„Und die Hakoah lebt“

1909 als jüdischer Wiener Sportclub gegründet, etablierten sich binnen kürzester Zeit eine Reihe erfolgreicher Sektionen. Prominente Künstler waren in der Hakoah vertreten, und Friedrich Torberg wusste so manche Anekdote über den auch heute noch erfolgreichen Verein zu erzählen.

1992
Ringer Nikolaus Mikky Hirschl gewann bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles zweimal Bronze. Nachdem er 1934 auf einen Nationalsozialisten geschossen hatte, musste er nach Palästina fliehen. © ÷NB-Bildarchiv / picturedesk.com; Votava / brandstaetter images / picturedesk.com; Hakoah

Ich möchte vorausschicken, dass der Sport nicht meine größte Stärke ist. Ich weiß weder, wer zurzeit Fußballvizeweltmeister ist, noch, wer die Olympischen Sommerspiele 1912 im Tauziehen gewonnen hat. Aber wenn’s um die Hakoah und ihre Geschichte geht, da kenn‘ ich mich aus.

Ich beginne daher mit einer Anekdote, die eigentlich jeder kennt, doch da sie vom großen Friedrich Torberg überliefert ist, darf man sie einmal mehr erzählen. Also: Die Hakoah spielte in ihren Anfängen gegen den Brigittenauer AC, der im Fall einer Niederlage Gefahr lief, vom Simmeringer Fußballclub Vorwärts 06 überholt zu werden. Die Simmeringer hatten somit jedes Interesse an einem Sieg der Hakoah, taten sich aber nicht leicht damit, weil manche von ihnen antisemitisch eingestellt waren. Als nun der jüdische Spieler Norbert Katz eine gute Torchance hatte, feuerten ihn die Simmeringer ebenso lautstark wie schweren Herzens an. Und zwar mit den Worten: „Hoppauf, Herr Jud!“

Die Anekdote stammt, trotz Friedrich Torberg, aus der Zeit des „alltäglichen Antisemitismus“, den man nicht so ernst nahm, doch sollte man dabei bedenken, dass er geradewegs in die Katastrophe führte.

 

Schwimmerin Idy Kohn und Wasserballer Friedrich (Kantor)Torberg, der später die Hakoah so beschrieb: „Warum ich glaube, dass es eine Hakoah geben musste? (…) Weil sie den andern beigebracht hat, ,Herr Jud’ zu sagen.“. © NB-Bildarchiv / picturedesk.com; Votava / brandstaetter images / picturedesk.com; Hakoah

 

Zum „alltäglichen Antisemitismus“ gehört auch das Vorurteil, dass Juden unsportlich seien. Die Hakoah hat es widerlegt, zumal aus ihr einige der erfolgreichsten Sportler Österreichs hervorgingen. Es kam nicht selten vor, dass die Fußballmannschaft gegen Rapid, Sportclub oder Austria siegreich blieb, und am 13. Juni 1925 gewann der S. C. Hakoah Wien die erste Fußballmeisterschaft. Das ist auch der Anlass, dass die Hakoah heuer als „100 Jahre erster österreichischer Profifußballmeister“ gefeiert wird. Ein andermal gewann die jüdische Elf sogar gegen den als unschlagbar geltenden englischen Champion West Ham United.

Am 15. März 1938 sollte die
Hakoah gegen den WAC
spielen, doch an diesem Tag war
der jüdische Club bereits von den Nationalsozialisten aufgelöst.

Eindrucksvolle Leistungen. Die Sportler der Hakoah waren und sind aber auch in anderen Disziplinen erfolgreich. So gewann der Ringer Micky Hirschl bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles zweimal Bronze, es gab mehrere Schwimmerinnen von Weltklasse, die ins österreichische Team für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufgenommen wurden, sich aber aus Gewissensgründen weigerten, an Hitlers Propaganda-Olympiade teilzunehmen.

Librettist und Schriftsteller Fritz Löhner-Beda war ein hervorragender Fußballspieler und wurde 1909 Mitbegründer und erster Präsident des SC Hakoah. © ÷NB-Bildarchiv / picturedesk.com; Votava / brandstaetter images / picturedesk.com; Hakoah

Dass es im Jahre 1909 zur Gründung der Hakoah gekommen war, lag an der politischen Atmosphäre dieser Zeit, die vom antisemitischen Wiener Bürgermeister Karl Lueger geprägt war. Die meisten Fußballvereine hatten nämlich einen „Arierparagrafen“, der jüdischen Sportlern die Aufnahme verwehrte. In Wien lebten 180.000 Juden, die oft großen Wert auf die sportliche Ertüchtigung ihrer Kinder legten. So entstanden in der Hakoah neben der Fußball- auch Eishockey-, Handball-, Tennis-, Schach-, Wasserball-, Ringer-, Tischtennis- und Schwimm-Sektionen.

Zur Prominenz unter den 4.000 „Blau- Weißen“ – wie die Sportler aufgrund der Clubfarben genannt wurden – zählte Friedrich Torberg, der dem Sportverein 1921 als 13-Jähriger beitrat und der Wasserballmannschaft (die dreimal österreichischer Meister wurde) angehörte. Durch diese Zugehörigkeit ist er wohl auch in Kenntnis der eingangs erwähnten Anekdote gekommen. Als „Kicker“ schrieben Béla Guttmann, Maxl Scheuer und Josef Grünfeld Sportgeschichte, und Präsident der Hakoah war Fritz Löhner-Beda, Textautor der Lehár-Operetten Das Land des Lächelns und Giuditta und selbst ein erstklassiger Fußballspieler.

So eindrucksvoll die Leistungen der jüdischen Sportler waren, so fassungslos bleibt man, was ihnen ab 1938 angetan wurde und dass einige dem Holocaust zum Opfer fielen.

Am 15. März 1938 sollte die Hakoah gegen den WAC spielen, doch an diesem Tag war der jüdische Club bereits von den Nationalsozialisten aufgelöst, und das Hakoah- Stadion in der Krieau ging an die „SA-Standarte 90“. Den meisten Sportlern gelang die Flucht ins Ausland, einige wurden ermordet, darunter Hakoah-Präsident Fritz Löhner-Beda, der 1942 als Zwangsarbeiter im KZ Auschwitz erschlagen wurde.

 

Schwimmtrainer Zsigo Wertheimer mit den erfolgreichen Hakoah-Schwimmerinnen Hedy Bienenfeld, Fritzi Loewy und Judith Deutsch. © ÷NB-Bildarchiv / picturedesk.com; Votava / brandstaetter images / picturedesk.com; Hakoah

 

Nach dem Krieg nahm die Hakoah ihre Tätigkeit wieder auf. Es folgte eine lange Auseinandersetzung zwischen Israelitischer Kultusgemeinde und Stadt Wien um die Restitution der 1938 enteigneten Hakoah-Gründe. Erst 2005 setzte die Stadt mit der teilweisen Rückgabe ein Zeichen, sodass im März 2008 auf dem früheren Gelände im Prater das neue „Karl Haber Sport- und Freizeitzentrum“ eröffnet werden konnte. Die heutige Hakoah zählt rund 600 aktive Mitglieder, wobei Judoka, Schwimmer und Basketballer die größten Erfolge erzielen.

Karl Haber, dessen Name das Hakoah- Zentrum trägt, war Schwimmer und Wasserballer, sein Sohn, der Internist und langjährige Hakoah-Präsident Paul Haber – er war 1964 österreichischer Staatsmeister im Brustschwimmen – sagte bei der Eröffnung des neuen Sportzentrums: „Vor 70 Jahren wurde der Verein von der SA zerschlagen. Aber das Dritte Reich ist untergegangen – und die Hakoah lebt!“ Und wie sie lebt: Ihr aktueller Präsident Thomas Löwy triumphierte als Masters- Europameister seiner Altersklasse mit Gold über 50 Meter Schmetterling.

Ich habe diese Abhandlung mit Friedrich Torberg begonnen und will sie mit ihm beenden. Mit einer weiteren Anekdote. Sie zeigt auf, welch große Bedeutung die jüdischen Sportvereine für ihre Mitglieder hatten und haben. Als man Torberg fragte, ob ihm die Erfolge seiner schriftstellerischen Tätigkeit oder ein 2:0-Sieg, den er als Wasserballer in Prag erzielt hatte, wichtiger wären, dachte er kurz nach. Und entschied sich für den Wasserball.

 

Hakoah-Tradition: Paul Haber beim Schwimmtraining 1987 mit Thomas Löwy und Daniel Fuchs im Wasser. Haber hat den Verein 37 Jahre lang geleitet und im Jahr 2024 an Löwy übergeben. Herbert Löwy und Karl Haber, ihre beiden Väter, trugen wesentlich zur Gründung des SC Hakoah nach dem Krieg bei. Daniel Fuchs fungiert derzeit als Vizepräsident des Vereins. © ÷NB-Bildarchiv / picturedesk.com; Votava / brandstaetter images / picturedesk.com; Hakoah

 


GEORG MARKUS 1951 geboren, lebt er als erfolgreicher und vielfach ausgezeichneter Sachbuchautor und Journalist in Wien. Zuletzt: Zeitensprünge. Meine Wege in die Vergangenheit (2024). georg-markus.at

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