Und es wird Wirklichkeit

Seit Jahrzehnten wurde um ein zeitgeschichtliches Museum in Österreich gerungen. Am 10. November eröffnet nun in einem Teil der Hofburg am Heldenplatz das Haus der Geschichte Österreich. WINA sprach mit Direktorin Monika Sommer über die Konzeption des Hauses, Widerstände im wissenschaftlichen Beirat und die Frage, wie mit aktuellen Vorfällen wie etwa der Liederbuch-Affäre in der FPÖ Niederösterreich umzugehen ist.
*Das vollständige Interview aus dem Heft #11/2018

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© Daniel Shaked

WINA: Was erwartet den Besucher im Museum?

Monika Sommer: Das Haus der Geschichte Österreich ist das erste zeitgeschichtliche Museum der Republik, hier bekommt man an einem Ort konzentriert einen Einblick in 100 Jahre österreichischer Zeitgeschichte. Dieses Jahrhundert war sehr ambivalent. Wir haben als Ausgangspunkt den 12. November 1918 gewählt, den Tag, an dem auf der Rampe des Parlaments die Republik verkündet wurde, und wir wagen einen Bogen über dieses ganze Jahrhundert an Hand von sieben unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Wir haben uns dabei für Fragen entschieden, die noch stark an die Gegenwart rühren. Denn das, was wir sein wollen, ist ein Diskussionsforum, in dem wir über die Vergangenheit auch die Gegenwart und die Zukunft diskutieren.

Können Sie ein Beispiel für eine Frage nennen, die Sie im Haus der Geschichte verhandeln werden?
Wir sehen uns etwa an, ob diese Erste Republik, die in der Literatur oft als die gescheiterte Republik, die verzweifelte Republik dargestellt wird, mit einem differenzierteren Blick vor allem auf die Gründungsjahre nicht auch viel Potenzial hatte. Da ist zum Beispiel die wirklich innovative Sozialgesetzgebung oder die österreichische Verfassung von 1920. Es war ein gesellschaftlicher Aufbruch und Umbruch, der im europäischen Vergleich auch relativ friedlich verlaufen ist. Das sind neue Perspektiven, die wir an den Anfang unserer Ausstellung stellen.

Hands-on-Vermittlung sollte in Museen heute Standard sein. Wie kann man Geschichte zum Angreifen präsentieren?
Die Vermittlung ist dem Haus der Geschichte Österreich ein sehr großes Anliegen. Wir haben im Vorfeld mit Schülerinnen und Schülern gearbeitet und Fragen an sie gestellt: Was interessiert euch als junge Menschen an der Geschichte, wo können wir Anknüpfungspunkte bieten? Das ist ein innovativer Zugang. Die Fragen, die diese jungen Menschen interessiert haben, lauten: Wie funktionierte der Weg in die Diktatur so rasch nach der Gründung der Republik? Wie kennzeichnen die Jahre 1933/34 bis 1938 und der NS-Terror dieses Jahrhundert bis heute? Lehrerinnen und Lehrer haben uns gebeten, dass wir einen Schwerpunkt gestalten, der auch chronologisch organisiert ist.

Welches Thema werden Sie so abhandeln?
Wir haben uns entschieden, eine Installation zu machen zur Macht der Bilder, kuratiert von Stefan Benedik. Hier geht es um einen bildanalytischen Zugang zu diesem Jahrhundert der Medien. Welche Bilder schaffen es, zu den Ikonen dieses Jahrhunderts zu werden? Wo müssen auch Geschichtswissenschaften kritischer werden mit der eigenen Bildverwendung und Bildanalyse? Was leistet aber beispielsweise auch die Auseinandersetzung mit dem Medium Bild? Wir konnten hier unter anderem auf Studien von Gerhard Botz zurückgreifen, der festgestellt hat, dass die Entstehung des Justizpalastbrands anhand des Schattenverlaufs auf Fotos rekonstruiert werden kann. Genau das wollen wir hands-on vermitteln. Es wird auch Aktivstationen in der Ausstellung geben, bei denen man selbst eine Meinung hinterlassen, etwas posten oder abstimmen kann. Wichtig ist auch die Schnittstelle mit unserem Webportal. Es wird Stationen in der Ausstellung geben, an denen man selbst Bilder zu bestimmten Themen hochladen kann und somit auch die Ausstellung mitverändert. Das sind zum Beispiel Themen wie Häuslbauen, bei denen viele Österreicherinnen und Österreicher Eigenerfahrung haben, oder auch 1989, der Fall des Eisernen Vorhangs.

»Dass dieses Museum stets als parteipolitisches Projekt gesehen wurde, war einer der Gründe für das jahrzehntelange Nichtzustandekommen.«
Monika Sommer

Es geht also auch um den Aufbau eines nationalen Archivs.
Ja, wobei dieser Begriff schwierig ist. Wir sehen uns nicht in der Tradition des Nationalmuseums des 19. Jahrhunderts. Wir sind ein Museum, das im 21. Jahrhunderts unter demokratischen Umständen gegründet wird, und haben somit einen ganz anderen Gründungsauftrag als die Museen des 19. Jahrhunderts, die ihre Gründung oft einer bürgerlichen Vereinskultur verdankten oder der Repräsentation des Kaiserhauses. Und wenn man bedenkt, dass in den letzten Jahrzehnten auch die Museen vielfach kritisiert wurden von den postcolonial studies und den Kulturwissenschaften, dann können und wollen wir daran nicht vorübergehen. Man hat erkannt, dass die Museen nicht außerhalb der Zeit existieren.

Das Museum behandelt aber österreichische Geschichte. Was ist der Gegenentwurf zum Nationalmuseum? Es geht ja nicht darum, dass Österreich eine Nation ist, sondern es geht um Geschichte auf einem Territorium. Oder wie ist da Ihre Definition?
Uns ist sehr wichtig, dass man Österreich auch immer wieder in einem internationalen Kontext sieht, wir starten zum Beispiel mit einer großen Weltkarte. Wir wollen keine Nabelschau betreiben, wir wollen einladen, über dieses Österreich nachzudenken, über dieses ambivalente Jahrhundert ins Gespräch zu kommen, da es ja auch wirklich noch viel Gesprächsbedarf gibt, vor allem wenn man an die Jahre 1933/34 bis 1938 und auch 1938 bis 1945 denkt. Wir sind natürlich in dem Spannungsfeld, dass wir einerseits traditionelle Erzählungen über Österreich dekonstruieren und andererseits auch neue Deutungsangebote machen wollen. Damit befinden wir uns wie andere ähnliche Häuser auch in einer Operation am offenen Herzen einer Gesellschaft, weil man die Finger auf offene Wunden legt, gleichzeitig aber auch nicht eine Institution sein will, die nur Kritik übt und nur die Schattenseiten zeigt. Wir freuen uns, wenn es zu Debatten kommt, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das Haus der Geschichte Österreich Kontroversen auslösen wird.

Sie sehen Gesprächsbedarf über die Jahre 1933/34 bis 1945. Ist dabei die NS-Zeit besser ausgeleuchtet als die Zeit von 1933 bis 1938?
Wenn man sich die Aktivitäten der Zeitgeschichte-Institute über Jahrzehnte hinweg anschaut, dann wurde sicher ein Schwerpunkt auf die Zeit des Nationalsozialismus gelegt, dennoch ist auch hier noch vieles nicht erforscht. Nachholbedarf gibt es etwa bei der Täter- und Täterinnenforschung. Auch ein geschlechterhistorischer Zugang ist uns in der Ausstellung durchgängig wichtig. Meine Kollegin Heidemarie Uhl hat einmal die Jahre 1933/34 bis 1938 als die „Gretchenfrage der österreichischen Zeitgeschichte“ bezeichnet, weil es selbst in den Wissenschaften keinen klaren Konsens über die Bezeichnung dieser Jahre gibt.

Da gibt es aber ja nun einen neuen Begriff.
Ja, Kanzlerdiktatur. Das ist der, den einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen jetzt verwenden, geprägt hat ihn Helmut Wohnout. Wir haben diesen Begriff mit unserer peer group erprobt und sind dann zu dem Ergebnis gelangt, dass wir damit in der Ausstellung nicht als Hauptbegriff arbeiten wollen, weil die jungen Menschen ihn mit dem Reichskanzler verwechselt haben. Unser Ziel ist es, die Unterschiede zwischen diesen beiden Diktaturen herauszuarbeiten.

Welchen Begriff verwenden Sie nun in der Ausstellung?
Wir haben uns entschieden, die Jahre 1933/34 bis 1938 als Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur zu bezeichnen. Georg Hoffmann, der diesen Bereich kuratorisch zu verantworten hat, hat eine Installation entwickelt, die Die Diktatur der vielen Namen heißt. Dort verdeutlichen wir, woher der Begriff des Ständestaats kommt, woher der Begriff des Austrofaschismus kommt, was die Kritik am Begriff der „Kanzlerdiktatur“ ist. Und wir nehmen uns in diese Installation auch selbstkritisch mit auf und sagen, auch der Begriff der „Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur“ ist kein idealer Begriff, weil er womöglich zu einer Gleichsetzung zwischen Dollfuß und Schuschnigg verleitet – aber wir haben eben momentan keinen besseren Terminus.

Es hat sehr lange gedauert, bis dieses Haus der Geschichte umgesetzt wurde, dabei gab es verschiedenste Modelle. Nun steht eine kleine Fläche in einem größeren Gebäude – der Hofburg – zur Verfügung. Budgetär wurde einmal ein Betrieb von 18 Monaten sichergestellt. Wie ist die längerfristige Perspektive?
Wir legen mit der jetzigen Eröffnung einmal ein Fundament für ein Haus der Geschichte, das sicher auch noch Entwicklungspotenzial hat, sowohl was die Größe, die budgetäre Abdeckung etc. betrifft. Aber wir waren gleichzeitig noch nie so weit wie heute, und es ist gut und wichtig, dass das heurige Gedenkjahr zu dieser Gründung geführt hat, weil wir nun ausgehend von einer konkreten Basis diskutieren können. Wir müssen weiter diskutieren, ich lade da auch die Historiker und Historikerinnen dazu ein. Gleichzeitig kommt, glaube ich, eine neue Qualität in die Debatte, wenn es einmal auch etwas Handfestes gibt und nicht nur Konzeptpapiere.

Und es ist auch wichtig, dass wir beginnen, eine Sammlung zur österreichischen Zeitgeschichte aufzubauen, das ist ein absolutes Desiderat. In Einzelfällen haben benachbarte und auch befreundete Museen Objekte übernommen, die normalerweise in ein Haus der Geschichte Österreich gehören würden.

Gibt es ausreichend Lagerplatz für die Sammlung?
Wir haben ein Depot hier, am Heldenplatz, es ist ein noch kleines Depot, aber wir sind ja derzeit auch auf viele Leihgaben, viele Schenkungen angewiesen. Wir haben kein großes Ankaufsbudget, haben aber durchaus aus der Bevölkerung schon interessante Objekte angeboten bekommen, beispielsweise eine Art Tagebuch eines jungen Mannes, der den „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland 1938 mitdokumentiert hat, Zeitungsausschnitte eingeklebt hat – man sieht hier, wie ein junger Bub von diesem politischen Umsturz bewegt war. Das ist ein ganz spannendes Objekt, das wir in unserer Ausstellung zeigen werden.

Höre ich insgesamt den Wunsch heraus, dass es ein Haus der Geschichte Österreich einmal an einem anderen Ort geben wird?
Über den Ort muss man entscheiden. Grundsätzlich ist die Hofburg am Heldenplatz ein guter Ort. Sie ist eigentlich selbst auch schon das erste Ausstellungsobjekt, denn sie ist ja erst nach Ende des Ersten Weltkriegs fertiggestellt worden. Die Räumlichkeiten sind ein Teil der Geschichte, die wir hier erzählen. Gleichzeitig findet die Repräsentation Österreichs eigentlich immer in Räumen statt, die sich der Monarchie verdanken. Denken wir an das österreichische Parlament, denken wir an die Präsidentschaftskanzlei, die in der Hofburg untergebracht ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es ein wichtiges Zeichen wäre, das Haus der Geschichte Österreich in einem spannenden Neubau zu verorten. Das ist natürlich eine sehr große Vision; Tatsache ist, dass die derzeitige Fläche des Museums internationalen Standards für Häuser der Geschichte noch nicht gerecht wird.

Über wie viele Quadratmeter verfügen Sie?
Wir haben 800 Quadratmeter reine Ausstellungsfläche, da kommen noch ein Vermittlungsraum und ein kleiner Lounge-Kaffeehaus-Bereich hinzu. Ein Museum besteht eben immer aus unterschiedlichsten Raumanforderungen. Das, was man wirklich braucht, um ein ideales Haus sein zu können, ist einerseits eine Dauerausstellung, und gleichzeitig braucht man Flächen für Sonderausstellungen, sodass man z. B. umbauen kann, ohne dass man das Haus zwischenzeitlich schließen muss.

Und das ist in der Hofburg nicht gegeben.
Aktuell nicht. Wir müssen jetzt rasch nach der Eröffnung der ersten Ausstellung, die für 18 Monate anberaumt ist, gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen klären, wie es mit dem Haus der Geschichte Österreich weitergeht.

Etwas Spannendes haben Sie in den aktuellen Räumlichkeiten: den Balkon, der Geschichte geschrieben hat, weil Adolf Hitler auf ihm nach dem „Anschluss“ zu den jubelnden Menschen am Heldenplatz sprach. Wird dieser in die Ausstellung einbezogen?
Als ich im Februar 2017 hier als Gründungsdirektorin angetreten bin, war das eine der ersten Fragen, die ich mir gestellt habe: Wie gehen wir schon vor der Eröffnung im März 2018 mit dem Balkon um? Wir haben uns entschieden, ein Kunstprojekt zu realisieren. Die schottische Turner-Preisträgerin Susan Philipsz hat eine Klanginstallation am Heldenplatz realisiert, die zwei Mal pro Tag zu hören ist. Die Arbeit heißt The Voices und erinnert einerseits an all jene, die mit diesem neuen Regime zum Schweigen gebracht wurden. Andererseits gemahnt es an die Gegenwart und fragt, wofür erheben wir heute unsere Stimme? Der Gebäudeteil selbst, der Balkon, ist derzeit aus baulichen Gründen nicht zu betreten, er entspricht nicht den aktuellen Sicherheitsanforderungen. Es müsste zudem eine Klimaschleuse eingebaut werden, es befinden sich ja hochsensible Objekte in der Burg.

Werden Sie ihn dennoch in die Ausstellung einbeziehen?
Ja, wir werden die Fläche, die innen liegend dem Altan vorgelagert ist, Ausstellungen widmen, die mit dem Nationalsozialismus zu tun haben. Wir starten mit der Ausstellung Nur die Geigen sind geblieben. Alma und Arnold Rosé. Nach Alma Rosé, der Wiener Geigerin, die das Frauenorchester von Auschwitz geleitet hat und dort auch ums Leben kam, wird diese zentrale Fläche der Neuen Burg künftig auch benannt werden. Die Vermittlung der Schoah ist eine zentrale Aufgabe des Hauses der Geschichte Österreich.

Im Sommer gab es Querelen, Eva Blimlinger und Gerhard Baumgartner sind aus dem wissenschaftlichen Beirat ausgetreten. Die Kritik war, die Erzählstruktur der Ausstellung sei nicht klar. Können Sie das nachempfinden?
Ein bisschen ist die Rolle hier so, wie wenn man Trainer*in der österreichischen Fußballnationalmannschaft ist. Da gibt es viele Expert*innen und auch zu Hause vor den Bildschirmen vielfache Meinungen, wer aufgestellt werden soll. Das Haus der Geschichte könnte sehr unterschiedlich konzipiert werden, es gibt nicht die eine gültige Zugangsweise. Es gab bei dem Hearing-Verfahren für diese Position unterschiedliche Konzepte. Der wissenschaftliche Beirat hat einen Dreiervorschlag erstellt, ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger hat sich für mich entschieden, und deswegen wird hier das Konzept umgesetzt, mit dem ich mich beworben habe.

Was die Vorwürfe der beiden ausgetretenen Mitglieder betrifft, möchte ich dazu sagen, dass wir hier gemeinsam Neuland betreten haben. Es gibt kein einziges anderes Museum in diesem Land, das zwei gesetzlich verankerte Gremien hat, nämlich ein Publikumsforum und einen politisch besetzten wissenschaftlichen Beirat. Die Beiratsbestellung erfolgte noch unter Kanzler Werner Faymann und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Da die von ihm nominierten Mitglieder ihr Amt zurückgelegt haben, ist es nun an Wissenschaftsminister Heinz Faßmann, neue Mitglieder zu benennen.

Sind solche Misstöne symptomatisch für so ein Projekt?
Das gehört absolut dazu, schauen Sie zurück zu den großen Historikerdebatten, die es in den 1980ern rund um die Gründung des Deutschen Hauses der Geschichte gegeben hat, oder erinnern Sie sich an die Diskussionen rund um das Deutsche Historische Museum in Berlin. Das waren wirklich lange Querelen, aber man hat gesehen, sobald die Häuser einmal da sind, kommt man in eine neue Qualität der Debatte.

Wie bewerten Sie insgesamt die Rahmenbedingungen der Eröffnung. Wir haben das Gedenkjahr, es gibt eine Regierung mit FPÖ-Beteiligung, und es wurde dieser Tage von Vizekanzler Heinz-Christian Strache ein Denkmal für die Trümmerfrauen enthüllt, das nicht unproblematisch ist, weil von Historikerseite klar ist, dass es sich hier um einen Mythos handelt. Müsste sich das Haus der Geschichte nicht eines solchen Themas annehmen?
Die Geschichte der Zweiten Republik ist ein integraler Bestandteil unserer Arbeit. Wir werden den knappen Raum, den wir haben, auch nutzen, um Themen zu behandeln, die bis in die Gegenwart führen. Wir haben beispielsweise die diesjährige Liederbuch-Affäre in der Ausstellung. Ab dem Moment unserer Eröffnung kann das Haus der Geschichte Österreich der Ort sein, an dem zum Beispiel über das Trümmerfrauen-Denkmal diskutiert wird. Wichtig ist mir, dass wir einen Zugang wählen, der sich als ein überparteilicher versteht. Denn dass dieses Museum stets als parteipolitisches Projekt gesehen wurde, war einer der Gründe für das jahrzehntelange Nichtzustandekommen.

Wie kann man die Liederbuch-Affäre überparteilich diskutieren?
Wir zeigen die Fakten auf, thematisieren die tatsächlichen historischen Ereignisse und schaffen einen Raum für Reflexionen: Damit können wir auch den Prozess der Aufarbeitung begleiten und thematisieren, was es noch zu tun gibt. Es wurde ja eine Kommission unter der Leitung von Wilhelm Brauneder eingesetzt.

Aber da gibt es ja bis jetzt kein Ergebnis.
Ja, es liegt noch kein Ergebnis vor, aber meinem Verständnis nach sollten wir genau dieser Ort sein, an dem diese Diskussionen geführt werden können.

Eine Historikerkommission unter Brauneder, der früher FPÖ-Politiker war und damit nicht unabhängig ist: Lässt sich das trennen, dieser Fokus auf die FPÖ und der Umgang mit Geschichte? Ist man da nicht automatisch im Parteipolitischen drinnen?
Ich glaube, dieser Anlass lädt dazu ein, nicht nur bei der FPÖ zu schauen, wo die braunen Flecken sind, sondern gleichzeitig zu schauen, wie es um die Aufarbeitung auch in den anderen Parteien steht, also durchaus auch bei der ÖVP und der SPÖ, und klar zu vermitteln, welche Desiderate die Forschung der letzten Jahre hier aufgezeigt hat. Ich glaube, wir können hier auch wichtige Impulse setzen, für die dann natürlich auch wieder Forschungsgelder notwendig sind.

Die SPÖ zum Beispiel hat ihre braunen Flecken aufgearbeitet. Kann man das wirklich mit der Situation in der FPÖ gleichsetzen? Ist das nicht wieder eine Gleichmacherei in die andere Richtung?
Ich glaube, es geht nicht um Gleichmacherei, sondern um die Frage, warum die Integration der Nationalsozialist*innen in alle Parteien gelingen konnte. Dazu gibt es zu allen Parteien aktuelle wissenschaftliche Forschungen in hoher Qualität. Ich glaube, wir müssen hier von einem ideologischen Zugang wegkommen.

Die Sache mit der Äquidistanz funktioniert aber nicht, wenn einer immer Grenzen überschreitet. Das kann ja auch zur Falle werden.
Es ist schwierig, aber ich glaube, wir müssen ein Ort sein, an dem wir alle Perspektiven auf die Vergangenheit im Blick haben. Wir wollen natürlich gleichzeitig ein Ort mit ganz klarer Haltung sein, wo es Grenzen gibt, was diskutiert und was nicht diskutiert wird.

Was wäre denn ein Thema, bei dem Sie sagen, das kann man hier nicht erörtern?
Unsere Richtschnur sind die Menschenrechte und die Demokratie. Alles, was irgendwie den Holocaust in Frage stellt oder relativiert, ist ein klares No Go. Wir sind die erste Ausstellung, die auch die Involvierung der Österreicher und Österreicherinnen in das NS-Terrorregime ganz klar zum Ausdruck bringt. Natürlich gehen wir auch auf den Widerstand ein, aber eben auch auf die Täter- und Täterinnenperspektive. Ich bin überzeugt, dass wir hier Neuland betreten. Wir schreiben diesen Aspekt der österreichischen Geschichte in die Republiksausstellung ein, die österreichische Mitverantwortung wird nicht exterritorialisiert mit der Entschuldigung, ab 1938 gab es juristisch Österreich nicht. Die Schoah ist Teil unserer Geschichte.


Eröffnung am 10. November

Das Haus der Geschichte Österreich öffnete am 10. November seine Pforten. Mit sieben Themenschwerpunkten macht das Museum, das vorerst bis 17. Mai 2020 geöffnet hat, einen Streifzug durch 100 Jahre (Zeit-)Geschichte. Ausgangspunkt ist die Gründung der Ersten Republik 1918, sie bildet auch den ersten Themenblock in der Ausstellung, wobei vor allem die ersten Jahre ausgeleuchtet und die Errungenschaften dargestellt werden. „Wunder Wirtschaft?“ stellt die Beziehungen zwischen Ökonomie, Politik und der Lebensrealität von Menschen dar, „Diktatur, NS-Terror, Erinnerung“ widmet sich den Jahren 1933 bis 1945, aber auch deren Nachhall in Form von Verdrängung in den darauffolgenden Jahrzehnten. Weitere Stationen befassen sich mit dem Wandel des Österreich-Bewusstseins, der Veränderbarkeit von Grenzen, dem Kampf um gleiche Rechte und der Macht der Bilder.

hdgoe.at

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