Das Datum war nicht zufällig gewählt: Am heutigen Internationalen Holocaust-Gedenktag eröffnet das Jüdische Museum Wien (JMW) auf seinem Standort Judenplatz die Ausstellung „Alles vergessen“. Gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Hohenems kuratiert, wo die Schau im Anschluss ebenfalls zu sehen sein wird, schließt „Alles vergessen“ zahlreiche Denkräume zum Thema auf. Erinnern heißt auch: dem Vergessen zu entreißen. So manches in der Ausstellung gezeigte Objekt zeigt auf, wie eng die beiden Prozesse miteinander verknüpft sind.

Zwei Tafeln, untereinander angebracht, zeigen auf, wie mit Erinnerung das Vergessen erreicht werden soll – und das in diesem Fall auch noch mit einem besonderen unfreiwilligen Twist für all jene, die mit der Purim-Geschichte vertraut sind. Die ältere der beiden wurde in den 1950er Jahren am heutigen Jüdischen Museum Hohenems angebracht: „Feuerwehr-Gerätehaus u. Säuglingsfürsorge, erbaut 1954/55, Planung: Gemeindebauamt, Baumeister Hammer, Bürgermeister H. Amann“. Die jüngere verweist auf die Vorgeschichte des Baus: „Dieses Gebäude war bis 1938 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Hohenems. Niemals vergessen.“

Mit Erinnerung vergessen. (c) JMW

Speaking of Purim: Das Nicht-Aussprechens des Namens von Hamann bei der Lesung der Megillah in der Synagoge macht ihn von Generation zu Generation erst recht bekannt. Jedes Kind freut sich schon, dass es dann, wenn von Haman die Rede ist, Krach machen kann, mit einer Ratsche, durch Stampfen, durch Klopfen.

„Ohne dass man vergisst, kann man gar nichts erinnern“, betonte Hanno Loewy, scheidender Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, bei der Presseführung durch die neue Ausstellung. Denn, so Loewy: jede Erinnerung überschreibe etwas. Das Judentum werde meist mit dem Erinnern verbunden, sagte die Direktorin des Jüdischen Museums Wien, Barbara Staudinger. Festgemacht werde das etwa an der Jahrzeit, aber auch am Gedenken für die Opfer der Schoah. Dass es im Judentum aber auch das institutionalisierte Vergessen gebe, werde nicht erinnert.

Eine Spielart ist hier der Bann (Cherem). Mit diesem werden Personen, denen vorgeworfen wird, dem Judentum zu schaden, aus der Gemeinde ausgeschlossen. Einen Bann ereilte im 17. Jahrhundert Baruch de Spinoza, der in seinen Schriften die menschliche Vernunft über den göttlichen Willen stellte. Spinoza wuchs in Amsterdam als Sohn portugiesischer Juden auf und war Mitglied der sefardischen Gemeinde. Doch diese schloss ihn 1656 aus – der Cherem ist nun in Wien ausgestellt.

Nicht alle ausgestellten Objekte haben einen vordergründig jüdischen Bezug – es ging den Kuratorinnen Daniela Pscheiden (Wien) und Dinah Ehrenfreund-Michler (Hohenems) darum, das Thema aus den verschiedensten Perspektiven einzufangen. Da ist etwa die Selbstporträt-Serie des US-amerikanischen Malers William Untermohlen. 1995 erhielt er die Diagnose Alzheimer und beschloss, den Krankheitsprozess an Hand von Selbstporträts darzustellen. So entstanden über fünf Jahre Porträts – die das Verschwinden dokumentieren. Die letzte Darstellung ist eine Bleistiftzeichnung auf Papier, der Kopf nur mehr ein diffuses Oval.

Da ist aber auch ein anderes Gemälde – eine Übermalung, allerdings nichts des jüngst verstorbenen Arnulf Rainer. Übermalt wurde vielmehr ein in einem Wiener Geschäft in der NS-Zeit aufgehängten Adolf Hitler-Porträts. Überliefert ist, dass dieses vom Schwiegersohn des Geschäftsinhabers, der 21jährig versehrt kurz vor der Kapitulation des NS-Regimes 1945 nach Wien kam, kurzerhand in ein Andreas Hofer-Porträt umgestaltet wurde. Ob dies ein Akt des Widerstandes, Ausdruck des Wunsches nach Auslöschung Hitlers, die Sehnsucht nach Freiheit oder einfach eine pragmatische Entscheidung war, lasse sich heute nicht mehr rekonstruieren, so die Kuratorinnen.

Stichwort NS-Zeit: hier wartet die Schau mit weiteren Bezügen auf. Zu sehen ist etwa das Wehrstammbuch Kurt Waldheims. In seiner 1985 veröffentlichten Biografie hatte er mehrere Dinge „vergessen“ anzuführen: den Einsatz am Balkan, wo er Kenntnis von Kriegsverbrechen gehabt haben musste, seine Mitgliedschaft beim NS-Studentenbund und bei einer Reiterstandarte der SA. Zu sehen ist aber auch die Videoarbeit „Nacht und Nebel“ des deutsch-israelischen Künstlers Dani Gal, die sich mit der Verstreuung von Adolf Eichmanns Asche in internationalen Gewässern des Mittelmeeres auseinandersetzt. Eine Heldenstilisierung wurde so verunmöglicht. Und dennoch entreißt gerade dieser Film Eichmann wieder dem Vergessen.

Ob individuell oder gesamtgesellschaftlich: das Vergessen erfüllt oft auch eine Funktion. Was die Ausstellung „Alles vergessen“ hier dem Besucher, der Besucherin ermöglicht: sich in die hinter den Objekten liegenden Geschichten zu vertiefen und dabei vielleicht Analogien zu eigenen Erfahrungen zu erkennen.

Mich beschäftigt beispielsweise am heutigen Tag, wie über Jahrzehnte am 27. Jänner das „Nie mehr wieder“ in unzähligen Gedenkreden beschworen und dennoch schon am 8. Oktober 2023 weltweit gegen Juden und Jüdinnen gehetzt wurde – nachdem am 7. Oktober 2023 die Hamas an die 1.200 Menschen in Israel brutal ermordet und über 200 als Geiseln genommen und nach Gaza entführt hatte. Memes mit „Kindermörder Israel“ zirkulierten da schon auf Social Media und bereiteten die Stimmung für Antisemitismus unter Jugendlichen, an Schulen, an Unis, in vielen zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen und Organisationen auf. Da stehen wir heute.

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