Über eine Ikone

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Die haGalil-Redakteurin Andrea Livnat widmet sich in ihrem Buch Der Prophet des Staates dem Andenken an Theodor Herzl. WINA wollte von ihr wissen, wie sie die Erinnerungskultur in Israel bewertet. Von Alexia Weiss

wina: Sie kommen in Ihrem Buch zum Schluss, dass Israel, um die Erinnerung an Herzl nicht nur wach, sondern auch für die Gegenwart relevant zu halten, andere Formen des Gedenkens finden muss. Was stört Sie aktuell?

Andrea Livnat: Die Erinnerung an Herzl ist seit der Staatsgründung in bestimmten Slogans gefangen. Man kann es reduzieren auf den berühmten Satz: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.“ Natürlich ist das ein herrlicher Ausspruch, aber die Geschichte ist doch viel komplizierter. Außerdem ist das Gedenken an Herzl immer an die israelische Realität gekoppelt, wobei nur die angenehmen Aspekte seiner Vision übernommen werden. Es gibt aber doch viel, was den Vorstellungen Herzls ganz und gar nicht entspricht.

„Im Falle Herzls wurden einige aus zionistischer Sicht ‚unrühmliche‘ Kapitel aus seinem Leben dem Vergessen übergeben.“

wina: Woran denken Sie hier?

AL: Zum Beispiel an Herzls Konzept für den Status von Jerusalem, aber auch seine Ablehnung von Militär und Religion im Bereich der Politik.

wina: Nicht nur positiv wurde das Vermittlungskonzept des 2005 eröffneten neuen Herzl-Museums medial beurteilt. Sie versuchen einen differenzierten Blick. Was überwiegt: das schlechte Bauchgefühl oder das Anerkennen, dass hier eine Tür zur Jugend geöffnet wurde?

AL: Das schlechte Bauchgefühl, eindeutig. Es geht mir dabei nicht darum, den Einsatz von Multimedia zu kritisieren. Es ist schon klar, dass man insbesondere Jugendliche dadurch für etwas begeistern kann. Wenn von vier Seiten Bildschirme flimmern und der Besucher sich hin- und herdrehen muss, um der „Show“ zu folgen, dann kommt nicht so schnell Langeweile auf. Aber wieso muss man die Vermittlung in eine Soap-Opera-Rahmengeschichte packen? Es geht nicht um die Vermittlung von Geschichte, sondern darum, die Besucher emotional anzusprechen. Ich halte das für sehr problematisch, da es auf Kosten der Wahrheit geht.

wina: Welchen Umgang mit dem Andenken an Herzl würden Sie sich wünschen?

AL: Vor allem einen ehrlichen. Im Falle Herzls wurden einige aus zionistischer Sicht „unrühmliche“ Kapitel aus seinem Leben dem Vergessen übergeben, wie zum Beispiel seine ersten Überlegungen, die „Judenfrage“ per Duell oder Massenkonversion zu lösen. In Israel ist Herzl unter seinem hebräischen Vornamen Binjamin Seew bekannt, die Tatsache, dass er aus einem assimiliertem, deutsch sprechendem Haus stammte und fest in der deutschen Kultur verankert war, wurde lange Zeit verschwiegen.

wina: Ist Herzl in der heutigen israelischen Gesellschaft nur identitätsstiftend – oder birgt seine Person auch immer noch Konfliktstoff?

AL: Der Konsens ist nur in der breiten Öffentlichkeit vorhanden. Die Konkurrenz um die „richtige“ Erinnerung ist noch immer da und in gewisser Weise vielleicht sogar schärfer, weil ideologisch aufgeladen. Das Andenken wird von rechten und linken Positionen, die einander konträr gegenüberstehen, als Argumentationsgrundlage instrumentalisiert. Im Zentrum stehen dabei die Aussagen „Herzl wollte einen jüdischen Staat“ versus „Herzl wollte einen Staat für Juden“.

Wie erinnert man sich in Israel an Herzl?

Das Bild Theodor Herzls ist in Israel allgegenwärtig – und dennoch wissen viele Jugendliche nicht, womit genau sie den Begründer des politischen Zionismus in Zusammenhang bringen sollen. War er der erste Vorsitzende der Jewish Agency? Oder der erste Ministerpräsident? In „Der Prophet des Staates“ zeichnet die „haGalil“-Redakteurin Andrea Livnat nach, wie sich die Erinnerung an Herzl über die Jahrzehnte verändert hat. Wer Interesse an der israelischen Gesellschaft hat, findet hier aufschlussreiche Lektüre. Und merkt: Erinnerungskultur ist niemals statisch und oft umstritten.

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