Ein, zwei Mal die Woche setzt sich Daniel Brandel mittags zu den Kindern im Speisesaal, isst eine Kleinigkeit und unterhält sich mit ihnen. „Ich nenne das Qualitätskontrolle“, erzählt er schmunzelnd. Oft kommt dabei von den Buben und Mädchen die Frage: „Was arbeitest du eigentlich?“ Andere Kinder meinen dann: „Du bist für den Feueralarm zuständig.“ Oder: „Du bist der Fotograf.“ Er selbst aber antwortet: „Ich mache die Dinge, die euch auffallen, wenn ich sie nicht mache.“ Man könnte auch salopp sagen: Er schaut, dass das Werkl in der Zwi-Perez-Chajes-Schule läuft, egal, ob Normal- oder Krisenbetrieb angesagt ist. Schwierige Phasen zu meistern gehöre inzwischen leider allerdings zum ganz normalen Alltag. Pandemie, Inflation, Kriege: Der Ausnahmezustand reißt gar nicht mehr ab.
Brandel, 1976 in Wien geboren, studierte nach er Matura Jus, wusste aber nach einem Praktikum in einer großen Anwaltskanzlei recht bald: In den Anwaltsberuf würde es ihn nicht ziehen. Seit jeher sieht er sich vor allem in der Funktion eines Übersetzers. Das war auch seine Motivation, Rechtswissenschaft zu studieren: Die Welt wird durch Gesetze geordnet; zu wissen, was da wo wie geregelt ist, schaffe eine ganz besondere Art der Barrierefreiheit. So reifte auch der Entschluss, parallel Publizistik zu studieren und in eine Richtung wie Peter Resetarits mit seiner Sendung Bürgeranwalt zu gehen.
Doch dann kam sozusagen das Leben dazwischen. Oder der Zufall. Wobei es Zufälle gibt, die dann am Ende vielleicht gar kein Zufall sind. Seine Frau Katharina hatte er bereits früh kennengelernt, sie besuchten dieselbe Schule und studierten gemeinsam Jus. Katharina Brandel arbeitet heute ebenfalls im Bildungsbereich: Sie leitet das Institut für Kindergarten und Hortpädagogik (IKH) der Wiener Volkshochschulen. Als Daniel Brandel sein Jusstudium abgeschlossen hatte, war Sohn Simon bereits auf der Welt, der junge Vater musste aber noch seinen zuvor aufgeschobenen Zivildienst absolvieren. Und genau da kreuzte sich sein Weg mit der Kultusgemeinde zum ersten Mal.
Brandels Vater, von Beruf ein Setzer und lange bei der MediaPrint tätig, war 1937 als Sohn eines Juden und einer nichtjüdischen Polin aus Krakau in Wien zur Welt gekommen (und würde als Erwachsener ebenfalls eine Polin und ebenfalls aus der Gegend um Krakau heiraten – Daniel Brandels Mutter). Der Großvater überlebte als U-Boot in einem Haus in der Tempelgasse, Ecke Ferdinandstraße – heute befindet sich an dieser Stelle der kleine Spielplatz gegenüber dem Sefardischen Zentrum. Der Vater, in der NS-Zeit als „Halbjude“ eingestuft, überstand den NS-Terror mit seiner Mutter in einer Gartensiedlung in der Donaustadt. Andere Familienmitglieder wurden deportiert und ermordet, unter anderem Daniel Brandels Urgroßmutter Ida Brandel.
„Ein Jurist, der auch die technische Sprache
versteht, das hat mich gereizt.“
Daniel Brandel
Wieder andere konnten entkommen, darunter der Cousin des Großvaters, „Onkel Alex“, wie ihn die Familie zeitlebens nannte. Er hatte sich in Seattle in den USA ein neues Leben aufgebaut. Nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes, der an Multipler Sklerose erkrankt war, aber auch dem Ableben seiner altösterreichischen Freunde habe er sich ziemlich allein gefühlt. „Und da haben meine Eltern gesagt: Komm doch nach Wien und verbringe deinen Lebensabend in Wien.“ So kam es, dass Onkel Alex im Alter von 87 Jahren tatsächlich nach Wien zurückkehrte und hier zunächst zwei Jahre lang mit seinem Großneffen Daniel in einer Wohngemeinschaft lebte. Doch als die gesundheitlichen Probleme zunahmen und er Pflege brauchte, stellte sich die Frage: wohin? In ein Altersheim, in dem er möglicherweise mit früheren Nazis zusammengekommen wäre, wollte der Rückkehrer dezidiert nicht. Der betreuende Arzt schlug daher das Maimonides Zentrum (MZ), damals noch in der Bauernfeldgasse beheimatet, vor. „Dort ist er dann hingekommen, und dort fühlte er sich wohl.“

Daniel Brandel besuchte den Großonkel regelmäßig im MZ und lernte dabei auch den damaligen Leiter, Hansjörg Missbichler, kennen. Der habe gemeint, „Juristen kann ich immer brauchen“, und es war gerade eine Zivildienststelle frei. So fing Brandel im Oktober 2000 an, als Zivildiener im MZ zu arbeiten. Danach führte eines zum anderen: Das MZ übernahm ihn als Assistenten der Geschäftsführung, doch seine Nähe zur IT fiel auch in der IKG-Zentrale auf. 2001 wechselte er in die EDV-Abteilung der Kultusgemeinde und war dabei vor allem für das MZ und die ZPC-Schule verantwortlich. In diese Zeit fielen unter anderem die Implementierung einer neuen Buchhaltungssoftware in der IKG, aber auch die Einführung der elektronischen Patientinnen- und Patientenverwaltung im MZ. 2003 absolvierte er hier auch die Zertifizierung zum Microsoft Professional. „Da war ich wieder bei dieser Idee des Übersetzens: Ein Jurist, der auch die technische Sprache versteht, das hat mich gereizt.“
Dann der nächste Wechsel: In der ZPC-Schule wurde eine neue kaufmännische Leitung gesucht. Vom damaligen Generalsekretär Fritz Herzog auf die Ausschreibung dafür aufmerksam gemacht, bewarb Brandel sich – und setzte sich schließlich bei den Hearings durch. Seit 2005 leitet er nun die Geschicke der Schule, seit 2012 allerdings auch als Geschäftsführer des Vereins zur Erhaltung der ZPC-Schule. Damit vertritt er nun zusätzlich zur administrativen Führung den Trägerverein des Schulcampus auch gegenüber Dritten, wie zum Beispiel Fördergebern oder den Schulbehörden.
Umfangreicher Aufgabenkatalog. Die Aufgaben sind, wie eingangs schon skizziert, vielfältig: Er zeichnet für das Personalwesen ebenso verantwortlich wie für die Budgeterstellung und das Controlling, für das Einreichen und Abrechnen von Subventionen und den gesamten Zahlungsverkehr. Zu seinen Aufgaben gehören aber auch die akademische Qualitätssicherung und die regelmäßige Evaluierung des Schulkonzepts. „Ich sehe mich in Absprache mit dem Vorstand des Schulvereins hier als Prozesstreiber.“ Ein weiterer Pfeiler ist die Öffentlichkeitsarbeit – also Webseite, Kalender, Jahresbericht. Nun sollen auch Social Media mehr bespielt werden. Hier kommt auch eines von Brandels Hobbys zum Einsatz: Es ist kein Zufall, dass ihn viele der Schüler und Schülerinnen sofort mit einer Kamera assoziieren. Brandel hält alles, was an der ZPC-Schule passiert, in Fotos fest – so hat sich inzwischen ein ansehnliches Archiv gebildet. Auch dieses will sortiert und betreut werden.
Darüber hinaus gilt es, all das zu bewerkstelligen, was die Zeit so mit sich bringt. Da war zunächst der Neubau des Schulcampus im Prater und die Übersiedlung, bei der Brandel als Koordinator fungierte. Kurz darauf wurden in Wien die Maccabi Games abgehalten – der Campus diente dabei als Base für die Sportler und Sportlerinnen. Die Covid-Pandemie, aber auch der Ukraine-Krieg und schließlich der Angriff der Hamas auf Israel forderten die ZPC-Schule massiv. Während es in der Pandemie darum ging, mit Tests und Masken Ansteckungen vorzubeugen, aber auch Eltern entgegenzukommen, denen auf Grund von Selbstständigkeit die Einnahmen wegbrachen und sie so das Schulgeld nicht mehr zahlen konnten, brachten die beiden Kriege viele neue Schüler und Schülerinnen an die Schule.
Für beide Gruppen – jüdische Geflüchtete aus der Ukraine und auf Grund der Feiertage in Wien gestrandete Israelis – wurden jeweils „Welcome-Klassen“ für Dutzende Kinder und Jugendliche eröffnet. Aus beiden Gruppen sind bisher noch Schüler an der Schule, sie wurden inzwischen in die Klassen eingegliedert, wobei es für sie anfangs auch Deutschförderklassen gab. Umgekehrt brachte der mit dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023 auch in Wien angefachte Antisemitismus auch jüdische Schüler aus öffentlichen Schulen an die ZPC-Schulen. In allen Fällen musste man sich genau ansehen, wo die Quereinsteigenden Lücken haben: Die einen brauchen massiven Deutschunterricht, den anderen fehlt es an Hebräisch-Kenntnissen. Und, so Brandel: Es gebe auch jetzt noch vereinzelt Neuankömmlinge aus der Ukraine, aus Israel, aber eben auch Wiener Kinder, die an die ZPC-Schule wechseln.
Was Brandel ebenfalls von seinem
Vater mitbekommen hat, ist seine
Liebe zum Schriftsteller Thomas Bernhard.
Die jüngsten politischen Entwicklungen sind auch in Brandels Familie Thema, erzählt er. Sein Vater sei immer offen mit seiner persönlichen Geschichte, aber auch dem Dilemma, in der NS-Zeit verfolgt worden, aber nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde zu sein, umgegangen. Früh habe sein Vater den eigenen Kindern – Daniel Brandel hat noch einen älteren Bruder – auch die NS-Geschichte und den Holocaust nähergebracht. Schon im Alter von 13 Jahren hat Brandel so die KZ-Gedenkstätte Auschwitz besucht. Heute fragt er sich, ob das nicht doch ein wenig früh war.
Er selbst und seine Frau verstehen sich als Agnostiker, die beiden Kinder – auf Sohn Simon folgte Tochter Leonie – wurden jedoch römisch-katholisch getauft. Der 7. Oktober habe bei ihnen, sie studieren beide, aber durchaus dazu geführt, „dass sie in Gesprächen mit Freunden spüren, dass sie das anders betrifft. In Studierendenkreisen ist bei vielen eine israelkritische Haltung da, und sie spüren, dass sie da quasi reflexhaft nicht in diese Richtung tendieren. Sie merken, da passt etwas nicht, und reagieren reserviert.“ Kürzlich habe ihm seine Tochter auch vorgeschlagen, gemeinsam die Ausstellung Die dritte Generation im Jüdischen Museum zu besuchen und habe dann gemeint, „sie spürt, dass da eben etwas in der Familie weitergegeben wurde und dass sie der aktuelle Krieg und auch der steigende Antisemitismus anders berührt als andere“.
Was Brandel ebenfalls von seinem Vater mitbekommen hat, ist seine Liebe zum Schriftsteller Thomas Bernhard. Er hat nicht nur das Gros seiner Werke, sondern auch jede Menge Sekundärliteratur zu Bernhard gelesen. „Er hat Österreich so wunderbar den Spiegel vorgehalten.“ Wenn Brandel hinter seinem Schreibtisch sitzt – und das kann an manchen Abenden auch schon einmal bis spät in die Nacht der Fall sein –, ist Bernhard jedenfalls sein Begleiter. Zwei Fotografien des Schriftstellers, eine aufgenommen in dem von ihm so geliebten Café Bräunerhof, zieren die Wand in seinem Büro.
Neben der Literatur gehören auch das Beachvolleyballspielen sowie das Wandern und Bergsteigen zu Brandels Hobbys. Immer wieder macht er mit Freunden oder seiner Frau mehrtägige oder -wöchige Touren, bei denen sie ordentlich Höhenmeter machen. Dazwischen zieht es ihn immer wieder aufs Wasser. Als Jugendlicher machte er den Segelschein an der Alten Donau, später auch auf dem Neusiedler See und schließlich sogar den Küstenschein. Nun bucht er sich immer wieder auf einer kleinen Plattform für eine Woche in einem Segelboot ein. Dabei kommen insgesamt acht einander bis dahin unbekannte Personen zusammen, und gemeinsam mit einem professionellen Skipper wird dann die Route besprochen, eingekauft, gekocht und gesegelt. „In dieser Woche kommen auch tiefgehende Gespräche zustande. Aber nach der Woche geht man auseinander und sieht sich nie wieder.“ Auch das habe seinen Reiz – helfe aber vor allem, den manchmal doch anstrengenden Alltag hinter sich zu lassen.


























