Umweltschutz … Um – was?

Israel gehört, was Technologie und Forschung betrifft, in vielen Bereichen zur Weltspitze. Doch der Umweltschutz scheint im jungen Staat noch immer nicht angekommen zu sein.

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Plastic free Israel organisiert Aufräumaktionen um die Strände von Plastikmüll, Dosen, Binden, Tampons und sonstigem Abfall, den die Badenden entsorgt haben, zu reinigen. ©Daniela Segenreich-Horsky

Seit 15 Jahren lebe ich in Israel. Seit 15 Jahren verbringen wir unseren Sommerurlaub in Österreich. Und jedes Jahr, spätestens bei der Abzweigung von der Südautobahn auf die Landstraße Richtung Millstätter See, machen entweder mein Mann oder ich etwa die gleiche Bemerkung: „Schau, wie ordentlich hier jeder Zentimeter neben der Straße ist, wie jeder Grashalm genau dort steht, wo er hingehört.“
„In unserer Wahlheimat ist die Landschaftsgestaltung neben den Landstraßen eher willkürlich: Felder wechseln mit Müllhalden und ausgetrockneten, verwahrlosten Böden, die sich nur im Vorfrühling kurz in ein Blütenmeer verwandeln. Und bei Ausflügen in die Natur wird ziemlich alles weggeworfen, was man unterwegs nicht mehr gebrauchen kann, wobei Plastikflaschen und Plastiksackerl eindeutig die Favoriten und daher überall zu finden sind.“
Diesen Text habe ich vor 15 Jahren geschrieben, und leider ist er immer noch genau so aktuell wie damals. Mit dem kleinen Unterschied, dass einem die Plastiksackerl in den meisten Supermärkten mittlerweile nicht mehr aufgedrängt, sondern für 10 Agorot (0,026 Euro) pro Stück verkauft werden. Am Carmel-Markt dagegen bekommt man nach wie vor für jede Obst- und Gemüsseorte ein extra Sackerl, auch, wenn es sich nur um zwei Avocados handelt, und dann wird alles noch einmal ordentlich in einem größeren Plastiksack verstaut: „Sie sind da die Ausnahme, unsere Kunden wollen das so, und wir wollen schließlich ein gutes Service liefern“, erklärt der Verkäufer, während ich meine Einkäufe wieder aus den diversen Sackerln schäle. Und dann fügt er weise hinzu: „Eine Änderung müsste von oben kommen, von der Regierung …“ Doch die scheint mit anderen Belangen beschäftigt. Wie könnte es sonst sein, dass Israel, ein technologisch so fortschrittliches Land, im Bereich Umweltschutz so hinterherhinkt?

»In vielen Bereichen sind wir weltweite Vorreiter,
doch was die Umwelt betrifft,
sind wir ein Land der Dritten Welt.«

Adi Wolfson

Wenn es Bomben hagelt, liegen die Prioritäten woanders. Israel war das erste Land, das noch unter Premierminister David Ben-Gurion mittels der so genannten „Dudei Shemesh“, der Warmwasserboiler, die bis heute die Dächer aller alten Häuser zieren, Wasser mit Solarenergie erwärmt hat. Doch seit damals hat sich laut Adi Wolfson, Umweltaktivist und -experte und Professor für „Green Engineering“ im Sami Shamoon College in Be’er Scheva, nicht viel weiterentwickelt, und die Solarenergie decke aktuell nur fünf Prozent des gesamten Energieverbrauchs im Land. Wolfson erklärt das mit anderen, auf den ersten Blick dringenderen Prioritäten und damit, dass das Bewusstsein für die Umwelt erst langsam einsickert: „Mit den Schlagzeilen von Greta Thunberg und den großen Demonstrationen in diesem Sommer in Europa ist das Thema Umwelt und Plastikverbrauch in den letzten Monaten auch hier von den Medien aufgegriffen worden und hat dadurch vermehrt an Aktualität gewonnen. Dazu kommt das Phänomen „not in my backyard“, denn durch die Diskussionen um die Stationen für Israels Erdgasgewinnung ist das Problem der Umweltverschmutzung plötzlich in „die Hinterhöfe“ der Häuser eingezogen. Aber die Schlagzeilen macht noch immer die Politik, und wenn Bomben in Be’er Scheva einschlagen, liegen die Prioritäten woanders.“
Mülltrennung gibt es zwar inzwischen in manchen Gemeinden, doch weiß man nie, ob die mühsam getrennt und zur Sammelstelle gebrachten Plastik-, Papier- und Glasabfälle auch wirklich wiederverwertet werden oder nicht doch gemeinsam auf dem Müllberg landen – laut Professor Wolfson werden 80 Prozent des Mülls nicht wiederverwertet. Und auch Gesetze zum Umweltschutz, wie das Verbot, die Flüsse mit Industrieabwässern zu verschmutzen, gibt es mittlerweile. Doch die Umsetzung wird nicht genügend überwacht, und Strafen sind selten.
Ein weiteres Problem ist die ständig zunehmende Anzahl an Privatautos und der dadurch entstehende enorme Verkehr, der im Stadtbereich immer mehr Abgase verursacht, wodurch Atemwegs­erkrankungen bei Kindern im städtischen Bereich deutlich zunehmen. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind häufig unverlässlich und die Verbindungen schlecht. Die Israelis hätten sich, meint Wolfson, zu sehr an das Privatauto gewöhnt: „Hier denkt man nicht weiter als ‚von heute auf morgen‘. Die Entscheidungsträger sehen im Thema Naturschutz keine Wichtigkeit, und es gibt zu wenig Druck von Seiten der Bürger. Die grüne Partei ist zu klein und zu schwach und hat es nicht in die Knesset geschafft. Wir haben noch viel zu lernen! Eigentlich ist unser Staat ein Wunder: In vielen Bereichen sind wir weltweite Vorreiter, doch was die Umwelt betrifft, sind wir ein Land der Dritten Welt.“
Immerhin gibt es auch Lichtblicke: Einige grüne NGOs und private Gruppierungen haben sich ökologische Themen zum Ziel gemacht, so zum Beispiel die Organisation „Plastic free Israel“, die an Wochenenden Aufräum­aktionen organisiert, um die Strände von Plastikmüll, Dosen, Binden, Tampons und sonstigem Abfall, den die Badenden entsorgt haben, zu reinigen. Dieses Jahr findet auch erstmals ein Seminar zum Thema „zero trash“ (null Abfall) in Israel statt, und es gibt schon einige wenige Provider von umweltfreundlichen Produkten, wie etwa den Eco Store, der schon seit einigen Jahren Wegwerfgeschirr aus Palmenblättern, Nussschale oder Zuckerrohr anbietet und dessen Klientel erfreulicherweise jährlich weiterwächst: „Die Lage bessert sich, es gibt mehr Umweltbewusstsein in Israel, aber es ist bei Weitem noch nicht genug“, kommentiert Eco-Store-Managerin Masha Sherbakova.
Außerdem sollen in Tel Aviv weltweit die meisten Veganer und Vegetarier per Capita leben, weswegen die Stadt heute bereits als die Hauptstadt der Veganer bezeichnet wird. Ihre Anzahl hat sich in den letzten Jahren verdoppelt, wobei die Beweggründe für die fleischlose Diät wohl nicht alle nur auf die Umwelt bezogen sind. Es gibt über 400 Vegan-Restaurants in der Stadt, in beinahe jedem Tel Aviver Restaurant werden mittlerweile einige vegane Speisen angeboten. Und sogar in der Armee gibt es bereits eine eigene Ausrüstung für vegane Soldat*innen: Sie erhalten bei der Rekrutierung ihre Kappen und Schuhe aus Kunstleder statt aus echtem Leder und haben ein Anrecht auf Vegan-Mahlzeiten.
Vom europäischen Standard ist man hier im Bereich des Umweltschutz jedoch immer noch Lichtjahre entfernt. Der Respekt für die Natur ist ein Kulturgut, das durch Bewusstmachung, Erziehung und politischen Einsatz geformt wird und langsam wachsen muss.
Die etwas über 70 Jahre seit der Entstehung des Staates waren wohl noch immer zu kurz, und die immer wieder angespannte politische Situation diktiert andere Prioritäten. Wie glücklich sich doch die Österreicher*innen schätzen dürfen, dass sie die Köpfe frei haben für Mülltrennung und Landschaftspflege – das erkennt man vielleicht erst aus der Ferne.

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