UNGARN NACH DER WAHL: Unbändiger Jubel trifft auf vorsichtige Skepsis

Die Stimmung unter den jüdischen Ungarn ist großteils abwartend.

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Trotz des unglaublichen Jubels in der Wahlnacht bleibt das Land gespalten. Das hat mehrere Gründe. © APA-Images / REUTERS / Marton Monus

So politisch gespalten wie die Juden Ungarns vor der Parlamentswahl waren, so blieb ihre Stimmung und Verfasstheit auch nach der Abwahl Viktor Orbáns durch den überraschend hohen Sieg von Péter Magyar. Die unterschiedlichen Ansichten der säkularen und religiösen Juden ebenso wie jene zwischen dem konservativen und progressiven Lager sind nicht neu. Aber diesmal kam ein wichtiger dritter Faktor hinzu: Es war in ganz Ungarn eine Wahl der Jungen gegen die Alten.

„Die meisten Juden über 50 sind ängstlich, da sie fest davon überzeugt sind, dass die abgewählte Regierung die Juden beschützt hat. Doch die unter 40-Jährigen haben das nie so gesehen und sind daher überglücklich mit dem Wahlergebnis, weil sie darin einen Sieg der Demokratie sehen“, sagt Adam Daniel Breuer-Zehevi, Chefredakteur der einzigen jüdischen Fernsehstation Heti TV, im Gespräch mit dem Jewish News Syndicate (JNS). Kompletten Unsinn nennt er auch die Formel „Zero Tolerance“ in Zusammenhang mit Antisemitismus in Ungarn. „Jährlich gab es Feierlichkeiten auf der Burg aus Anlass eines ‚Ehrentages‘, zuletzt diesen Februar, da marschieren die Neonazis in Pfeilkreuzler- und SSUniformen auf“, so Breuer-Zehevi.

 

„Dringend ist auch die Evaluierung des ,Haus des Terrors‘
auf dem Andrássy Boulevard durch die ungarische Regierung,
damit dieses Museum endlich zu einer ausgewogeneren
und faireren ungarischen Erinnerungspolitik beiträgt.“
Éva Kovács

 

Auch die Soziologin Rachel Surányi, 39, die über das ungarische Judentum geforscht hat, ist überzeugt, dass es nicht Orbáns Verdienst sei, dass sich die Juden sicher fühlten, sondern dem Umstand geschuldet, dass sie einfach seit Jahrhunderten gut in die Gesellschaft integriert sind. „Auch das Narrativ, dass die Sicherheit im Land mit der Abwesenheit von Muslimen zusammenhängt, lehne ich ab. Denn Orbán hat immer Hass gesät, ich habe ihn gar nicht als ‚pro-jüdisch‘ wahrgenommen, sondern nur als Unterstützer der rechten Juden.“

Ganz anders sieht das Agnes Selmeczi- Vonnak, die eine Facebook-Gruppe mehrerer tausend Frauen als „Team Jiddische Mamma“ anführt. Sie hofft inständig, dass der designierte Regierungschef Magyar weiterhin Einwanderung verhindert. „Dieses Thema ist uns sehr wichtig, denn wir fühlen uns in Budapest wohl, weil die Stadt nicht voll von arbeitslosen Moslems ist.“ Das zweite Anliegen ist ihr ebenso wichtig, wie vielen Älteren und Konservativen: „Solange die Minister ihre Hausaufgaben zum Nahen Osten machen und nicht nur die Mainstream- Informationen nachplappern, werde ich mit dem Wechsel zufrieden sein.“

Der neu gewählte ungarische Ministerpräsident Péter Magyar vor dem Holocaust-Denkmal in Budapest, nur vier Tage nach seinem Wahlsieg. © APA-Images / REUTERS / Marton Monus

Die Verrenkungen der Mazsihisz und von Chabad. Die offizielle Vertretung der ungarischen Juden steht unter der Leitung von Andor Grósz, der seit 2024 den historischen Dachverband MAZSIHISZ leitet – vergleichbar mit der IKG Österreich. Grósz arbeitete Jahrzehnte als Chefmediziner im ungarischen Militär und war lange Präsident der jüdischen Gemeinde Kecskemét, er spricht nur Ungarisch und Russisch. (Siehe QR-Code für Porträt im WINA-Magazin.) Da es seine Aufgabe ist, gute Kontakte zur Politik zu pflegen, ließ er sich zu einer Wahlempfehlung hinreißen: Wenige Tage vor dem 12. April rief er jüdische Jugendliche bei einem Treffen dazu auf, an der Wahlurne zu bedenken, welch gutes Verhältnis der amtierende Regierungschef zu Israel und zu Premier Netanjahu habe. Nur vier Tage später, am 16. April, saß Andor Grósz bereits neben dem Kippa-tragenden Péter Magyar bei der Gedenkfeier für die ungarischen Schoa-Opfer.

„Meine Hoffnung ist, dass die Jüdische Gemeinde und
ihre Institutionen Lehren aus Magyars Wahlsieg ziehen: Wir
brauchen zur Auffrischung Mitglieder aus der neuen Generation.“
Rachel Surányi

 

Aber auch die jüngere, religiöse EMIH (Egységes Magyarországi Izraelita Hitközség), eine Mitgliedsorganisation der Chabad- Lubawitsch-Bewegung in Ungarn, hatte Interesse, sich mit der Orbán-Regierung weiterhin gut zu stellen, denn auch sie erhielten staatliche Zuwendungen. Und das „viel zu großzügig“ befinden die Kritiker des 47-jährigen Oberrabbiners der EMIH, Slomó Köves. „In meinem jüdischen Freundeskreis, meinem weiteren Umfeld haben alle die Wahlergebnisse einhellig begrüßt. Viele hoffen, dass die großzügigen Gelder an Chabad eingestellt werden und diese Mittel wieder in die Hände der etablierten ungarischen jüdischen Gemeinden gelangen“, sagt Universitätsprofessorin Éva Kovács, die Soziologie und Ökonomie in Ungarn studiert hat, dort auch noch unterrichtet und in Wien als stellvertretende Direktorin für Wissenschaft am Simon Wiesenthal Institut tätig ist. Auch die Soziologin Surányi sieht die Finanzierung für Chabad kritisch, weil sie sich mehr für die ausgehungerte ungarische Zivilgesellschaft erhofft. „Meine Hoffnung ist, dass die Jüdische Gemeinde und ihre Instituerhalten tionen Lehren aus Magyars Wahlsieg ziehen: Wir brauchen zur Auffrischung Mitglieder aus der neuen Generation.“

Präsident Grósz und Rabbiner Köves haben beide dem Wahlsieger gratuliert. „Ich konnte mit Péter Magyar noch keine intensiven Gespräche über unsere Gemeinde führen, aber in meinem Glückwunschbrief betonte ich die Wichtigkeit, die Errungenschaften der letzten Jahre zu erhalten. Wir haben auch guten Grund zur Annahme, dass wichtige Sicherheitsbelange und die Dialogfähigkeit, die schon Teil eines breiteren nationalen Konsens geworden sind, auch bestehen bleiben“, so Köves. Und er fügt hinzu: „Es ist ein positives und ermutigendes Zeichen, dass Magyar gleich in den ersten Tagen nach seiner Wahl bei der Schoa- Gedenkfeier anwesend war. Diese Geste hat eine symbolische und moralische Bedeutung und zeigt ein Bewusstsein für historische Verantwortung.“

Die Jüngeren wollen eine stärkere EU-Anbindung, die Älteren weniger. Während sich die Jüngeren sowohl in der jüdischen als auch nichtjüdischen Gesellschaft intensiv nach einer besseren und stärkeren Anbindung an die EU und ihre Institutionen sehnen – und mit dem ersten Auftreten Magyars auch optimistisch sind, geben sich die Älteren noch zurückhaltend bis skeptisch. Auch der 52-jährige Israeli Eli, der wie viele seiner Landsleute im Immobiliengeschäft präsent ist, möchte, dass alles so bleibt wie unter Orbán. „Magyar wird diese restriktive Politik gegenüber Moslems wegen der zukünftigen EU-Abhängigkeit nicht durchhalten können.“ Der Historiker Attila Novák hält dagegen: „Die neue Regierung wird gut für uns sein. Als Jude habe ich überhaupt keine Angst, es kann auch für uns nur besser werden. Und die persönliche Beziehung zwischen Magyar und Netanjahu wird gut und normal sein, aber nicht so speziell.“

Das sieht auch der polyglotte Fernsehmacher Breuer-Zehevi so: „Ich erwarte mir, dass die neue Regierung etwas weniger pro-israelisch sein wird, wenn es um die EU-Sanktionen geht, denn es ist für Ungarn wichtig, die eingefrorenen EUFonds zu erhalten, die Wirtschaft ist in den Boden gefahren worden.“ Auch András Büchler, Präsident der Kultusgemeinde Sopron und Vorstand in der Föderation ungarischer Gemeinden, hält es mit Breuer-Zehevi: „Ungarn wird nicht die Option haben, bei jeder einzelnen Entscheidung auf Seiten Israels zu sein. Die Beziehungen zwischen Ungarn und Israel werden einfach pragmatischer werden.“

Ungarns neuer Premierministr Péter Magyar, Andor Grósz (MAZSIHISZ) und Vertreter der lokalen jüdischen Gemeinde sowie Diplomaten während der Gedenkzeremonie für die rund 600.000 in der Schoa ermordeten jüdischen Ungarinnen und Ungarn. © APA-Images / REUTERS / Marton Monus

Herkulesaufgabe Rückbau. Dass Péter Magyar und seine Tisza-Partei dem Putin- Freund und Anti-Europäer Viktor Orbán das Poltern in der Außenpolitik überließen und sich der Innenpolitik und den brennenden Anliegen der Ungarn widmeten, also der grassierenden Armut, dem maroden Gesundheitssystem sowie der überbordenden Korruption, hat sicher die große Zustimmung gebracht. Oder, wie es eine Freundin in Budapest plastisch ausdrückte: „Magyar war nicht nur in jedem Winkel Ungarns unterwegs, er hatte auch jedes Roma-Kind auf den Knien.“

Den Wahlkampf beurteilt auch Rabbi Köves als klug: „Die Tatsache, dass das jüdische Leben und Israel keine zentralen Themen in dieser Wahlkampagne waren, ist schon ein Zeichen der Normalität und zeigt Reife im öffentlichen Diskurs und bietet eine stabile Basis für die Zukunft.“ Die innenpolitischen Baustellen, die Magyar in Angriff nehmen muss, sind zahlreich, schwierig und brauchen Zeit: Der Rückbau in der Justiz, der Medienlandschaft und der Bildung ist genau so vordringlich wie die radikale Kur für das Gesundheitswesen.

 

„Das Narrativ, dass die Sicherheit im Land mit
der Abwesenheit von Muslimen zusammenhängt,
lehne ich ab. Denn Orbán hat immer Hass gesät, ich
habe ihn gar nicht als ‚projüdisch‘ wahrgenommen,
sondern nur als Unterstützer der rechten Juden.“
Rachel Surányi

 

Unter den Intellektuellen und im akademischen Bereich kennt sich Professorin Kovács gut aus: Wie schnell kann der Druck von den Universitäten genommen werden? „Die Wahlergebnisse haben eine kognitive, mentale Triebkraft: nämlich die Hoffnung, dass der politische Druck von den Universitäten und den ,ehemaligen‘ akademischen Einrichtungen genommen wird. Dies liegt nicht nur im Interesse der Forschungsgemeinschaft, sondern auch der neuen Regierung, da so der Zugang zu europäischen Forschungsmitteln wieder geöffnet wird“, so die Soziologin. „Aber es ist eine utopische Erwartung, dass das schnell und radikal gehen kann, denn selbst wenn das akademische und universitäre Leben seine Autonomie rasch zurückgewinnt, wird die Neuordnung noch dauern. Andererseits waren die Universitäten, die in die Orbán-genehmen Hände von ,gemeinnützigen Stiftungen‘ überführt wurden, auch bisher keineswegs mittellos. Es ist jedoch vorerst unklar, wie diese ,reversiert‘ und ihre finanzielle Autonomie wiederhergestellt werden können.“

Was Éva Kovács optimistisch stimmt, ist die Chance, dass jene Forscher und Akademikerinnen, die Ungarn in den letzten 16 Jahren verlassen haben und weltweit erfolgreich geworden sind, hierher zurückkehren. Denn die Ausbildungsstätten für die Elite seien unter Orbán auch nicht verschwunden: Unzählige hervorragende WissenschafterInnen hätten in Ungarn ihren Abschluss gemacht. Die Holocaust-Forschung ist Kovács ein besonderes Anliegen, daher hofft sie, dass der Wille und die Ressourcen dafür jetzt bereitgestellt werden. „Die Dauerausstellung des Holocaust Memorial Centers (HDKE) in der Pava-Utca ist zwanzig Jahre alt.“ Da müsse man ein neues Ausstellungskonzept ausschreiben.

„Dringend ist auch die Evaluierung des ,Haus des Terrors‘ auf dem Andrássy Boulevard durch die ungarische Regierung, damit dieses Museum endlich zu einer ausgewogeneren und faireren ungarischen Erinnerungspolitik beiträgt“, so die Forscherin, denn eine phantastische neue Generation von ForscherInnen warte nur darauf, ihr Wissen in Ungarn institutionalisieren zu können. Dieses Gefühl des von der Jugend angeführten Aufbruchs in der durchgefeierten Wahlnacht konnten TV-Zuschauer in der ganzen Welt miterleben. War die Freude so groß wie 1989 beim Fall des Kommunismus? Nein, sagt die Budapester Freundin, die es vergleichen kann: „Dieser Jubel war viel größer!“

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