Die ersten Erfahrungen mit Antisemitismus machte das Kind bereits im recht zarten Kindergartenalter. Es wusste noch keinen Reim darauf zu machen, dass es immer wieder anders behandelt wurde als andere Kinder. Es verstand nicht, warum die Mutter in – meist überfüllten – öffentlichen Transportmitteln manchmal beschimpft wurde und sich nicht wehrte. Die Vorsicht der Großmutter. Die stille Wut der Erwachsenen. Das Kind irrte zwischen diesen Erlebnissen umher wie in einem Spiegelkabinett, das es nicht freiwillig betreten hatte, sondern in welches es hineingeboren worden war. Ab und zu war da ein unsichtbares Hindernis, an dem es einfach nicht weiter ging. Ab und an war das Hindernis aber auch sehr gut sichtbar: die bösartige Nachbarin. Der schimpfende Verkäufer. Der Name des Kindes garantierte Ungemach. Sobald dieser Name bekanntgegeben wurde, war das Kind quasi Freiwild. Spätestens in der ersten Klasse. Das Kind kann keine Verknüpfung herstellen zwischen diesen Erlebnissen, sie scheinen völlig absurd, unerklärlich, es weiß nicht, womit es die Aggressionen triggert.
Israelis wären schon für den ersten
Weltkrieg verantwortlich gewesen.
Das Kind war ich, und meine Eltern seufzten, sobald sie mit ein paar jämmerlichen Koffern im Flugzeug saßen, das sie in neue Sicherheit einer neuen Heimat in Wien bringen sollte: Du wirst es besser haben als wir. Versprochen.
Die Vorstellung, dass auch in Österreich Antisemitismus stattfinden könnte, war ihnen reichlich fern. Das, was sie kannten, was sie ihr Leben lang begleitet und gefährdet hatte, war linker Antisemitismus und parteigewollt. Der Sündenbock des Zaren war in das kommunistische Erbe übergegangen. Das war sehr praktisch, denn es wurde zwar eine neue Welt und ein neuer Mensch gebaut, die Probleme und die Unzufriedenheiten waren aber öfter doch die gleichen, solche, die den Sündenbock gut brauchen konnten.
Nun gut. So entstiegen wir in Schwechat einer noch neueren und völlig unbekannten Welt entgegen. Einer, in der wir freier waren als zuvor. Absolut. Es dauerte aber nicht allzu lange und ich durfte feststellen, dass der Antisemitismus nicht völlig vom Tisch war. Er hatte sich nur umgezogen. Irgendwann hörte ich, dass ich und meinesgleichen das Jesukind ermordet hätten. Das war so absurd, dass ich lachen musste, das Lachen entschärfte die Situation allerdings nur bedingt. Glücklicherweise war die Person, die mir das mitteilte, ein anderes Kind und kein Erwachsener. Und es ging weiter. Ich sei doch eine Jüdin, da wäre ich bestimmt … der Mitstudent räusperte sich … bestimmt geschäftstüchtig? Ich dachte an mein hemmungslos überzogenes Konto und schwieg. Immerhin hatte ich diesmal niemanden ermordet! Alle diese Erlebnisse waren noch leichtfüßig, halb verborgen, hübsch maskiert, keine absolut offene Attacke. Dann wurde es … konkreter.
Die Juden hätten das World Trade Center selbst gesprengt, teilte mir eine bis dahin gute Freundin raunend mit. Darum sei kein Jude mehr im Gebäude gewesen! Lauter geschäftstüchtige Mörder. Da muss ich gestehen, dass mir das erste Mal ein sehr kalter Schauer über den Rücken lief. Es holte mich langsam ein, was ich als Kind erlebt hatte, kein seltsames Echo mehr, sondern harte, klare Ansagen. Und sie wurden mit der Zeit noch konkreter. Juden weltweit waren an der ganzen Verdammnis schuld, habe ich in den letzten zwei Jahren in mannigfaltigen Versionen erklärt bekommen. An Hungersnöten. An bewaffneten Konflikten. Vermutlich auch an Heuschreckenplagen und Froschinvasionen.
Der wenig schöne Höhepunkt war für mich persönlich jener, an dem die Betreiberin einer Beautymarke, die auch in Österreich immer noch vertreten ist, behauptet hat, Israelis wären schon für den ersten Weltkrieg verantwortlich gewesen. Auf die Radfahrer hatte sie leider vergessen.


























