezember Chanukkiot, denn das Lichterfest steht vor der Türe. Die Kinder bemalen winzig kleine Teekännchen, die dann, auf ein Holzbrett geklebt, einen Chanukkaleuchter bilden. Bei den Mädchen, die in dieser Gruppe klar in der Mehrheit sind, sind Pink und Lila die beliebtesten Farben. Aber auch eine blaue Chanukkia entsteht.

Die „Aleph Beth“-Gruppe schreibt inzwischen hebräische Buchstaben. Währenddessen werfen die beiden Lehrerinnen Fragen in die Runde, an diesem Tag haben sie mit Chanukka zu tun. Hier lernen Kinder im Volksschulalter, Iwrit zu schreiben und zu lesen, dazwischen gibt es Musik und Spiele, an diesem Tag bietet sich das Dreidel-Spiel an. Einer der Buben fängt allerdings, noch bevor sich der Kreisel zum ersten Mal gedreht hat, schon an, seine Schokolademünzen aufzuessen. Es wird gelacht, gezeichnet, gescherzt. Während das einzige Mädchen in dieser Gruppe damit beschäftigt ist, Buchstaben besonders schön zu gestalten, schreiben zwei Buben um die Wette lange Zahlen an die Tafel. Auch darüber kann man auf Iwrit sprechen.

Die Sunday School hat sich auch als Treffpunkt
von Müttern und Vätern mit ähnlichen Lebensentwürfen entwickelt.

Hebräisch und israelische Kultur stehen in dieser Sunday School im Mittelpunkt – das soll auch bei den Älteren, den ab Zehnjährigen, für die es künftig auch eine Gruppe geben wird, so sein. „Das heißt nicht, dass wir nicht auch über die jüdischen Feiertage sprechen”, betont JIFE-Leiterin Julie Handman, „aber wir machen das aus einem säkularen Blickwinkel.” Sie selbst hätte gerne für ihre beiden Söhne, die heute ein öffentliches Gymnasium besuchen, ein solches Angebot gehabt, als sie noch kleiner waren. In Gesprächen mit anderen Eltern spürte sie, dass es hier durchaus größere Nachfrage gäbe – vor allem seitens Israelis, die in Wien leben, oder aber gemischter österreichisch-israelischer Paare.

Basteln, singen, spielen, malen:
Die Kinder lernen spielerisch und leicht jüdische
Kultur und Sprache kennen. © Daniel Shaked

Während die Kinder in den Kursräumen mit Singen, Schreiben, Spielen beschäftigt sind, tratschen die Eltern im Vorraum. Damit hat sich die Sunday School auch als Treffpunkt von Müttern und Vätern mit ähnlichen Lebensentwürfen entwickelt: Sie schicken ihre Kinder meist in deutschsprachige Kindergärten und öffentliche Schulen, sie wollen, dass sie in der hiesigen Kultur zu Hause sind, wozu auch Eier suchen zu Ostern und Schokoladennikolos im Dezember gehören. Sie wollen ihnen aber eben auch israelische Kultur, jüdische Feste und vor allem Iwrit vermitteln, und das nicht nur zu Hause, sondern mit gleichgesinnten Gleichaltrigen. „Mein Kind besucht eine öffentliche Schule”, erzählt ein Vater, „eine jüdische Schule ist eine Blase, zu geschlossen”, so seine Empfindung, „und mir außerdem zu orthodox”. Er bedauert, dass es in Wien keine israelische Schule gibt. Er und seine Frau, er ist Israeli, sie Österreicherin, sind daher froh, dass mit der Sunday School am JIFE nun ein Angebot geschaffen wurde. „Wir möchten, dass unsere Kinder Iwrit auch lesen und schreiben. Das lernen sie hier.”

 

Ähnliches erzählt ein anderer Vater, der ebenfalls Israeli ist und seit 25 Jahren in Österreich lebt. In der Familie werde Deutsch und Hebräisch gesprochen. In der Sunday School lernen seine Kinder einerseits, Iwrit auch zu lesen und zu schreiben. Andererseits kommen sie hier aber einmal in der Woche mit anderen Kindern, die ähnlich leben, zusammen. „Für uns ist die Sprache so wichtig, auch weil wir viele Verwandte in Israel haben.” Eine Mutter zweier Mädchen im Kleinkind- beziehungsweise Vorschulalter pflichtet ihm bei: „Mir geht es hier um säkulare israelische Kultur und Sprache.” Religiöse Angebote gäbe es in Wien bereits länger, und die nutze sie auch, etwa bei Chabad.

Dass Kinder, die in die Sunday School kommen, bereits Iwrit beherrschen, ist keine Voraussetzung, betont Handman, bei den meisten sei dies aber der Fall. Jene drei Kinder, die aktuell nur wenig Iwrit sprechen, nimmt sie, etwa wenn von den Pädagoginnen eine Geschichte erzählt wird, beiseite und bringt ihnen Basics bei, wie Körperteile, Farben, das Zählen. Beim Spielen und Singen seien sie aber voll dabei. Das klappe sehr gut – wahrscheinlich aber auch nur deshalb, weil sich Handman hier auch selbst jeden Sonntag einbringt. Die Sunday School ist der JIFE-Leiterin ein großes Anliegen. Und das spürt man auch.

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