Überleben dank Mut, Intelligenz und Glück

Brechen wir aus! lautet der Titel der dramatischen Erinnerungen der jungen polnischen Jüdin Leokadia Justman, die nach mehreren Ghettos in der Heimat auf der Flucht in Tirol ist.

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Leokadia Justman Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Tyrolia 2025, 416 S., € 29,-

Sechs Jahre lang, ab ihrem 17. Lebensjahr, setzte eine polnische Jüdin für ihr nacktes Überleben körperliche und seelische Kräfte frei, die heute unvorstellbar sind. Sie meinen, jene Jüdinnen, die die Shoah überlebten, hätten alle Schlimmes erlitten und tapfer gekämpft? Ja, pauschal gesehen ist das richtig, aber nur wenige haben wie Leokadia Justman einer Stadt wie Innsbruck und Teilen Tirols durch ihre Aufzeichnungen so viel zu sagen.

Acht Personen bescheinigt sie namentlich menschlichen Großmut unter größter Lebensgefahr durch das NS-Regime und kreidet die feige Verdrängung nach 1945 jenen an, die diese tapferen Individuen überhaupt nicht würdigten und sich mit den weitreichend verübten Verbrechen nicht beschäftigten. Justmans Schriften bezeugen durch wissenschaftlich überprüfte Fakten, dass es in Innsbruck viele österreichische Handlanger gab, die zu brutalen Mördern und perfiden Denunzianten wurden, dass es aber auch andere gab, die die höchste Stufe der Menschlichkeit erklommen: als wagemutige Lebensretter in Uniform, in der Soutane sowie als Retterinnen in der Küchen- oder Bauernschürze.

All das kann man erfreulicherweise in einem literarisch hochwertigen deutschen Text nachlesen, mitleiden, voller Bewunderung bestaunen. Brechen wir aus! – Leokadia Justman – Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol (Tyrolia 2025) heißt der Bericht jener Jüdin, die 1922 in der Ortschaft Piątek geboren wurde, in der polnischen Textilstadt Łódź aufwuchs und 2002 in Florida starb. Die Herausgabe dieses wichtigen historischen Zeugnisses ist Niko Hofinger und Dominik Markl zu verdanken, wobei sich Letzterer auch um das interdisziplinäre und internationale Drittmittelprojekt zur Erforschung und Herausgabe der Schriften an der Universität Innsbruck verdient gemacht hat.

Dominik Markl, Jesuit und Universitätsprofessor an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Innsbruck © Reinhard Engel

Bedrückend und faszinierend zugleich ist die Sonderausstellung – von Niko Hofinger und Dominik Markl gestaltet – über Leokadia Justman im Landhaus von Innsbruck, die bis zum Nationalfeiertag am 26. Oktober 2025 zu sehen ist. Sehr zu empfehlen für jene, die im Sommer in Tirol unterwegs sind oder einen kleinen Abstecher von den Bregenzer Festspielen hierher wagen. Der Ausstellungsraum allein erzählt eine düstere Geschichte: Hier befand sich einst das Büro des NS-Gauleiters Franz Hofer, des mächtigsten Mannes im Gau Tirol-Vorarlberg. Er war nicht nur für die tödlichen Novemberpogrome in Innsbruck verantwortlich, sondern bereicherte sich auf Kosten der Verfolgten und Deportierten und entschied in vielen Fällen über Tod und Leben.

In einer Rahmenausstellung, untergebracht im Nebenraum, kuratiert von Hilde Strobl und Christian Mathies, erfährt man, dass Hofer ein Radiogeschäft hatte und als Illegaler bereits ab November 1932 an der Spitze der Tiroler NS-Bewegung stand. Nach dem Verbot der NSDAP im Juni 1933 verhaftet, gelingt ihm kurz darauf die Flucht nach München. Erst im Mai 1938 kehrt er nach Tirol zurück – und lenkt in Innsbruck nicht nur als Gauleiter den Parteiapparat, sondern als Landeshauptmann bzw. Reichsstatthalter die staatlichen Geschicke. US-amerikanische Truppeneinheiten inhaftieren ihn 1945 in diversen Lagern in Deutschland. Im Oktober 1948 kann er wieder flüchten, daraufhin gibt es ein Münchner Gerichtsurteils in Abwesenheit zu zehn Jahren Arbeitslager, das später heruntergesetzt wird. Hofer arbeitet unbehelligt als Kaufmann in Deutschland und lebt – ab 1954 wieder unter seinem richtigen Namen – bis zu seinem Tod 1975 als freier Mann in Mülheim an der Ruhr.

Als die Wissenschafter der Universität Innsbruck Leokadias Sohn, Jeffrey Wisnicki, berichten, wo die Sonderausstellung seiner Mutter stattfindet, fragen sie auch, ob ihn das störe. Er quittiert das mit einem Augenzwinkern und sagt: „Das ist poetische Gerechtigkeit.“ Trotzdem überkommt einen hier das Schaudern: Fotos und Texte erzählen einerseits Dramatisches über die junge polnische Jüdin, blickt man aber zum Plafond, sieht man 21 Originaldeckenbalken aus massiver Eiche, die an eine traditionelle „Tiroler Stube“ erinnern. Bis heute sind dort NS-Symbole gut erkennbar. Auch deshalb dient dieser Ort der Konfrontation mit der NS-Vergangenheit in Tirol, denn die jährlich wechselnden Ausstellungen verstehen sich als ständig währenden Prozess: Die Frage, was das Erinnern an den Nationalsozialismus für Tirols Gegenwart bedeutet, wird immer wieder neu gestellt.

Überlebt – dank Mut, Intelligenz und Glück. Wer war diese 17-jährige Leokadia Justman, die sich im September 1939 auf den Schulbeginn ihrer neunten Klasse freut? Ein literarisch gebildetes und begabtes Mädchen – wer kannte schon Johann Nestroy in einem kleinen Ort in Polen in der Zwischenkriegszeit? –, das statt des Unterrichts einen Angriff der deutschen Sturzkampfbomber (Stuka) erlebt, bei dem ihre Großmutter hilflos in einem Haus verbrennt. Die Familie zieht in ein Dorf und später in ein anderes, in der Hoffnung, dort weniger aufzufallen. Doch im Oktober 1942 werden alle Juden des Dorfes zum Bahnhof getrieben, wo sie ihre Schuhe ausziehen müssen, ein SS-Hauptsturmführer ruft ihnen zu: „Wo ihr hinfahrt, braucht ihr keine Schuhe!“

Einige jüdische Männer dürfen mit ihren Frauen bleiben, um die Wohnungen der Verschleppten auszuräumen. Jakob Justman zählt zu den „Auserwählten“ und darf seine Frau mitnehmen. Doch Zophia Justman-Zilberberg beschließt, statt ihrer Tochter in den Zug zu steigen, weil sie überzeugt ist, dass Leokadia zusammen mit ihrem Vater eine größere Überlebenschance hat. Mit vielen anderen wird Leokadias Mutter in das Vernichtungslager Treblinka verbracht, wo sie kurz darauf ermordet wird. Dieses heldenhafte Vermächtnis ihrer Mutter wird Leokadia ihr Leben lang belasten, auch um das große Opfer zu rechtfertigen, will sie überleben.

„Mit 30 Jahren erfuhr ich durch Zufall von der SS-Vergangenheit meines Großvaters – und damit wurde die Zeitgeschichte zu meinem großen Anliegen.“
Dominik Markl

Was ab dem Zeitpunkt dieser Trennung mit Vater und Tochter geschieht, schildert Leokadia auf den rund 400 Seiten von Brechen wir aus!. Diese erschütternde, spannende Fluchtgeschichte sticht vor allem durch das literarische Niveau hervor und unterscheidet sich so von anderen Shoah-Überlebensberichten. Da wir den zukünftigen Leserinnen und Lesern nichts wegnehmen wollen, hier nur einige Eckpunkte im folgenden Drama Leokadias: Mit gefälschten Papieren können Vater und Tochter und ein paar andere Polen aus dem Ghetto Piotrków Trybunalski fliehen, dem ersten NS-Sammellager im besetzten Polen. Diese Flucht bringt die kleine Gruppe in die Regionen Seefeld, Zell am See und schließlich zusammen nach Innsbruck. Leokadia und ihr Vater arbeiten getarnt als Bruder und Schwester in einer Fabrik, bis sie von einem Ukrainer aus Lwiw (Lemberg) verraten werden. Im März 1944 verhaftet die Gestapo Leokadia, sie kommt in das Polizeigefängnis von Innsbruck. Vater Justman wird ins Arbeitslager Reichenau in Innsbruck eingewiesen.

Acht „Gerechte unter den Völkern“. Es folgen zermürbende Monate der Angst vor der Verschickung in ein Todeslager. In der Zelle widerfahren der jungen Frau schlimme Erniedrigungen, sie entgeht knapp dem Tod durch eine Mitgefangene. Doch in diesen Tagen finden sich auch drei Polizisten, die Leokadia vor dem Abtransport bewahren: Sie darf in der Gefängnisküche arbeiten und ist eine Weile „unabkömmlich“. Doch die Gefahr ist nicht endgültig gebannt, und so setzt Leokadia mit ihrer engsten Freundin Marysia Fuchs knapp vor dem fix geplanten Transport alles auf eine Karte: Im Jänner 1945 klettern die beiden Frauen unter Todesangst über Geröll und Schutt aus dem teilweise durch Bomben zerstörten Gebäude.

Sie haben die Adressen der widerständischen Polizisten, ihrer Lebensretter, sowie von noch drei Frauen, die jetzt den beiden helfen. Nochmals stattet man sie mit Identitätspapieren als arische Polinnen aus, so gelangen sie zum Arbeitsamt in Lofer und werden als Dienstmädchen vermittelt. Leokadia erfährt durch ihre Dienstgeberin, eine eingefleischte Nationalsozialistin, böse Verleumdung sowie Verrat durch einen serbischen Kriegsgefangenen, der sie als Hausmeister erfolglos sexuell bedrängt. Sie soll sich in einem „Sammellager“ in Zell am See melden, von wo aus die Deportationen von Jüdinnen und Juden abgehen, erfährt sie in größter Panik.

Wenn du einst zurückblickst, erinnere dich an die graue,
öde Nachkriegszeit,an die seelische Lethargie, und gedenke
jener Worte,dass der Glaube an das Leben die größte Kraft
ist, die selbst in Augenblicken von Niederlagen und
Scheitern Halt geben und zur Summe dessen werden
kann, was wir gemeinhin als „Glück“ bezeichnen.

L. Justman, Innsbruck, 26. Nov. 1945

Dann findet Leokadia eine Freundin, die sie an Leopold Wintersteller vermittelt, den Pfarrer in St. Martin bei Lofer, der ihr als Krystyna Chruscik Zuflucht gewährt. Diesem Pfarrer vertraut sie sich an, schreibt sie in ihren Erinnerungen: „Ich bin aus dem Gefängnis geflüchtet. Ich bin eine Verbrecherin, ich bin Jüdin.“ Die Reaktion des Geistlichen überrascht sie, denn er nennt sie „Christlchen, du bist keine Verbrecherin. Diese Bezeichnung konnten dir nur die echten Verbrecher geben.“ Denn als Menschen seien sie alle Kinder des gleichen Gottes.

Vor dem Pfarrhof erlebt „Christl“ mit Kriegsende den Einmarsch der US-Soldaten. Sie geht nach Innsbruck zurück, um nach ihrem Vater zu suchen, und muss erfahren, dass er bereits im April 1944 im Lager Reichenau ermordet worden ist. Sie organisiert seine Umbettung auf den jüdischen Friedhof und errichtet einen Grabstein für ihre Eltern. „Unsere Länder waren Todfeinde, unsere Sprache und unsere Herkunft sehr unterschiedlich, ich hasste die Deutschen aus tiefsten Herzen. Doch wie konnte ich Frau Lechner hassen, die so lieb zu mir war? Oder ihren Sohn Josef, der versuchte, mich mit seiner netten, höflichen Art für die ganze deutsche Arroganz und eiskalte Grausamkeit zu entschädigen“, sinniert Leokadia. „Ich hatte schon vor Langem eine Grenze gezogen: Ich hatte gelernt, die riesigen Massen von Deutschen zu unterscheiden und die wenigen zu respektieren, die mir auf meinem Lebensweg begegneten und zwar äußerlich Deutsche waren, aber das Herz eines von Gott geschaffenen Menschen hatten“, resümiert sie. Diese wenigen Menschen sollten anerkannt und als Freunde akzeptiert werden. Leokadia erreicht bei der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem die Würdigung ihrer Helferinnen und Helfer – fünf Männer und drei Frauen – als Gerechte unter den Völkern aus Österreich.

Die Ausstellung im ehemaligen Büro des NS-Gauleiters Franz Hofer unter den Eichenbalken. © Reinhard Engel

Nach all dem, was Leokadia erlitten und erduldet hat, verlässt sie Innsbruck, einen der Schauplätze ihres Leidens nicht, sondern hat noch die Kraft und den Willen, anderen Hilfsbedürftigen zu helfen. Obwohl es ein polnisches und amerikanisches Hilfskomitee für die verstreuten Überlebenden gibt, besteht Leokadia auf einem jüdischen Hilfskomitee, das sie auch gründet und leitet. In dieses Büro kommt eines Tages der polnische Flüchtling Józef Wisnicki – 1946 heiraten die beiden in Innsbruck; es ist die erste jüdische Hochzeit in dieser Stadt nach der Shoah. 1950 folgt die Auswanderung nach New York, wo eine Tochter und ein Sohn zur Welt kommen.

Entdeckung der Erinnerungen. Als eine Wanderausstellung zu den Gerechten 2016 in Innsbruck Station macht, erinnert sich Martin Thaler, Jahrgang 1941, an die Verhaftung von „Johann“ Jakob Justman in der Wohnung seiner Mutter im März 1944. Für den Buben war das ein Schlüsselerlebnis, noch dazu, weil ihm Leokadia/Lotte emotional nahe stand. Er kontaktiert seinen alten Bekannten, Niko Hofinger, der als Historiker jüdische Biografien in Tirol erforscht, und bittet ihn, den Erinnerungen seiner Kindheit nachzugehen. Hofinger, Jahrgang 1969, ist auch im Stadtarchiv Innsbruck aktiv und findet nach ausgiebigen Recherchen Hinweise auf Wohnorte in Florida und auch Nachkommen von Leokadia Justman. Ihr Sohn Jeffrey Wisnicki antwortet umgehend und sendet das Buch Quest for Life, in dem auch „little Martin“ seinen Platz bekommen hat. Einige Monate später reist Jeffrey mit seiner Frau Becky und den Söhnen Justin und Brandon nach Innsbruck. Für Martin Thaler, der alles ins Rollen gebracht hatte, wurde die Geschichte auszugsweise übersetzt. Diese unautorisierte Übersetzung fand in der Innsbrucker Academia immer mehr Interesse, und da eine grundlegende Erforschung dieser Zeit fehlte, wurde Ende 2023 das Forschungsprojekt Leokadias Überlebensgeschichte: Edition – Analyse – Öffentlichkeitsarbeit an der Universität eingerichtet.

Jeffrey Wisnicki verwahrte insgesamt vier Haupttexte seiner Mutter, denn sie begann bereits in Zell am See mit der akribischen Niederschrift, die sie später im Innsbrucker Gefängnis fortsetzte. „Wir ließen nicht nur die Erinnerungen aus dem Englischen übersetzen, sondern fanden drei wunderbare Übersetzerinnen, die Leokadias doppelt so langen polnischen Bericht übersetzten – und damit auch das Literarische daran voll erfassen konnten“, erzählt Dominik Markl, Jesuit und Universitätsprofessor an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Innsbruck, bei der Buchpräsentation im Polnischen Institut in Wien. Der 46-Jährige studierte Bibelwissenschafter mit perfekten Hebräischkenntnissen, hatte bereits während seines zehnjährigen Aufenthaltes in Rom auch Berührung mit örtlicher jüdischer Geschichte. „Mit 30 Jahren erfuhr ich durch Zufall von der SS-Vergangenheit meines Großvaters – und damit wurde die Zeitgeschichte zu meinem großen Anliegen“, erzählt Markl.

Gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftern machten sich Markl und Hofinger daran, alle Fakten und Namen, die sich in diesen Dokumenten befanden, zu überprüfen. „Leokadia erinnerte sich unglaublich genau, und so konnten wir viele Personen und Orte identifizieren und zahlreiche Details hinsichtlich ihrer historischen Zuverlässigkeit verifizieren“, freut sich Markl. Leokadias Texte waren teils auf Polnisch (1945–1946) und ab 1963 auf Englisch.

Sie starb 2002, und ihr Sohn publizierte die Erinnerungen in einer stark gekürzten Fassung In Quest for Life – Ave Pax im Jahr darauf. „Wir haben das polnische Typoskript digitalisiert erst Anfang 2024 erhalten, daher mussten wir uns beeilen“, verrät Markl. „Es war uns besonders wichtig, dass dieses Buch, das einzigartige Dokument der Tiroler Regionalgeschichte von 1938 bis 1946, genau am 27. Jänner 2025, dem 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, im Tiroler Landhaus vorgestellt und die Ausstellung über Leokadia Justman eröffnet wird.“ Und das alles im ehemaligen Büro des Gauleiters unter den Eichenbalken.

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