Jüdische Gemeinden in Polen: Noch immer gemischte Gefühle

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Während die einen beschwichtigen, protestieren die anderen: Die neue Regierung in Polen sorgt für Unruhe. Von Marta S. Halpert   

Es lag eine freudig-verschwörerische Stimmung in der Warschauer Luft. 1990, kurz nach dem Ende des Kommunismus in Polen, spürten das die alteingesessenen Juden, aber auch der ausländische Besucher. Man zuckte zwar merklich zusammen, wenn man an mehreren Türpfosten in der Stadt unvermutet tiefe, leere Kerben sah, wo ehemals eine Mezuzah prangte. Auch Graffiti mit kleinen Galgen und Davidstern konnte man nicht übersehen. Gleichzeitig kamen in der großen Nozyk-Synagoge, die 1902 im Stil der Neuromantik erbaut wurde und 1941 als Lagerraum missbraucht wurde, viele ältere aber auch viele junge Juden spontan zusammen. Hier fühlten sie sich sicher, um darüber zu sprechen, sich auszutauschen, ob dem großen Umbruch zu trauen sei. Konnte, sollte man sich jetzt offen zum Judentum bekennen? War es nun mit der Heimlichtuerei unter dem Jahrzehnte langen Kommunismus endgültig vorbei?

„ZItat Steine sind im Boden des ganzen Hauses eingelassen und symbolisieren die Millionen jüdischer Opfer.“ Oberrabbiner Schudrich

Michael Schudrich ist seit 2004 Obarrabbiner von Polen. Seine Mission: Juden den Mut zum jüdischen Bekenntnis zurückzugeben.
Michael Schudrich ist seit 2004 Obarrabbiner von Polen. Seine Mission: Juden den Mut zum jüdischen Bekenntnis zurückzugeben.

Zur Beantwortung dieser Fragen und zur Beruhigung der Gemeinde benötigte es auch Hilfe von aussen. Und wer schnell hilft, hilft angeblich doppelt: Ronald S. Lauder, der amerikanische Geschäftsmann und Philanthrop hatte kurz vor der Wende, als US-Botschafter in Wien, seine ungarisch-slowakischen Wurzeln entdeckt. Das motivierte ihn darin, zahlreiche ehemalige Ostblockstaaten zu bereisen, um jüdisches Leben aufzuspüren und beim Wiederaufbau zu helfen.

Lauders väterlicher Freund, der New Yorker Rabbiner Chaskel Besser, im polnischen Kattowitz geboren, legte ihm nahe, sich in Polen zu engagieren und stellte ihm gleich einen jungen, dynamischen Rabbiner für diese Aufgabe vor. Michael Schudrich, studierter Historiker und Religionswissenschafter, hatte 1989 gerade sein Amt als Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Tokio beendet und liess sich auf das Abenteuer ein. Er wurde in New York in eine Emigrantenfamilie aus Polen geboren und sein Motto lautet: „Wir können die Zahl der ermordeten Juden nicht verringern, aber wir können die Zahl jener Juden verkleinern, denen die Jüdischkeit verloren geht.“

Im Jahr 2000 wurde Michael Schudrich Rabbiner von Warschau und Lodz, seit 2004 amtiert er  als Oberrabbiner von Polen. Seine kurzfristig angelegte Mission wurde zu einer Lebensaufgabe.„Lauder und Schudrich ging es nicht um polnischen Klezmer und jüdischen Krakauer-Kitsch“, erzählt Konstanty Gebert, jüdischer Aktivist und Journalist, „sie wollten beide die Schäfchen einsammeln, und das ist ihnen wunderbar gelungen.“ Während sich die Ronald S. Lauder Foundation in der Folge sowohl um die Restaurierung von Synagogen und Friedhöfen, als auch um Kindergärten, Schulen und Sommercamps kümmerte, gelang es Michael Schudrich, Hunderten Mut zum jüdischen Bekenntnis zu geben.

Der größte Friedhof Europas

Diesen Mut benötigten sehr viele, denn die NS-Vernichtungsmaschinerie auf polnischem Boden hatte unter den wenigen der überlebenden Juden ein Trauma hinterlassen. Verschweigen und Verleugnen war auch nach 1945 die gängigste Form des Weiterlebens. Denn das erste Pogrom geschah bereits am 4. Juli 1946: „Die Juden wurden nicht von Deutschen gelyncht. Sie starben durch die Hand von Polen“, schreibt der polnische Historiker und Soziologe Jan Tomasz Gross in seinem 2008 erschienen Bestseller Angst –  Antisemitismus in Polen nach dem Krieg (Geschichte eines moralischen Niedergangs) über das Massaker an 36 Juden in Kielce. Nach diesem Pogrom verließen innerhalb von nur drei Monaten nahezu 61.000 Juden das Land, in den ersten drei Nachkriegsjahren flüchteten insgesamt 200.000 aus Polen. Der Pogrom von Kielce war der blutigste, aber längst nicht der einzige gegen Juden nach 1945. Insgesamt, so Jan Gross, seien rund 1500 Juden in den Nachkriegsjahren Opfer des polnischen Antisemitismus geworden.

800 Jahre lang hatten Juden in Polen bis zur nationalsozialistischen Besatzung gelebt. Sie zählten etwa 3,3 Millionen  – mehr als in jedem anderen Staat Europas. Ihr Anteil an der Bevölkerung lag bei etwa zehn Prozent und war der höchste in ganz Europa. Nach der Besetzung Polens durch die Deutschen und die Sowjetunion im September 1939 wurden die meisten Juden, die im deutschen Besatzungsgebiet verblieben waren – etwa 1,8 Millionen Juden – in Ghettos gesperrt. Nach der deutschen Invasion in die Sowjetunion im Juni 1941 wurden auch die restlichen polnischen Juden in Ghettos interniert und in unterschiedlichen Zeiträumen in Konzentrationslager und zu Zwecken der Zwangsarbeit deportiert. Im Dezember 1941 wurden die Juden aus dem Ghetto Lodz und Umgebung in Chelmno in Gaswagen ermordet. Im März 1942 begann auch in Auschwitz die Vernichtung polnischer Juden.

Nach Ausformulierung der Rassegesetze in der Wannseekonferenz errichteten die Nazis zwischen März und Juli 1942 drei Vernichtungslager in Polen Belzec, Sobibor und Treblinka. Alle waren in der Nähe zentraler Bahnknotenpunkte gelegen, in diesen Lagern fanden keine Selektionen statt: Sofort nach Ankunft der Deportationszüge wurden die Opfer – Männer, Frauen und Kinder – direkt in den Tod geschickt.

Am 22. Juli 1942  begannen die großen Deportationen aus dem Warschauer Ghetto, die bis zum 21. September andauerten und in deren Verlauf etwa 260.000 Menschen in den Tod im Vernichtungslager Treblinka geschickt wurden. Im Warschauer Ghetto hatten sich schon drei verschiedene jüdische Untergrundorganisationen gebildet, um Widerstand zu leisten. Als am 19. April 1943 die Nazis mit Panzern und Sturmtruppen ins Ghetto einmarschierten, um es endgültig aufzulösen, wehrten sich die dort verbliebenen 60.000 Juden: Mit selbst gebauten Molotowcocktails und auf der polnischen Seite der Ghettomauer gekauften Waffen begannen sich die mutigen Kämpfer zu wehren und verursachten auch der deutschen Seite erhebliche Verluste. Doch die SS-Einheiten und ukrainischen Hilfstruppen kamen wieder – mit Panzern und Flammenwerfern, auch Bomben fielen auf das Ghetto. Dennoch dauert der ungleiche Kampf der 200 bis 750 Aufständischen – die Schätzungen gehen auseinander – fast einen Monat. Von den christlichen Warschauern aber kommt fast keine Hilfe. Am 16. Mai 1943 sprengte SS-Führer und Polizei-Generalmajor Jürgen Stroop die Große Synagoge und schrieb triumphierend nach Berlin: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.“ Knapp 24.000 Juden waren bei diesem heroischen Aufstand getötet worden.

Bis Ende 1943 wurden in Belzec, Sobibor und Treblinka etwa 1.700.000 Juden, großteils aus Polen, ermordet. Im Sommer 1944 wurden die 80.000 Juden, die im Ghetto Lodz verblieben waren, zur Vernichtung geschickt – die meisten von ihnen nach Auschwitz-Birkenau und ein geringerer Teil zur Vernichtungsstätte Chelmno: Hier wurden etwa 300.000 vornehmlich polnische Juden ermordet.

In Auschwitz-Birkenau und in Chelmno gingen die Ermordungen bis zur Befreiung der Lager im Januar 1945 durch die Rote Armee weiter. Bei Kriegsende waren etwa 380.000 der polnischen Juden noch am Leben – zu einem geringen Teil in Polen selbst oder in Konzentrationslagern auf deutschem und österreichischem Boden, und zum Großteil als Flüchtlinge in der Sowjetunion.

Die nächste große Auswanderungswelle kam 1968 mit der offiziellen antizionistischen Kampagne der kommunistischen Partei unter Parteichef Gomułka: Infolge des Sechstagekrieges 1967 und des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen zu Israel fanden landesweit umfangreiche „Säuberungen unter den illoyalen jüdischen Akademikern“ statt, ungeachtet der Tatsache, dass sie zuvor noch hoch geschätzte Mitglieder der KP gewesen waren.

„Hidden Children“ – die wundersame Vermehrung

Offiziell vertritt heute der jüdische Dachverband in Polen – dazu gehören funktionierende Gemeinden in Krakau, Lodz, Breslau, Kattowitz, Stettin und Danzig – nicht mehr als 5000 Juden. Gleichzeitig sollen aber um die 30.000 Juden in Polen leben, die sich nicht bei jüdischen Gemeinden registriert haben. „ Auch in diesem Jahr haben mich schon mehr als hundert Menschen aufgesucht, um mit mir über ihre jüdischen Wurzeln zu sprechen und weitere Interessierte sind zu anderen Rabbinern gegangen“, erzählt Oberrabbiner Schudrich, der versichert, dass dieses  Phänomen in den nächsten Jahre anhalten wird.

... erstaunlich, dass es auf diesem blutgetränkten Boden wieder ein offen gelebtes Judentum gibt.

Auch bei diesem nur rudimentären Abriss der polnisch-jüdischen Geschichte scheint es erstaunlich, dass es auf diesem blutgetränktem Boden wieder ein offen gelebtes Judentum gibt. Für die wundersame Vermehrung der Juden in Polen sind vor allem zwei Phänomene verantwortlich: Eine ziemlich große Gruppe an Polen hatte immer über die jüdischen Wurzeln in der Familie Bescheid gewusst, aber nie den Mut gefunden oder den Willen gehabt, ihre Angehörigen über ihre Identität aufzuklären. Das ist verständlich, denn 50 Jahre lang, zwischen 1939 und 1989, war es einem Juden nicht sehr zuträglich, sich als solcher zu bekennen. Dennoch gibt es Berichte über ehemalige Kommunisten oder Angehörige der polnischen Berufsarmee, die schriftlich den Wunsch hinterlassen haben, dass sie gerne als Juden beerdigt werden würden.

Der zweite Zuwachs kommt durch die Vereinigung Hidden Children, die sich auch Kinder des Holocaust nennen. Das sind Fälle, wo Eltern und Großeltern ihren Kindern auf dem Sterbebett mitteilen, dass sie in Wirklichkeit nicht ihre eigenen Kinder, sondern Juden sind, die sie während des Krieges versteckt und gerettet haben, weil deren biologischen Eltern deportiert wurden. Viele verzweifelte Eltern übergaben ihre Kleinkinder – vor der drohenden Verschleppung – katholischen Polen. Manche warfen die Babies aus den nach Auschwitz rollenden Zügen und hofften auf gnädige Bauern oder Dorfbewohner. Claude Lanzmann hat diese häufigen Verzweiflungsakte in seinem grandiosen Filmepos Shoa sehr anschaulich nachgestellt. Viele der betreffenden „Kinder“, die bei ihrer Entdeckung über 60 Jahre alt waren, haben sich zu ihrer Abstammung bekannt und damit auch eine fundamentale Änderung ihres Lebens und ihrer Umwelt in Kauf genommen. Diese Gruppe umfasst heute 800 Menschen, die sich in dem Verein der Hidden Children bereits seit 1991 weltweit vernetzt haben.

Uneinigkeit über neue Gefahren
Im November 2015 wurde auf dem Marktplatz von Breslau bei einer rechtsnationalen Kundgebung eine "Judenpuppe mit Europaflagge" verbrannt. Niemand schritt ein.
Im November 2015 wurde auf dem Marktplatz von Breslau bei einer rechtsnationalen Kundgebung eine „Judenpuppe mit Europaflagge“ verbrannt. Niemand schritt ein.

In den letzten 26 Jahren ist viel Positives in Polen geschehen. Die Entwicklung des Landes seit seinem Eintritt in die EU 2004 ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Nicht nur wirtschaftlich, auch politisch und kulturell nimmt das Gewicht des Landes in Europa zu. Im Unterschied zu anderen ehemaligen Ostblock-Staaten ist hier schnell wieder ein wohlhabende Mittelschicht entstanden: Unvergessen sind die Szenen als junge, nicht-jüdische Polen ihre Kinder zur Lauder Morasha Schule brachten, damit sie in eine „international geprägte Atmosphäre kommen“ und eine gute Ausbildung erhalten.

Nach 20-jährigen, mühsamen Diskussionen ist Das Museum der Geschichte der polnischen Juden- POLIN im Oktober 2014 von Staatspräsident Bronislaw Komorowski in Begleitung seines israelischen Kollegen Reuven Rivlin eröffnen worden. Bei diesem Besuch hielt Rivlin auch eine Rede im polnischen Parlament. Das moderne Museumsgebäude befindet sich im Stadtteil Muranów, im Zentrum des früheren jüdischen Viertels und der Erinnerungsstätte an den Warschauer Ghettoaufstand im April 1943. Doch die Museumsmacher sind weit davon entfernt, die Geschichte der polnischen Juden als eine einzige Leidens- und Verfolgungsgeschichte darstellen zu wollen. „Dies ist kein Holocaust-Museum“, betont Direktorin Barbara Kirshenblatt-Gimblett, es solle vielmehr „Hoffnung im Angesicht der Tragödie“ vermitteln.

Denn auch während der sechsjährigen Tragödie gab es in Polen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden retteten. Die mit Abstand meisten der Gerechten unter den Völkern, die in der Gedenkstätte Yad Vashem aufgelistet werden, sind polnischer Nationalität, insgesamt 6500 Personen. Aus Österreich wurden bisher nur 95 Gerechte geehrt.

Die jüngsten Maßnahmen der neuen polnischen Regierung wurden nicht nur von den jüdischen Bewohnern aufmerksam beobachtet. „Die neue Regierung ist weiterhin sehr aufgeschlossen, was jüdische Belange betrifft“, konstatiert Michael Schudrich, „und wir sehen keinen Anlass, warum sich das ändern sollte.“ Der Oberrabbiner bezog sich auf die europaweite Kritik wegen einer Reform des Verfassungsgerichtes, die als Schwächung der unabhängigen Justiz gewertet wird. Auch ein viel kritisiertes Mediengesetz wurde eingeführt. Die Proteste der polnischen Zivilgesellschaft gegen diese und andere „Neuerungen“ der PIS-Regierung unter der nationalkonservativen Premierministerin Beata Szydlo gehen unvermindert weiter – und so mancher jüdischer Funktionär oder Intellektuelle ist an prominenter Stelle bei den Demonstrationen zu finden. „Viele Juden stimmen als polnische Bürger mit den verfassungs- und medienrechtlichen Reformen der Regierung nicht überein“, weiß auch der Oberrabbiner, „aber sie demonstrieren gegen die Regierungspolitik als Teil der Zivilgesellschaft. Es geht dabei nicht um jüdischen Angelegenheiten.“

Während der Oberrabbiner beschwichtigt, hört man aus der Breslauer jüdischen Gemeinde ganz andere Töne: „Das Mediengesetz ist fatal für die Juden. Nun können rechtsradikale Ressentiments gegen Juden eine neue Plattform bekommen, vor allem weil künftig in den staatlichen Medien weniger über die teils problematischen Beziehungen zwischen Polen und Juden berichtet werden wird.“ Die Bedenken der Breslauer Juden sind berechtigt, denn im November 2015 – kurz bevor sich Breslau als Europäische Kulturhauptstadt 2016 feiern konnte – wurde auf dem Marktplatz der Stadt bei einer rechtsnationalen Kundgebung eine „Judenpuppe mit Europaflagge“ verbrannt. „Der stadtbekannte Antisemit Piotr Rybak ging geradezu feierlich um eine lebensgroße Puppe mit Schläfenlocken, schwarzem Hut und Kaftan herum. Dann übergoss er sie wie in Zeitlupe mit Benzin zündete sie an“, schreibt die Journalistin Gabriele Lesser. „Währenddessen grölten die Umstehenden „Polska dla Polakow! – Polen den Polen!“ Lesser berichtet, dass weder die Polizei, die sich im Hintergrund hielt, einschritt, noch die Passanten, die eher gleichgültig weitergingen, noch die Beamten, die von den Rathausfenstern genau verfolgen konnten, was sich unten auf dem Platz abspielte. Und einer der Organisatoren hetzte von der Bühne aus: „Jemand gibt ihnen Geld – für die Boote, für die Waffen in Europa. Jemand finanziert diesen ganzen Wahnsinn. Wir müssen wissen, wer das tut. Noch weiß ich es nicht. Noch nicht!“ Denn die  Neonazi-Organisation Nationalradikales Lager wie auch die Allpolnische Jugend machen „die Juden“ für die angebliche „Islamisierung Europas“ verantwortlich. Seit den Parlamentswahlen am 25. Oktober 2015 sitzen nun auch Vertreter der Allpolnischen Jugend im polnischen Sejm.

Bilder: © Caro / picturedesk.com; © Tytu mijewski /picturedesk.com; © Screenshot JA

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