„Ein Konzert hat schon was religiöses“

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Musik als ein Weg zum Dialog.

Die junge französische Pianistin und „Halb-Wienerin” Eloïse-Bella Kohn erzählt über ihre Herzensangelegenheiten und ihr Musikerleben im  Gespräch mit Sebestyén Fiumei.

WINA: Professionelle Musikerin wird man nicht per Zufall. Die starke Verbindung zur Musik ist meist stark von der Familie geprägt. Wie hat Ihre Beziehung zum Klavier begonnen?

Eloïse-Bella Kohn: Um professionelle klassische Musikerin zu werden muss man nicht unbedingt aus einer Musikerfamilie stammen, aber in jedem Fall aus einer Familie, die Musik liebt. Mein Vater schwärmt leidenschaftlich für klassische Musik. Er ist zwar Ingenieur, während seines Studiums sang er aber in einem Chor, wo er auch meine Mutter kennen gelernt hat. In meiner ganzen Familie spielte nur meine ungarische Urgroßmutter ein Instrument und zwar das Zymbal. Ich war noch keine vier Jahre alt, als ich angefangen habe, Klavier zu spielen.

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Wie viel Zeit verbringen Sie mit Üben? Und wofür bleibt dann noch Zeit?

❙ Ich übe gerne vier Stunden am Tag und finde weniger ist frustrierend. Musiker sein, ähnlich den Schauspielern, ist ein sehr narzistischer Beruf. Man muss ständig und viel auswendig lernen. Das eigene Gedächtnis ist ständig im Einsatz, und man steht regelmäßig im Rampenlicht. Das macht es immer wieder notwendig, von sich, vom großen Selbst, ein bisschen wegzukommen. Ich lese viel und gern, um ein wenig aus dem eigenen Leben, aus der eigenen Geschichte herauszukommen.

Sie sprechen Deutsch mit einem französischen Akzent, aber fließend und, wenn Sie es mir erlauben, ungewohnt schnell. Ich nehme an Sie beschäftigen sich viel mit Sprachen.

❙ Sprachenlernen zählt zu meinen Hobbys. Ich habe in der Schule mit Russisch angefangen, dann kamen Altgriechisch, Latein und natürlich auch Englisch dazu. Deutsch lerne ich seit ein paar Jahren autodidaktisch. Zurzeit bin ich auch Studentin für Ivrit an einer Uni in Paris. Wenn es meine Zeit zulässt, wird sich auch mein Hebräisch zusehends verbessern!

Warum sind Sie nach Wien gekommen?

❙ Im Frühjahr 2015 habe ich die russische Pianistin Lilya Zilberstein kennen gelernt. Sie hat mir empfohlen, mich um einen Platz in ihrer Klasse an der MDW zu bewerben, wo sie seit anderthalb Jahren als Professorin lehrt.

Erfreulicherweise wurde ich angenommen. Seit einem Jahr verfolge ich mein Postgraduate-Studium und komme zum Unterricht jeden Monat wochenweise nach Wien. Die musikalische Umgebung hier ist natürlich toll für mich. So treffe ich hier viele Musiker, mit denen ich Kammermusik spielen kann.

Apropos Spielen. Ihr Fokus liegt auf Frankreich, aber Sie haben auch schon in Wien gespielt. Vor Kurzem erst haben Sie mit der jungen französischen Solofagottistin der Wiener Philharmoniker Sophie Dartigalongue an der französischen Botschaft ein exklusives Kammermusikkonzert gegeben. Wann wird Sie auch die breitere Zuhörerschaft in Wien hören können?

❙ Ich habe in Frankreich studiert, und selbstverständlich bin ich viel mehr im dortigen Musikleben eingebunden. Ich reise viel und gebe überall Konzerte, aber sich in einer neuen Stadt ein Netzwerk aufzubauen und zu etablieren, dauert eine Weile. Da ich sowieso noch für ein weiteres Jahr in Wien studiere, könnte ich versuchen, in meinem vollen Konzertplan Zeit zu finden. Ich freue mich natürlich über jede Einladungen!

Was Ihre Musik betrifft, haben Sie Schwerpunkte? Was spielen Sie gern?

❙ Unter allen Instrumenten hat das Klavier das breiteste Repertoire. Mir ist es wichtig, ein bisschen von allem auszuprobieren, in vielen Konfigurationen zu spielen – vom Solo über Kammermusik und Klavierkonzert mit Orchester bis hin zu Liedern mit Gesang. Ich finde das eine ergänzt das andere, und ich mag diese Vielfalt.

Und wenn ich nach Komponisten oder sogar nach Stücken fragen würde …?

❙ Es gibt Pianisten, deren Fokus sich nur auf ein oder zwei Komponisten richtet. Ich persönlich habe in jeder Epoche meine besonderen Favoriten, z. B. Bach, Mozart, Brahms, Debussy. Und ein Stück? Ich spiele sehr gern die Goldberg-Variationen von Bach.

Die meisten Musiker haben eine starke Verbindung zum eigenen Instrument, zum Objekt. Anders ist es bei Pianisten, die bei jedem Konzert an einem anderen Klavier spielen müssen. Wie beeinflusst dieser Umstand den Musiker?

eloise_wien❙ Erstens mag ich es sehr, dass ich mein Instrument nicht immer mit mir auf der Straße mittragen muss. Mir ist viel lieber, dass ich in vollkommener Diskretion reisen kann, ohne dass die Leute wissen, was mein Beruf ist.

Jedes Konzert ist anders, aber das gilt natürlich auch für alle anderen Musiker. Der Ort und die Akustik sind jedes Mal unterschiedlich, aber für mich ist auch das Instrument jedes Mal ein anderes. Ich muss vor dem Konzert zuerst das neue Klavier kennen lernen, mir ein bisschen Zeit für das Instrument nehmen und dessen Eigenschaften verstehen lernen. Es ist ähnlich, wie wenn man eine Person kennen lernt. „Ah, du bist so, hier ist es wirklich stressig, also nicht zu laut, Pedal nur leicht, aber bei den Tasten mit Energie …“ Dieses Kennenlernen ist ein sehr spannender Prozess.

Wie ausschlaggebend ist das Publikum bei einem Konzert?

❙ Ein Konzert könnte ohne Publikum nicht funktionieren. Während des Konzerts kriegt man vieles von den Menschen mit. Man spürt deren Aufmerksamkeit. Beim Spielen versuche ich nicht an das Publikum zu denken, sondern mich auf die Musik zu fokussieren, in eine Art Trance mit der Musik zu kommen und das mit dem Publikum zu teilen. Ich merke es aber sofort, wenn das Publikum nicht eingenommen ist. Dann muss ich darauf reagieren, meine Nuancen im Spiel anpassen.

Ein Konzert hat etwas Religiöses, es erinnert irgendwie an Rituale oder einen G-ttesdienst. Niemand spricht, und alle sind in die gleiche Richtung gewendet. Es ist nicht immer so einfach, diese Spiritualität vom Anfang an für hunderte Menschen zu erregen. Mein Ziel ist aber jedes Mal, diese Achtsamkeit und Sinnlichkeit im Konzertsaal zu erzeugen. Und wenn mir das gelingt, ist es einfach ein sehr cooles, ein sehr intensives Gefühl für mich, beinahe ein himmlisches. Und wenn das Publikum dann zum Schluss applaudiert, fällt der ganze Druck von mir ab. Dann bin ich äußerst glücklich.

Wenn der Musiker mit den Jahren eine gewisse Professionalität erreicht hat, kann man dann eigentlich noch besser werden?

❙ Ich würde sagen, es ist wie der Horizont. Man sieht die Ferne, also das, wonach man strebt. Man kommt natürlich allmählich weiter, aber den Horizont erreicht man nie.

Der legendäre russische Pianist Swjatoslaw Richter hat gesagt, dass er mit seinem Spiel immer zutiefst unzufrieden war. Ein besseres Bonmot fällt mir auch nicht ein! (lacht)

Wie empfinden Sie als französische Jüdin die Situation in Frankreich?

❙ Es ist keine einfache Frage für mich, aber was ich sagen kann ist, dass die Stimmung der meisten Juden in Frankreich nicht gut ist. Sehr viele sind besorgt. Aber als französische Jüdin finde ich es jetzt besonders wichtig, sich nicht aus Angst zu verschließen, sondern sich für den Dialog zu öffnen. Deswegen engagiere ich mich für das Yadaïn Piano Duo, das ich mit Dina Bensaïd, meiner muslimische Freundin aus Marokko, gegründet habe. Mit Dina bin ich, seitdem wir beide am Conservatoire de Paris gelernt haben, befreundet, und es liegt uns am Herzen, ein Zeichen des Dialogs zwischen der jüdischen und muslimischen Kultur zu setzen. Yadaïn ist kein politisches Projekt. Wir sind nur Künstlerinnen und haben keine politischen Ambitionen. Aber worin wir gut sind, ist, Musik zu spielen. Wir spielen zusammen, um eine positive Nachricht zu transportieren. Und das tun wir auch über Frankreichs und Europas Grenzen hinaus. Im Oktober dieses Jahres machen wir eine Tournee durch Marokko, wo wir Doppelkonzerte von Poulenc zusammen mit dem Philharmonischen Orchester von Marokko unter dem Dirigat von Jean-Claude Casadesus spielen werden. Ich kann es kaum noch erwarten!

Eloïse-Bella Kohn wurde 1991 in Paris geboren. Sie studierte an der CNSM in Paris und an der Hochschule für Musik in Freiburg. Seit 2015 ist sie Studentin von Prof. Lilya Zilberstein an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW). Als Solistin wie auch als Kammermusikpartnerin gibt sie Konzerte überall in Europa. Und sie ist Teil des Yadaïn Piano Duo, das sie gemeinsam mit der marokkanischen Pianistin Dina Bensaïd gegründet hat. Eloïse-Bella Kohn ist Preisträgerin des ADAMI, der Stiftung Safran, der Stiftung Dr. Robert und Lina Thyll-Dürr und „Jeune Talent“ des französischen Magazin Diapason.

Bilder: © Balázs Böröcz – Pilvax Studio

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