Über dem Titel des Buches des österreichischen Neurologen und Psychiaters, erschienen in einem Verlag des Bertelsmann Konzerns, prangt ein kreisrundes Insert: „Mit einem Vorwort von Ariadne von Schirach.“
Von Schirach geht in ihrem Essay der Frage des geglückten (Zusammen)Lebens vor dem Hintergrund von menschengemachtem Dunkel, von Klimakatastrophe, Krieg, Ungleichheit, globalem Rechtsruck, Antisemitismus, Fremden- und Minderheitenfeindlichkeit nach. Neben Bezugnahme auf Frankls Denken verweist sie in ihren Reflexionen in Sachen Menschsein, Sinnstiftung und irdisches Glück auf philosophische All-time-Favoriten wie Epikur, Seneca und Kierkegaard.
Die Autorin stellt – in Bezug auf die zwei Männer, deren Leben und Handeln in diesem Band durch ihren, den Ausführungen von Frankl vorangestellten Beitrag kontextuell aufeinandertreffen – fest: „Doch es ist zugleich fast unerträglich, was ihm [Frankl, Anm.] und so vielen anderen geschieht. Es ficht an, es berührt, es trifft im Innersten. Diesen Schmerz können alle empfinden, aber mein eigener Schmerz hat einen doppelten Boden. Denn es war mein Großvater Baldur von Schirach, der von 1940 bis Kriegsende Gauleiter von Wien war und dort auch die Deportationen verantwortete. Was soll ich da fühlen?“ Und weiter schreibt sie: „Mein lieber Frankl, der mir so viel bedeutet, der mir Leitstern ist und Trost, Vorbild und Begleiter, und es ist mein eigener Großvater, der ihm dieses unermessliche Leid angetan hat, ihm und so vielen anderen. Ich fühle Scham, Entsetzen, Traurigkeit. Und Verantwortung, verstanden durchaus in Frankls Sinne: die Notwendigkeit, auf diese Dinge selbst zu antworten.“
Und dies tut sie, in Setzungen zwischen philosophischen Referenzen, persönlicher Betroffenheit und Lebensweisheit sowie in mitunter salopp-jovialem Plauderton. So merkt die Autorin in Bezug auf ihren Großvater an: „Er machte den Wienern weis, ihre ,Kultur‘ sei so einzigartig, dass man sie unbedingt ,reinhalten‘ müsse. Oh boy.“
Ihr Großvater sei gestorben, bevor sie geboren wurde, aber sie habe seine Nase. Und sie dichte gerne, wie er auch. „Mein Großvater war kein Gentleman-Nazi. Er war ein schäbiger Antisemit, ein Menschenfänger und ein Mörder“ und: „Baldur hatte ein Händchen für Marketing“, schreibt die Philosophin und Dichterin.
„Als Menschen müssen wir lernen und die
verzweifelten Menschen lehren, dass es nie
und nimmer darauf ankommt, was wir
vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr
lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!“
(Viktor Frankl)
Unvermittelt taucht die Nachkriegsfigur des „Gentleman- Nazi“ auf, ohne Anführungszeichen, ohne Hinterfragung; befremdlich. Als wäre dieser ein akzeptabler Gegenpol zum antisemitischen Faschisten. Und apropos Marketing: Ist die Platzierung des Essays, die Zusammenführung der Polaritäten als eine Geste der Versöhnlichkeit zu lesen, als ein – in dieser Form noch nicht dagewesener – intergenerationaler Brückenschlag in der gemeinsamen Überwindung des Menschenverachtenden? Oder handelt es sich um einen eher fragwürdigen Marketingzug des Verlags, Namedropping als gezielte Maßnahme zur Aufmerksamkeitsgenerierung für einen Bestseller der (Post-) Holocaust-Literatur?
„Zeit, bewusst zu leben. Zeit für Frankl“, verkündet von Schirach. Ganz so als handelte es sich bei Frankl um eine Tasse Tee, vermarktet als Self Care- und Wellbeing-Produkt.
Was würde Viktor Frankl wohl von diesem einleitenden Text halten, welche Worte fände er für diese Kontextualisierung seiner Schriften, diesen postumen Paratext?
Was als Vorwort in dieser Publikation Form angenommen hat, ist – bei aller (persönlicher) Irritation – ein Plädoyer für das bewusste Leben und Handeln im Jetzt, für den Geist und eine Überwindung der Selbstsucht, für notwendige Perspektivenwechsel, den Gemeinsinn, die Liebe, verfasst in bester Absicht. Von einer Nachkommenden für Nachkommende – und künftige Generationen. Möge der Band Frankl eine neue, interessierte Leserschaft bescheren und dazu beitragen, Bewusstsein für die Verantwortung des Handelns jedes:r Einzelnen zu schaffen und Potenziale der Entfaltung des Lebens zu erschließen.





















